Vom Umgang mit einem unheilbar Kranken in der Familie und den Erwartungen von außen, die das Leid noch schlimmer machenFünf Jahre hat Katrin Seyfert ihren Mann durch seine Alzheimer-Erkrankung begleitet. Anfang 50 war er, als er die Diagnose bekam, Arzt und Vater von fünf Kindern. Sie hat den Familienalltag organisiert, die Finanzen, den Pflegedienst. Schließlich die Beerdigung. Schonungslos offen und brutal ehrlich erzählt sie davon, wie es ist, wenn der Partner allmählich seine Sprache und damit seine Identität verliert. Wie sie mit der Rolle hadert, die ihr erst als pflegende Ehefrau, dann als Witwe zugeschrieben wird. Und wie sie ihren eigenen Weg findet, sich mit der Lücke, die ihr Mann hinterlassen hat, zu arrangieren. Das Leben schlug zu, mit ihren Texten schlägt sie zurü gegen die Konventionen, gegen die Tabus, gegen die Selbstverleugnung.
Als Katrin Seyferts Mann Marc sich mit Anfang 50 dem Diagnoseverfahren wegen Verdacht auf Alzheimer unterziehen musste, lautete die Diagnose nach ICD-10: Alzheimer G30 Typ2 mit frühem Beginn, die voraussichtlich einen rapiden Verlauf haben würde. Als Mediziner waren ihm die Konsequenzen frühzeitig klar. Für die Familie mit drei Kindern zwischen 6 und 10 Jahren folgten 5 dramatische Jahre, bevor Marc Seyfert 2022 noch während der Corona-Pandemie an seiner Erkrankung versterben würde. Die Autorin beschreibt den Verlauf der Krankheit streckenweise mit bitterer Ironie. Vermutlich können sich Nichtbetroffene nur schwer vorstellen, auf wie viel Unverständnis und mangelnde Fachkenntnis betroffene Familien noch vor Diagnose und der Bewilligung einer Pflegestufe bei Ärzten und medizinischen Personal treffen können. Auch habe ich mich gefragt, wie eine Familie neben der Organisation des übrigen Alltags ohne eine Organisatorin mit Managertalent überhaupt klarkommen kann. Die Ehe zu dritt, in der der dritte Partner die Krankheit ist, erhält bei Seyferts außergewöhnlich kreative Hilfe von Freunden, die weit über das Vorbeibringen einer warmen Mahlzeit in Krisenzeiten hinausgeht, die standardmäßig in Romanen vorkommt. Gerade als eine Betroffene unterstützende Person kann man von Humor, Kreativität und der Sicht der Kinder der Seyferts viel lernen.
Der längere Teil des Buches befasst sich mit der Zeit nach dem Tod von Katrins Seyferts Mann, ihrem Trauerprozess und dem ihrer Kinder. Dieser Abschnitt wird gezwungenermaßen zum feministischen Text, da für pflegende und verwitwete Angehörige offenbar noch immer verknöcherte Rollenklischees gelten. Pflegende Männer werden in umfangreichen Reportagen als Helden gefeiert, während pflegende Frauen allein aus Zeitmangel aus der Öffentlichkeit verschwinden. Verwitweten Männern wird ein eigenes Leben mit neuer Partnerschaft zugestanden, verwitwete Frauen werden dagegen zu tapferen Frauchen erklärt und ihnen wird (hier) Hilfe beim Ausfüllen von Online-Überweisungen angeboten.
Fazit „Lückenleben“ ist durch die Schriftgröße komfortabel zu lesen (wer in Klinikfluren ohne Leselicht wartet, wird das schätzen), sprachlich jedoch nicht niederschwellig, obwohl es auch beim Thema frühe Demenzerkrankung Bedarf an Büchern gibt „ohne zu viele Fremdworte“. Kompensationsrhetorik als Begriff ist für mich z. B. die Latte zum Genre „Akademiker:innen schreiben für Akademiker:innen“. Zum Thema biografischer Ansatz (welcher Mensch war Marc Seyfert und wie hat das seine Betreuung bestimmt) und durch umfangreiche Literaturhinweise konnte ich vom Buch profitieren. Beeindruckt hat mich besonders die Sicht der Kinder, für die ich mich stets interessiere. Oscar Seyfert hat aus seiner Sicht ein eigenes Buch verfasst Vom Privileg, einen kranken Vater zu haben. Stellvertretend für die Unterstützerszene sei hier die rührende Hilfe der Nachbarin Marianne genannt – für Unterstützer Betroffener empfehle ich das Buch ausdrücklich.
„Ich ärgere mich, dass ich in einem Buch über Krankheit auch über Emanzipation schreiben muss.“ S. 214
Katrin Seyfert schreibt in ‚Lückenleben‘ über die Zeit von der Alzheimer Diagnose ihres Mannes, über die Jahre der Pflege, die Entscheidung diese Pflege abzugeben und schließlich um die Zeit danach, das erste Trauerjahr. Ich bin erstaunt darüber, wie schnell ich durch diese Texte geflogen bin, obwohl es sich hier um schwere Themen handelt. Aber Seyfert schreibt so ehrlich und humorvoll, schonunglos, gesellschaftskritisch und zum Teil feministisch, dass ich am Ende ohne Unbehagen aus der Lektüre rausgegangen bin.
Sie bricht mich Konventionen, Klischees, Stigma einer Krankheit, aber vor allem von Trauer. Die Gesellschaft hat genaue Erwartungen an pflegende Angehörige, Witwen, Kinder, wie und wie lange genau diese zu trauern haben. Soch hier wird offen und ehrlich heruntergeschrieben, dass all diese Aspekte (natürlich) persönlich ganz anders sein können, dass da nicht nur Traurigkeit, auch Wut, Angst, Überforderung und Hilflosigleit sind.
Dabei schreibt Seyfert aus einer recht priveligierten, akademischen, klassischen hetero Sicht. Was ich nicht bewerte und der Vollständigkeit halber erwähne. Denn schreibt sie über klassische Rollenverteilungsprobleme oder Geldsorgen, erzählt sie hier rein über ihre eigenen Erfahrungen. Wahrscheinlich hat mich genau das überzeugt. Es geht nicht darum, es anderen recht zu machen, nur darum, Leid (mit-) zu teilen, zu erklären. Und trotzdem stehen am Ende auf 7 Seiten Quellen und Verweise auf Studien und wissenschaftliche Texte - so lobe ich mir das! Nur das häufige Erwähnen von Alkohol ging mir etwas daneben. Aber auch hier wieder: Ehrliche Erzählungen. Am Ende hätte ich mir noch eine kleine Einführung ins Thema der Krankheit allgemein gewünscht, aber am Ende ist Katrin Seyfert auch Journalistin und keine Fachkundige.
Im Spiegel erschienen über die vergangenen Jahre mehrere Artikel dieser Autorin über die Krankheit ihres Mannes. Diese Artikel waren sehr eindringlich, ungewöhnlich und beeindruckend, weil die K. Seyfert, ohne Weichzeichner über diese Erfahrungen geschrieben hat. Ich fand die Artikel so gut, dass ich manche mehrmals gelesen habe und auch ab und zu mal geschaut habe, ob ich eine Veröffentlichung verpasst habe. Jetzt also das Buch. Was über die Artikel hinausgeht, ist die sehr ausführliche Erläuterung ihrer Wut. Wut über "falsche", wenn auch gutgemeinte Hilfe von Bekannten. Wut über das Gesundheitssystem, das den Angehörigen viel zu viel aufbürdet. Wut über die Erwartungen der Gesellschaft an sie, erst als Ehefrau eines Alzheimerkranken und dann nach dessen Tod als dessen Witwe. Teilweise sind die Erklärung und Analyse ihrer Wut nachvollziehbar, teilweise denkt man sich, ja, auch jemand, der mal Pläne hatte und dann hat das Leben diese Pläne pulverisiert. Willkommen im Club. Davon abgesehen wirklich lesenswert und sehr zum Nachdenken anregend.
Darf man so ein Buch kritisieren? Ein relativ junger Mann (50 Jahre) erkrankt an Alzheimer. Seine Frau schildert den Verlauf von der Diagnose bis zu seinem Tod. Das Buch ist eine Mischung aus Roman und Sachbuch. Neben der Erzählung werden Experten zitiert, philosophische Gedanken geteilt und vor allen Dingen Anderslebende/Anderstrauernde verurteilt.
Wie ein roter Faden zieht es sich durchs Buch: Die Gesellschaft hat ganz besonders die Angehörigen von Alzheimerpatienten auf den Kieker. Falsches Mitleid, falsche Hilfe, falsche Trauerkleidung, falsches Trauerjahr….. Ob es daran liegt, dass die Autorin in Hamburg lebt? Bei uns in der Provinz ist das Leben einer Witwe deutlich entspannter….. Abenteuerlich fand ich auch die Berechnung des erforderlichen monatlichen Verdienstes (35000,-€) der Autorin, um den Heimaufenthalt ihres Mannes und den ihrer Familie zu finanzieren. Ein Schonvermögen bei den Heimkosten scheint es in Hamburg nicht zu geben. Ja, Alzheimer ist ein Schicksalsschlag, aber die Autorin sucht nach Fehlverhalten aller, kaum einer kann es ihr recht machen.