Der feine Unterschied zwischen Daydrinking und Alkoholismus, zwischen Sabbatical und Arbeitslosigkeit, zwischen Sammeln und Horten, zwischen Strategisch und Hinterlistig ist Klasse.
In diesem Buch wird Klassismus in Deutschland angesprochen. Das Unsichtbar, definierende Ding in unserer Gesellschaft. Die Autorin unterteilt “in fünf Klassen; die prekäre Klasse, die klassische Mitte, die aktuelle Mitte, wohlständige Klasse und die Überwohlständigen.” Dann geht sie durch verschiedene Themen wie Dating, Essen, Care Arbeit, Erben, Spenden und Bildung und untersucht was diese über Klasse aussagen und beeinflusst werden.
Ich fand den Schreibstil eine leserliche und unterhaltsame Mischung aus Fakten mit guten Quellen, persönlichen Anekdoten und Unterhaltungen mit anderen Menschen und das hervorheben von ihren Lebensumständen. Zwar habe ich nicht unheimlich viel neues dazu gelernt, aber alles war sehr gut dargestellt und erklärt und einige Zitate gaben mir sehr viel Gedankenstoff. Empfelenswert!
Zitate:
“Zwar haben wir uns von dem Gedanken gelöst, dass es »natürlich« sei, manche Menschen zu versklaven, doch heute gibt es eine andere Argumen-tationsweise, die es uns erlaubt, die Tätigkeit der einen Person
als weniger wert zu betrachten als die der anderen, und zwar: die Produktivität.”
“Seit Jahrzehnten wächst die Wirtschaft im globalen Norden nur noch langsam und die Bevölkerung noch weniger. Sie wird Seit Jahrzehnten wächst die Wirtschaft im globalen Norden sogar kleiner. Dadurch steigt das Privatvermögen wesentlich nur noch langsam und die Bevölkerung noch weniger. Sie wird sogar kleiner. Dadurch steigt das Privatvermögen wesentlich stärker als die Löhne und Einkommen, weil es weniger Kinder in der Familie gibt und sich dadurch das Geld auf weniger Personen verteilt. Es konzentriert sich. Das bedeutet, dass ein groBer Teil des Wohlstands in Deutschland nicht nach Leistung verteilt wird, sondern nach der Abstammung. Reich wird, wer reich ist.”
“Beide Kinder haben dieselben Chancen, aber unterschiedliche Lebensbedingungen, die darüber bestimmen, ob sie diese Möglichkeiten überhaupt nutzen können.”
“Die Idee des Aufstiegs durch Bildung entstand erst Ende des
19. Jahrhunderts. » Sie ist also vielleicht 130, 140 Jahre alt«, sagt der Bildungsforscher Heinz-Elmar Tenorth. »Erst seit dieser Zeit kann man sich in der deutschen Nation, aber auch in den westlichen Gesellschaften insgesamt vorstellen, dass es die Chance gibt, die Herkunftsschicht zu verlassen und über Bil-dungs- und Lernprozesse in andere Lebenswelten, Berufsper-spektiven, Handlungsmöglichkeiten, aufzusteigen als die, die man vom Elternhaus her kannte.«”
“Liebe ist ein Gefühl. Meine unabhängige Entscheidung.
Glauben wir. Sozialisierung ist ein komplexer Prozess, der sich im Unterbewusstsein so tief eingräbt, dass es schwer ist zu defi-nieren, ob ich etwas mag, weil ich es wirklich mag oder weil ich es gelernt habe zu mögen. Ein schleichender und nachhaltiger Prozess, der auch bestimmt, wen ich küssen möchte oder mit wem ich schlafe.”
“Über Geschmäcker lässt sich bis zu einem gewissen Grad tatsächlich streiten. Sie bilden die Schnittmenge zwischen gesellschaftlich normierten Vorstellungen, was eine gute Bezie-hungsperson ausmacht, und den individuellen Bedürfnissen und Wunschvorstellungen im Hinblick auf romantische Bezie-hungen. Letzteres basiert auf Erfahrungen und ist auch ein Ausdruck unserer Klassenidentität. Meine soziale Herkunft trägt dazu bei, ob ich den Holzfäller-Typen sexy finde oder die nicht-binäre Person mit den Piercings. Nicht nur die Klasse, in der ich aktuell stecke, sondern auch die, in der ich aufgewachsen bin, spielt eine Rolle.”
“»Erst wenn Frauen wirklich genauso viel verdienen wie Männer, spielt es für mich keine Rolle mehr, wie viel mein Partner verdient«, erklärte eine Bekannte, als ich sie fragte, was sie von gleichberechtigtem Dating hält. »Am Ende des Tages ist die gesellschaftliche Infrastruktur in Deutschland weiterhin so, dass die Frau die meiste Care-Arbeit übernimmt. Wenn du dann mit jemandem zusammen bist, der wenig Geld verdient, stellt sich die Frage, wie ihr euch und eure Kinder versorgen könnt?
Wenn wir wirklich gleichberechtigt wären, dann würde ich auch gleichberechtigt daten.«”
“Früher heirateten wir zur Kapitalübertragung, heute um gemeinsam zu konsumieren.
Wir suchen keinen soulmate, wir suchen einen shopping und lifestyle buddy. Die meisten Menschen möchten, dass Geld keine Rolle spielt, deshalb vermeiden sie es, indem sie mit einem Menschen ausgehen, der ähnlich viel verdient.”
“Klassismus verstärkt letztlich Sexismus… Elitefeminismus ist keine Lösung. Es verschiebt das Pro-blem. Das nun auf den Schultern der prekären Klasse sitzt, der Migrant:innen, Schwarzen Menschen - Personen, deren Schicksal sie einst teilten.”
“Vielleicht kann Julian besser mit Geld umgehen als Jannis, Döner essen und Käse kaufen, klingt jetzt nicht so, als hätte et das Bedingungslose besonders sinnvoll genutzt. Doch Armut sorgt dafür, dass wir schlechtere Entscheidungen treffen. In-vestment- oder Zukunftspläne, strategisches Denken, all das muss man sich leisten können, zeitlich, aber auch gedanklich.”
“Der Mythos des Individualismus trägt zum Klassenunbe-wusstsein bei. Wir sehen nicht die Struktur. Nur den Einzelnen.
Dieser Tunnelblick wird durch unsere Liebe zu Held:innen-geschichten verstärkt.”