Vielen Dank an NetGalley und den Argon Verlag AVE GmbH | Argon Digital, die mir diese ALC des Hörbuchs zur Rezension geschenkt haben.
Die Themen, die im Buch beschrieben werden, wie die gefundene Familie, die Krankenpflege, das Setting in Berlin und die Charaktere in der Freundesgruppe haben mir sehr gut gefallen, allerdings schien mir vieles sehr realitätsfern und unauthentisch, deshalb konnte ich mich nie so recht in der Geschichte fallen lassen, sondern musste vermehrt darüber nachdenken, was alles an der Erzählung nicht sein kann. Vielleicht lag es auch daran, dass ich mich mit 26 etwas zu alt für dieses Buch gefühlt habe und es eher als Young Adult und nicht als New Adult aufgrund der Naivität der Protagonistin einstufen würde.
Bei den Ungenauigkeiten fängt es bei den Beschreibungen von Berlin an. Zu Anfang des Buches trifft sich Lio mit einer Freundin am Boxi. Der Boxi ist aber nicht in Kreuzberg und hat auch keine Plattenbauten im direkten Blickfeld. Ich denke, die Autorin meinte den Kotti. Dann ist Lio und auch der restliche Freundeskreis vor allem in Kreuzberg und Friedrichshain unterwegs. Ihr Wohnheim befindet sich aber in Tegel. Von Tegel nach Kreuzberg oder Friedrichshain braucht man eine gute Stunde. Klar, manchmal fährt man in andere Stadtteile, um dort etwas zu machen, aber so regelmäßig? Geschweige denn, dass sich eine Gruppe aus 4 Leuten, die alle in Tegel wohnen, eine Stunde auf den Weg nach Friedrichshain machen, um dort Ramen zu essen, weil sie keine Lust haben selbst zu kochen? Lio reist auch regelmäßig durch die Zeit, wenn er nachts in Kreuzberg unterwegs ist und dann wenig später rechtzeitig zum Dienst in Tegel erscheint. Wenn man die trendigen Stadtteile im Buch aufnehmen wollte, wieso hat man das fiktive Krankenhaus nicht einfach etwas näher z.B. im Tempelhof platziert?
Es macht auch den Eindruck, dass die Autorin noch nie selbst in einer WG gewohnt hat. Es erscheint mir doch sehr unrealistisch, dass eine WG aus 5 19-Jährigen so organisiert ist, dass die Küche voller (nicht abgelaufenem) Essen ist, das von einem Sparschwein finanziert wird, in das jeder so viel hineinwerfen kann, wie er möchte, jemand für alle regelmäßig einkaufen geht und täglich für alle kocht und es dabei zu keinen Streitereien kommt. Wobei manche Menschen sich an der Arbeit nur wenig beteiligen (ehem Lio) und andere alles machen (Emi). Es kann schon sein, dass es solche WGs gibt, aber diese bestehen sicher nicht aus fünf 19-Jährigen, die frisch ausgezogen sind und sich größtenteils vorher nicht kannten und die Konstellation der WG durch das Wohnheim vorgegeben wurde und alle auch noch zusammenarbeiten. Dass Alica so durch ihr Unwissen, wie man kocht oder seine Wäsche wäscht, auffällt, fand ich auch erstaunlich. In neuen Studenten-/Azubi-WGs ist das sicherlich keine Seltenheit.
Genauso unrealistisch scheint es mir, dass Lio, der 19 ist, seine Bisexualität so frei auslebt, wie es im Buch beschrieben ist, und dabei mit keinerlei externen oder internen Problemen konfrontiert wird. Vielmehr wird hier ein Wunschbild beschrieben, wie man seine Sexualität ausleben kann, das daher aber leider wenig authentisch wirkt. Auch wenn Berlin im generellen eine Queer freundliche Stadt ist, scheint es mir doch sehr unrealistisch, dass Lio keinerlei negative Erfahrungen zu machen scheint und fast nächtlich feiern geht. Davon abgesehen, dass es unmöglich ist, so wenig zu schlafen und so viel feiern zu gehen und tagsüber die Berufsschule zu besuchen, ist auch seine sexuelle Offenheit ja nicht ohne ihre physischen und psychischen Grenzen und Risiken. Und auch wenn es der Autorin vielleicht prinzipiell darum geht zu zeigen, dass Lio lebt, wie er gerne möchte und er ein freier Spirit ist, ist sein Verhalten nicht wirklich das gesündeste und das wird mir an dieser Stelle zu wenig reflektiert. Auch wissen wir gar nicht, wie es ihm dann nach seinem ‚Happy End‘ geht und deshalb fühlt sich das Happy End für mich auch nicht so glaubhaft an. Geht Lio noch feiern? Fehlt ihm die Euphorie, neue Leute kennenzulernen? Ist er in Therapie bezüglich seiner Verlustängste? Was macht er jetzt den ganzen Tag, wenn er nicht immer unterwegs ist? Da wir sonst nicht so viel über Lio wissen, außer, dass er ein sehr netter und verständnisvoller Typ ist, scheint es mir so, als würde ihm durch das Happy End die Hälfte seiner Charakterzüge weggenommen werden. Wer ist er denn jetzt?
Es wird auch ein seltsames Verständnis von Demi-Sexualität vermittelt. Denn demi-sexuell bedeutet eigentlich, dass man sich erst nach einer emotionalen Bindung sexuell von anderen Menschen angezogen fühlt und nicht, so wie es bei Lio beschrieben wird nach dem ersten Kuss/ dem ersten Sex das Interesse verliert bzw. mehr als eine sexuelle Grundlage für eine Beziehung braucht.
Alica als Protagonistin kam mir leider sehr naiv vor, vor allem, was ihre Begegnung mit Felix angeht und wie sie das ganze Leben ‚weg von Zuhause‘ gestaltet. Ohne ihre Mitbewohner hätte sie keine zwei Tage alleine überlebt. Und auch wenn Lio seine eigene Entwicklung durchmacht, fand ich Alica noch ein Stück zu unreif für ihn. Bedauerlicherweise entwickelt sie sich auch nicht so stark wie Lio.
Die Erzähler des Audiobuchs hatten sehr angenehme Stimmen, die man auch bei höheren Geschwindigkeiten noch sehr gut verstehen kann. Leider hat mich die Unterteilung des Hörbuches in so viele Abschnitte (171) enorm beim Vor- und Zurückspulen gestört.
Von diesen Punkten abgesehen, die größtenteils in der Überabeitung hätten gelöst werden können, hatte die Geschichte aber ‚gute Knochen‘ und ich denke, ich werde mich auch auf den zweiten Teil der Dilogie einlassen. 3,5 ***