Dieses Buch hat mich tagelang gefesselt, und dabei besteht es nur aus Reportagen aus Asien, Europa und Afrika. Welchen Wert hat die Geschichte, die Vergangenheit, die Traditionen einzelner Kulturen und Orte in einer globalisierten Welt, die mit atemberaubender Geschwindigkeit immer mehr Bereiche der Welt vereinnahmt? Das ist die zentrale Frage, die den Autor dieser Reportagen um die ganze Welt treibt. Der Klappentext macht schon auf das dabei zu Tage tretende Grundparadox aufmerksam. Einerseits besitzen wir (in der westlichen Welt) Mittel wie nie zuvor, die Vergangenheit zu konservieren und wieder lebendig vor Augen zu treten lassen, andererseits sind gerade die Zeugnisse der Vergangenheit, die Geschichte durch unsere Zivilisation in einem noch nicht dagewesenen Ausmaß bedroht.
Alexanders Stilles Reisen führen ihn unter anderem nach Äpypten, wo die Sphinx leise und unaufhörlich zerbröckelt. Ihre Gestalt ist dreidimensional vermessen worden, so dass ihr Erscheinungsbild virtuell konserviert wurde. Sie steht stellvertretend für die faszinierende Hochkultur der Ägypter, deren Zeugnisse durch Touristen und die immer näher an die Monumente heranrückenden Städte bedroht sind. Gleichzeitig bringt der Tourismus auch das Geld hinein, das für die Erhaltung der Denkmäler notwendig ist.
Dem Autor geht es um die Verluste, die die moderne erdumspannende Zivilisation mit sich bringt. Die Verdrängung von alten Sprachen (durch die Globalisierung) und den Verlust von Zeugnissen antiker Hochkulturen (wie der chinesischen und der ägyptischen durch Bautätigkeit und Industrieabgase), das Verschwinden von Tier- und Pflanzenarten und der Verlust des biologischen Gleichgewichts (durch die steigende Inanspruchnahme und die wachsende Erdbevölkerung).
Stille lässt sich jedoch nicht wie andere amerikanische Sachbuchautoren zu plakativen Untergangsszenarien hinreißen, sondern stellt in seinen Reportagen die Menschen in den Mittelpunkt, die dem Verlust entgegenzuwirken oder Veränderungen zu gestalten versuchen. Ihre Versuche sind in die Entwicklung eingebunden, und nicht immer erfolgreich. So ist der italienische Anthropologe, der die kulturellen Errungenschaften einer melanesischen Inselgesellschaft akribisch aufzeichnet und so einer der Bewahrer wird, zugleich auch der Vorbote der Zivilisation, die die kulturellen Traditionen schwächt und langfristig zum Verschwinden bringen wird.
Das Buch ist sehr lebendig geschrieben, das vielschichtige Thema wird nie abstrakt abgehandelt sondern immer sehr konkret und fallspezifisch. Man erfährt sehr viel über Menschen und Mentalitäten im Wandel, über Geschichte und Traditionen. Es macht nachdenklich und schärft den Blick für die Paradoxien unserer Zeit.