Wenn man Adorno liest, muss man sich darauf einstellen, Wahrheiten hören zu müssen, die vielleicht unbequem sein können, aber genau darin liegt seine Stärke. In dem Werk sind verschiedene Aufsätze von Adorno enthalten, die unterschiedlichen Themen gewidmet sind, von der Typographie und Auseinandersetzung mit Satzzeichen und Heine bis hin zu Kunstauffassungen und Lyrik. Die seidene Zartheit, die die Sprache Adornos hat und mit der er Sachverhalte eruiert, münden keinesfalls in Euphemismen und machen keinen Halt davor, Mängel bis aufs Schärfste zu kritisieren. Die manchmal rigoristische Härte, mit der er diese Mängel angreift, treiben nicht die Ästhetik seiner Ausdrucksfähigkeit aus, was Adorno zu lesen – trotz einiger komplexer Gedanken – zum Genuss machen kann.
In der Auseinandersetzung mit der Kunstauffassung Valérys schreibt er folgende Worte, die seine (bekannte) Haltung zur Massenkultur illustrieren und die ich für höchst bewundernswert halte wegen ihrer Präzision und Reflektiertheit:
„Er [Valéry] setzt die Antithese zu den anthropologischen Veränderungen unter der spätindustriellen, von totalitären Regimes oder Riesenkonzernen gesteuerten Massenkultur, die die Menschen zu bloßen Empfangsapparaten, Bezugspunkten von conditioned reflexes reduziert und damit den Zustand blinder Herrschaft und neuer Barbarei vorbereitet. Die Kunst, die er den Menschen, wie sie sind, entgegenhält, meint Treue zu dem möglichen Bilde vom Menschen. Das Kunstwerk, welches das äußerste von der eigenen Logik und der eigenen Stimmigkeit wie von der Konzentration des Aufnehmenden verlangt, ist ihm Gleichnis des seiner selbst mächtigen und bewußten Subjekts, dessen, der nicht kapituliert. Nicht umsonst zitiert er mit Enthusiasmus eine Äußerung von Degas gegen die Resignation. Sein Gesamtwerk ist ein einziger Protest gegen die tödliche Versuchung, es sich leicht zu machen, indem man dem ganzen Glück und der ganzen Wahrheit entsagt. Lieber am Unmöglichen zugrunde gehen".
Diese Bereitschaft, es sich nicht leicht zu machen, ist aus meiner Sicht ein Kernpunkt von Adornos Philosophie. Diese Einstellung erfordert viel Mut und viel Beharrlichkeit, doch ist sie befreiender und erfüllender, als die uns angebotenen vermeintlichen Wahrheiten mit sklavenhafter Demut hinzunehmen, ohne zu hinterfragen, dass diese unser eigene Untergang sein können. Dies zu erkennen und aus dem Rausch der Blase herauszukommen, die uns stets umgibt, ist die größte Befreiung und der größte Gewinn.