Giovanni di Lorenzos Interviews mit prominenten Zeitgenossen sind immer wieder ein Ereignis.
Wir erfahren, warum Daniel Cohn-Bendit kurz nach seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag erstmals seine jüdische Familiengeschichte erzählt. Staunen, dass Telekomchef Timotheus Höttges für das bedingungslose Grundeinkommen plädiert und Udo Jürgens sich nach umjubelten Konzerten manchmal wie ein Nichts fühlte. Nehmen Anteil an den Glaubenszweifeln von Papst Franziskus; spüren die Angst, die ein Despot wie Recep Erdoğan verbreitet. Durch die Intensität der Begegnungen entstehen spannungsreiche Portraits, die zugleich ein Spiegelbild der großen politischen und gesellschaftlichen Themen des vergangenen Jahrzehnts sind – Flüchtlingskrise, Pandemie, Krieg, Fremdenfeindlichkeit oder Cancel-Culture-Debatten.
Lesend tauchen wir ein in die Überzeugungen und Biografien von Menschen, die auf unterschiedliche Weise die Gegenwart geprägt haben. Giovanni di Lorenzo schafft dabei eine Atmosphäre seltener Nähe und Offenheit, scheut aber nie die Konfrontation. Und entlockt so auch ausgebufften Medienprofis Dinge, die sie vorher öffentlich nicht gesagt haben.
Ich mag gute Interviews also mag ich dieses Buch. Besonders inspiriert haben mich das Gespräch mit dem Papst (wirklich), mit Robert Habeck (weniger überraschend) und Tim Höttges. Erstaunlich waren vor allem Erdogan und Orban. Messner hat mich auch gelehrt, wie in manchen Punkten 100% Zustimmung und Ablehnung aufeinanderfolgen können.
Wer Giovanni die Lorenzos Interviews aus der Zeit kennt, der weiß, was ihn erwartet: Interessante Gespräche, die unter die Oberfläche blicken. Gespräche, die mit so viel Ruhe geführt werden, dass immer wieder überraschende Antworten kommen.
Ich gebe zu, ich kannte nicht jeden Interviewpartner, habe aber alle Gespräche gelesen und war fasziniert von den passenden Fragen, aber auch den Gesprächspartnern. Hier findet sich eine große Bandbreite von einem jungen Mädchen, das erwachsenere Antworten gibt als so manch Erwachsener, über Udo Jürgens, Bully Herbig, Bülent Ceylan, Angela Merkel bis zum Papst. Auch bei Recep Tayyip Erdogan fand die Lorenzo die richtigen Worte. Auch wenn dieses Gespräch alles andere als angenehm war.
Ein wirklich schönes Buch voller guter Gespräche. Ich kann mir vorstellen, dass es einigen Lesern zu sachlich, zu wenig emotional war, aber genau so müssen Fragen gestellt werden.
Besonders interessant waren die Gespräche mit Personen, für die man sich eigentlich nicht so interessiert. Teilweise bestätigen sie Ahnungen und Vorteile, teilweise überraschen sie.