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Das Philosophenschiff

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Mit diesem großen Werk schließt Michael Köhlmeier an seinen Bestseller „Zwei Herren am Strand“ an. Zu ihrem 100. Geburtstag lädt die Architektin Anouk Perleman-Jacob einen Schriftsteller ein und bittet ihn darum, ihr Leben als Roman zu erzählen. In Sankt Petersburg geboren, erlebt sie den bolschewistischen Terror. Zusammen mit anderen Intellektuellen wird sie als junges Mädchen mit ihrer Familie auf einem der sogenannten „Philosophenschiffe“ auf Lenins Befehl ins Exil deportiert. Nachdem das Schiff fünf Tage und Nächte lang auf dem Finnischen Meerbusen treibt, wird ein letzter Passagier an Bord gebracht und in die Verbannung Es ist Lenin selbst.

225 pages, Kindle Edition

First published January 29, 2024

17 people are currently reading
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About the author

Michael Köhlmeier

109 books117 followers
Michael Johannes Maria Köhlmeier ist ein österreichischer Schriftsteller, Musiker und Moderator.
Er lebt als freier Schriftsteller in Hohenems und Wien.

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1 star
10 (2%)
Displaying 1 - 30 of 66 reviews
Profile Image for Anna Carina.
690 reviews359 followers
abgebrochen
September 1, 2024
15% angelesen.
Da komme ich nicht rein. Finde die Erzählstimme schrecklich. Resigniert, zynisch.
Dröge, verstaubt, berichthaft.
Sie erklärt sich ständig. Wie im folgenden Zitat. Ja Wiederholungen gibt’s noch und nöcher und seltsame Kommentierungen.

Willst du das Grauen „um dich herum ertragen und nicht verrückt werden, sei
müde! Die Müdigkeit ist eine der großartigsten Erfindungen der Natur. Wenn ich mit meinem Mann gestritten habe und wir merkten, der Streit wird längere Zeit dauern, dann habe ich mir den Befehl gegeben: Müde werden! Anouk, sei müde! Es gibt Menschen,
und es sind nicht die unglücklichsten, die sind ihr ganzes Leben lang müde. Sie sind
immer müde. Seit meinem neunzigsten Lebensjahr gehöre ich zu diesen Menschen. Ich hätte früher damit anfangen sollen. Apropos Müdigkeit. Kommen Sie morgen wieder! Und bitte, um die gleiche Zeit. Ich mag Wiederholungen. Ich will sagen, ich halte nur noch Wiederholungen aus. Werden Sie
kommen?“
Profile Image for Ernst.
657 reviews30 followers
June 16, 2024
Nichts da mit Bonbon am Ende und schon gar nicht literarisch, eigentlich fehlt mir schon fast die Lust eine Rezension zu schreiben.

Ein passender Untertitel für dieses Buch wäre: „Ein Seniorenroman“.

Das beste was man zu dem Roman sagen kann: es gibt Leute die ihn mochten und das freut mich für das Vorarlberger Ehepaar.

Ich habe versucht mir vorzustellen unter welchen Umständen ich selbst das Buch vielleicht doch gemocht hätte und das ist jetzt nicht ironisch gemeint, ich glaube in Phasen von Krankheit oder Rekonvaleszenz wäre das Hörbuch nicht unangenehm, es ist sehr ruhig, ganz unaufgeregt, es passiert nichts, das einen auch nur ansatzweise in Emotion oder Unruhe versetzen könnte, es könnte eine Art akustischer Balsam sein und so nebenbei ist Köhlmeier ja auch sehr zärtlich mit seinen Figuren. Also falls Pflegekräfte eine Hörbuchempfehlung für ihre Klienten benötigen, wäre diese absolut risikofrei ohne Nebenwirkungen. Und ich meine das überhaupt nicht abwertend oder sarkastisch, ich glaube es gibt wenig Literatur dieser Art, die so dermaßen ruhig und nachdenklich ist, aber dennoch mehr zu bieten hat als irgendein Groschenroman-Humbug, es treten bekannte Figuren auf, Lenin etwa, sympathische Figuren, natürlich ist der Erzähler selbst ein ganz Lieber und seine Frau die Monika ist eine genau so Liebe und die Interviewpartnerin ist eine ganz liebenswürdige die mit 100 Jahren so klar im Kopf ist wie es sich manch 70 jähriger wünschen würde und als Ersatz für Kreuzworträtsel oder Sudoku, man darf rätseln, ob sie eine fiktive oder vielleicht doch verfremdete reale Persönlichkeit ist, und auch sonst kann man viel rätseln, denn Köhlmeier dichtet sich selbst eine Legende an, die besagt, bzw. die 100Jährige sagen lässt, dass man über ihn (Köhlmeier) behaupte, man glaube ihm, wenn er die Unwahrheit schreibt und man glaube ihm nicht, wenn er die Wahrheit schreibe.
Jaja, so kann man es sehen wenn man will, ein Roman in harmlosem, gepflegtem Plauderton geschrieben, ohne Höhepunkte, und auch die unerhörtesten Passagen, wenn beispielsweise jemandem ein Besenstiel in den Anus getrieben wird, wird das so nebenher erwähnt, bloß keine Aufregung.
Und generell kann man nebenher Wikipedia laufen haben und die vielen Namen eintippen, manche wird man finden, manche auch nicht. Aber das sind eigentlich nur Spielereien die das Buch zulässt, wenn man sich von Köhlmeier einladen lässt.

Ich muss sagen, ich hab diese Einladungen größtenteils abgelehnt und bin fast geneigt zu sagen, nein nie wieder, aber für eine so kategorische Absage kenne ich zu viel Gutes vom Autor.

Dieses Mal war es mir fast unerträglich langweilig und leider auch extrem monoton vorgetragen. Sprachlich ein fauler Trick: überwiegend lässt er seine Protagonisten erzählen und die haben ja keinen Grund irgendwie literarisch interessant zu erzählen, so kann Köhlmeier nach Lust und Laune drauflos schreiben…

Eine Enttäuschung sondergleichen. Irgendwie hab ich auch den unangenehmen Beigeschmack, das Ehepaar Köhlmeier/Helfer werfe gerade alles auf den Markt, was irgendwie zwischen zwei Buchdeckel passt, um die sanfte Welle des Erfolgs (Hype wäre übertrieben), den sich Helfer mit ihrer Bagage-Reihe erschrieben hat, um schnell auch noch die halbgaren Projekte ins Ziel zu bringen. Aber bei Köhlmeier fürchte ich, er hat einfach nichts mehr zu sagen und insofern ist er ja auch ehrlich, er sagt selbst oder lässt über Figuren im Roman ausrichten: ich weiß gar nicht was ich da schreiben soll oder wie ich das sagen oder erzählen soll. Naja ich hab die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Eigentlich fehlt dem Köhlmeier noch so etwas wie ein Meisterwerk- also lieber Micha, bitte lass dir Zeit und schreib genau das.
Profile Image for Wal.li.
2,573 reviews72 followers
September 8, 2024
Eine alte Dame erzählt

Die hundertjährige Architektin Anouk Perleman-Jacob hat vor einiger Zeit mit dem Rauchen begonnen. Sie will es dem Tod, der sicher bald kommt, etwas leichter machen. Weil der Schriftsteller dafür bekannt, nicht immer ganz bei der Wahrheit zu bleiben, ist genau der Richtige, um einen Teil ihrer Lebensgeschichte zu erzählen. Und tatsächlich nimmt der Autor sich der Aufgabe an. Manchmal ist es leichter sich unter Fremden zu unterhalten und seine Geschichte zu erzählen. Als junges Mädchen wurde sie gemeinsam mit ihren Eltern im Jahr 1922 aus Petersburg verbannt. Auf einem Passagierschiff müssen sie Russland mit unbekanntem Ziel verlassen.

Anouk Perleman-Jacob hat ihren Weg gemacht. Über Deutschland und Amerika hat sie ihr Weg nach Österreich geführt. Doch von ihrer Karriere, ihrem Privatleben will sie nur am Rande erzählen. Nein, ihr geht es um die Ausweisung von ihrer eigenen Regierung aus ihrem Heimatland, aus ihrer Heimatstadt. Was hat ihrer Meinung nach dazu geführt? Und wieso verliert das Schiff plötzlich an Fahrt? Geht es ihnen nun allen an den Kragen? Offensichtlich nicht, denn dann wäre Anouk nicht mehr da, um zu berichten. Ein anderes Boot geht längsseits und ein geheimnisvoller Reisender wird an Bord gebracht.

Wenn ein Roman zum Nachforschen animiert, was Fiktion ist und was Wahrheit, dann ist der Ansatz gelungen. Wie auch in den Informationen zu lesen, handelt es sich tatsächlich teilweise um geschichtlich belegte Ereignisse. Anouk und ihre Lebensgeschichte in diesen Kontext hineinzuschreiben hat etwas Besonderes. Man fragt sich selbst, wie wäre es, wenn das Land einen als unliebsam abstempelt und einen ausweist. Keine schöne Vorstellung. Das macht etwas mit einem, das Weltbild wird verrückt. Vielleicht wird man auch selbst verrückt. Anouks Resilienz ist spektakulär und auch wie pfiffig sie mit dem Autor spielt. Da muss der Autor fast schon kriminalistische entwickeln, um zu kontern. Einzig der Sinn mancher Nebensätze erschließt sich nicht immer. Anouks Geschichte dagegen berührt, der geheimnisvolle Fremde gibt Rätsel auf und die Nominierung dieses Romans sowohl für den deutschen als auch für den österreichischen Buchpreis erscheint mehr als gerechtfertigt.

Das Titelbild mit dem in der Ferne sichtbaren Dampfschiff in der ein wenig diesig und trostlos wirkenden Küstenlandschaft passt gut zu der Stimmung, die einen wohl überfällt, wenn man vom eigenen Land den Stuhl vor die Tür gestellt bekommt.
Profile Image for Daniel.
641 reviews52 followers
February 21, 2024
Die Philosophenschiffe waren eine Methode der russischen Revolutionäre, sich unliebsamer Intellektueller zu entledigen. Michael Köhlmeiers neuer Roman beschäftigt sich mit diesem weitestgehend vergessenen Phänomen der sowjetischen Geschichte und nimmt es mit der Wahrheit dabei - zum Besten des Buches - alles andere als genau.

So lässt sich von Anfang an nur eines sagen: alles kann, nichts muss wahr sein. Meisterhaft vermischt Köhlmeier Wahrheit und Fiktion zur Erzählung einer 100jährigen Architektin, die ihre Lebensgeschichte an einen Autor weitergibt, auf dass er ein Buch daraus macht.

Die Geschichte kann nicht wahr sein - historische Fakten widersprechen ihr. Doch die unscharfe Grenze zwischen realer Geschichte und Köhlmeiers Alternative bietet eine Menge Raum für seine eigenen Überlegungen. Und sie ist auch der zentrale Reiz des Romans, denke ich. Auch, weil eben dieser Umstand im Buch selbst immer wieder thematisiert wird.

Wir lernen also eine Menge über diese Schiffe. Und genau wie bei allem, was die russische Revolution anlangt gilt auch hier: nicht jedes Wort ist wahr.
Profile Image for LeserinLu.
335 reviews39 followers
January 5, 2024
"Das Philosophenschiff" von Michael Köhlmeier führt die Leser durch die bewegte Lebensgeschichte der Architektin Anouk Perleman-Jacob. Die Geschichte, die sich hauptsächlich um die Zeit der bolschewistischen Revolution dreht, fasziniert durch den historisch belegbaren Hintergrund. Die Ereignisse auf einem der "Philosophenschiffe", das Anouk und andere Intellektuelle ins Exil führt, basieren allerdings nicht auf historischen Fakten.

Die Erzählung wirft einen Blick auf das Misstrauen zwischen den Menschen, das die Protagonistin auch nach der Überfahrt begleitet. Dieser Aspekt verleiht dem Roman eine tiefgründige Dimension, da die Charaktere ständig im Zwiespalt zwischen Loyalität und Verdächtigungen stehen. Dieser historische Hintergrund war für mich der interessante Kern des Romans.

Die Sprache der Hauptfigur, die mit langen, hypotaktischen Sätzen, Exkursen, vielen russischen historisch belegten und nicht belegten Namen um Authentizität bemüht ist, habe ich jedoch mitunter als anstrengend empfunden. Insgesamt hatte mir der Roman zu wenig Figurenentwicklung und Handlung.
Profile Image for Bruno Laschet.
705 reviews21 followers
April 6, 2024
Eine sehr schöne (erfundene) Geschichte über Lenin und seine Verbannung aus Russland. Ein Stück Zeitgeschichte Russlands mit vielen Hintergrundinformationen. Russlandskritiker wurden einfach auf sogenannte 'Philosophenschiffe' gebracht und dann nach Deutschland abgeschoben. Hier trifft ein junges Mädchen bei Ihrer verbotenen Entdeckungsreise in die 1. Klasse auf einen alten zerbrechlichen Mann im Rollstuhl und freundet sich mit ihm an...
Tipp: Das Hörbuch wird vom Autor selbst gesprochen und wird dadurch noch intensiver.
Profile Image for Lena.
53 reviews2 followers
January 24, 2024
Ein Schriftsteller wird völlig unerwartet zum 100.Geburtstag von der bedeutenden Architektin Anouk Perleman-Jacob eingeladen. Sie will, dass er es ist, der ihre Geschichte erzählt. Der Schriftsteller hat einen zweifelhaften Ruf. Man munkelt sogar, er habe einige Geschichten frei erfunden und behauptet, sie seien wahr.
"(...) vergessen Sie nicht, wer Sie sind: Sie sind der, dem man glaubt, wenn er lügt, und nicht glaubt, wenn er die Wahrheit sagt", sagt Anouk Perleman-Jacob zu ihm. Aus diesem Grund, findet die 100-Jährige, ist der Schriftsteller genau der Richtige, um eine dunkle Seite ihres Lebens zu erzählen, eine, von der bisher noch niemand weiss.

Anouk Perleman-Jacob wurde als kleines Mädchen gemeinsam mit ihrer Familie auf eines der sogenannten "Philosophenschiffe" gebracht und von Russland aus ins Exil deportiert. Eines Tages kommt ein letzter Gast auf das Schiff. Er wird zu einem Freund des Mädchens. Und er ist derjenige, der veranlasst hat, dass sie ihre Heimat verlassen müssen.

Michael Köhlmeier behandelt in "Das Philosophenschiff" ein Thema, das mir noch völlig unbekannt war, aber sehr viel Potential hat. Die Geschichte wird auf zwei Ebenen erzählt. Zum einen begleiten wir den Schriftsteller, wie er die alte Dame besucht und erfahren auch etwas über seine Person und sein Leben. Der zweite Erzählstrang setzt sich aus den Erinnerungen von Anouk Perleman-Jacob zusammen.

Mir hat besonders die Figur der charismatischen 100-Jährigen gefallen. Ich mochte, wie sie gezeichnet war, ich mochte ihre skurrile, manchmal schrullige aber meist messerscharfe und doch witzige Art. Köhlmeier hat den Spagat zwischen den beiden Erzählebenen in meinen Augen perfekt geschafft und das hat mich sehr beeindruckt.

So sind die Erzählungen der 100-Jährigen in einer Sprache und vor allem einem Ton gehalten, der es einem als Leser bzw. Leserin leicht macht, sich eine alte Dame vorzustellen, die einem genau diese Geschichte erzählt. Fokussiert sich die Handlung wieder auf den Schriftsteller wird man aus dieser Erzählung ins Jetzt katapultiert und der Übergang ist flüssig.

Abgesehen davon, dass die Lebensgeschichte von Anouk Perleman-Jacob sehr bewegend und berührend ist und genau mit den richtigen Worten erzählt wird, hat dieses Buch aber auch noch eine andere Stärke, die mich sehr fasziniert hat: Köhlmeier bringt einem auf eine sanfte Art viele historische Fakten über die russische Revolution und die Aktion mit den "Philosophenschiff" näher. Trotz vieler historischer Details (die ich ehrlich gesagt auch nicht alle behalten konnte) verliert man den Faden nie und behält, dank der gekonnten Erzählweise einen guten Überblick und die spannende Geschichte der Architektin bleibt im Vordergrund.

Um "Das Philosophenschiff" zu lesen braucht man kein grosses Vorwissen über die damalige historische Situation, Köhlmeier ermöglicht es einem, gemeinsam mit einer sehr charmanten, wenn auch eigenwilligen, alten Dame durch die Zeit zu reisen.

Der Roman hat mir sehr gut gefallen, auch wenn er ab und zu Passagen hatte, die sich gezogen haben. Ich würde ihn besonders denen empfehlen, die ein gewisses Interesse für die Geschichte von Russland mitbringen, das ist aber nicht einmal nötig. "Das Philosophenschiff" ist definitiv auch sonst lesenswert, allein schon wegen der Figur von Anouk Perleman-Jacob und wegen ihrer berührenden Geschichte, die wohl nur die wenigsten Leserinnen und Leser kalt lässt.
Profile Image for an Anna Blume.
158 reviews15 followers
December 9, 2024
was für ein verschenktes Potential:
Eine Hundertjährige erzählt: Ein annähernd leerer Ozeanriese beherbergt ein paar zur Migration gezwungenden Passagiere, niemand weiß genau, wieso er oder sie sich darauf befindet, wo und ob sie ankommen werden, ein weiterer den Passagieren unbekannter (aber weltberühmter) Gast wird von einem abenteuerlustigen Mädchen entdeckt und.... daraus wird nichts gemacht. Keine Spannung, keine Tiefe, keine besonderen Erkenntnisse oder dramaturgisch eingeflochtenen Auflösungen. Ja doch, es gab Erklärungen, aber das alles ließ mich völlig kalt.
Ich hätte es auch abbrechen können
Profile Image for Otto.
750 reviews50 followers
September 4, 2024
Intellektuelle werden 1922 mit einem Schiff aus der Sowjetunion ausgewiesen. Lenin hat es angeordnet. Köhlmeier hat es verromant. Ich weiß nicht, warum. Er erfindet sich eine russische 100jährige Architektin, die in Wien wohnt, in Amerika zu Ruhm gekommen ist und als 14jährige mit ihren Eltern auf dem Schiff war - also ausgebürgert wurde. Sie erzählt dem Schriftsteller ihre Schiffsgeschichte. Zuletzt trifft sie auch noch Lenin, der von Stalin verhöhnt wird. Zwischendrin die witzige Episode über Zar Pawel I., eine Analogie zu Putin. Gemeinsam mit Liessmann ( dem wird von Köhlmeier gedankt), hat er schon gut recherchiert, der Micha, da ist halt Wikipedia sehr hilfreich und ich habe wieder ein wenig über die russische Revolutionsgeschichte gelernt. Was der Roman soll, das kann ich nicht nachvollziehen, auch stilistisch gibt er wenig her. Der Name Köhlmeier scheint jedoch für eine Nominierung zum Buchpreis zu genügen.
Profile Image for Rosa.
80 reviews23 followers
September 5, 2024
#longlistlesen — (11/20)

Hab viel zu lang für dieses Buch gebraucht, wenn man seine inhärente Kürze in Betracht zieht, aber im Grunde war es dennoch exzellent.

Ich weiß nicht, ob man das als alternative Geschichte einordnen kann, ich meine Anouk Perlemann-Jakob gab es nicht wirklich und deshalb sind auch ihre Begegnungen in gewisser Weise fiktionalisiert - aber es funktioniert trotzdem, weil so gut wie alles hätte passieren können.

Viel kann ich zum Verlauf der Geschichte nicht sagen, weil ich wenig über russische Geschichte weiß und ehrlicherweise auch kein Bedürfnis verspüre, sonderlich viel mehr darüber zu lernen. Ich kann nur sagen, dass mir formell der Aufbau unglaublich gut gefallen ist.

Bin massiver Fan von der Trope von „Autor/Journalist schreibt Lebensgeschichte von sehr alter Person auf“, damit kann man eigentlich nichts falsch machen. Was hier besonders gut war, war, dass Köhlmeier keinen Bock hatte, sich von der 100-jährigen irgendwelche Bären aufbinden zu lassen und deshalb parallel wie so ein Boomer alles in der Nationalbibliothek nachgeforscht hat.

Aber damit ist mein Lieblingskunstgriff reingekommen und zwar unzuverlässiger Erzähler. You CANNOT go wrong with that, es war wieder einmal ein Genuss, sich irgendwann an der Stelle zu befinden, an der einem bewusst wird, dass jemand hier nicht ganz ehrlich wär. Und das Framing mit den eigenen Nachforschungen war perfekt gewählt.

Das war mir auch nicht so klar, aber der Schreibstil ist verdammt gut. Köhlmeier hat SO eine schöne Sprache, es war ein Fest, sich an diesen Worten zu weiden.

Fazit: Obwohl ich todeslang gebraucht habe, doch irgendwie ein Favorit. Vielleicht sogar ein Shortlist-Kandidat.
Profile Image for Marion.
248 reviews18 followers
November 9, 2024
Eine fiktive Geschichte über eine fiktive Frau, die fiktive Geschichten über reale Menschen erzählt.
Ich weiß nicht, wirklich packen und begeistern konnte mich das nicht.

Ziemlich albern finde ich die Anekdote, dass Lenin Angst um Dunkeln hatte und darum in seinem Zimmer immer Licht brennen musste. Egal ob wahr oder nicht, mir kam es vor wie eine Antwort auf ein Gedicht auf Stalin.

IM KREML IST NOCH LICHT

Erich Weinert

Wenn du die Augen schließt, und jedes Glied
und jede Faser deines Leibes ruht -
dein Herz bleibt wach; dein Herz wird niemals müd;
und auch im tiefsten Schlafe rauscht dein Blut.

Ich schau’ aus meinem Fenster in der Nacht;
zum nahen Kreml wend ich mein Gesicht.
Die Stadt hat alle Augen zugemacht.
Und nur im Kreml drüben ist noch Licht.

Und wieder schau’ ich weit nach Mitternacht
zum Kreml hin. Es schläft die ganze Welt.
Und Licht um Licht wird drüben ausgemacht.
Ein einz’ges Fenster nur ist noch erhellt.

Spät leg’ ich meine Feder aus der Hand,
als schon die Dämmrung aus den Wolken bricht.
Ich schau’ zum Kreml. Ruhig schläft das Land.
Sein Herz blieb wach. Im Kreml ist noch Licht.

Profile Image for Jonas.
64 reviews1 follower
February 4, 2025
Hmhm, mir war im vorhinein nicht bewusst, dass Köhlmeier gerne Psuedoquellen benutzt und seine Romane eher Geschichten sind. Sprachlich schreibt er sehr schön und eindringlich, allerdings frage ich mich dann doch, wozu ich einen pseudogeschichtlichen Roman lesen soll...
Wenn es nur um die Sprache geht, gibt es ja dann doch genug Auswahl im Thalia...
Profile Image for Lisa ..
54 reviews
Read
October 8, 2024
na des is bissi enttäuschend de ganze sach
88 reviews2 followers
January 4, 2024
Erinnerungen einer alten Dame

Die Architektur-Professorin Anouk Perleman-Jacob, einhundert Jahre alt, beschließt, einem Schriftsteller ihre Lebensgeschichte zu erzählen und wie sie nach den Wirren der russischen Revolution mit ihren Eltern auf Geheiß von Lenin und Trotzki ausgebürgert wurde. Warum erzählt sie es genau diesem Schriftsteller? Weil er einer sei, dem man glaube, wenn er lügt und nicht glaube, wenn er die Wahrheit schreibt - so wisse am Ende niemand genau, was wahr sei und das kommt ihr entgegen, da ihr Geschichte so unwahrscheinlich klingt.
In diesem Roman verschwimmen folglich Wahrheit, Unwahrheit und Halbwahrheiten mit realen historischen Ereignissen und Ausgedachtem. Man hört den selten linearen Erinnerungen der alten Dame zu und liest regelmäßig in Wikipedia nach, ob diese oder jene Person real war - denn es treten neben bekannten Namen wie Trotzki eine Menge weiterer Persönlichkeiten der bolschewikischen Revolution auf. Und dann noch eine, mit der man nicht rechnet…
112 reviews
April 28, 2024
Tja, wo kommen die vier Sterne her? Weil vorher schon jemand vier gegeben hat? Ganz origineller Plott, aber reicht das? Nicht wirklich. Also vielleicht drei weil ich jetzt einen atmosphärischen Eindruck habe wie die russischen Repressalien Geschichte haben.
Profile Image for Johann Guenther.
811 reviews28 followers
April 9, 2025
KÖHLMEIER, Michael: „Das Philosophenschiff“, München 2024
Eine hundertjährige Frau will, dass der Autor Michael Köhlmeier ihre Biografie schreibt. Sie ist eine international anerkannte Architektin, die in Russland geboren wurde, lebte kurze Zeit mit ihrer Familie im Exil in Paris, kehrte aber wieder nach Russland zurück, wo sie letztlich abgeschoben wurde. Mit den Eltern lebte sie nach der Abschiebung in Berlin. Als international anerkannte Architektin hat sie in Amerika gelebt. Ihr letzter Wohnsitz war in Wien, wo sie mit Köhlmeier zusammentraf. Von einer österreichischen Ingenieurvereinigung wird sie ausgezeichnet und lädt dazu Michael Köhlmeier ein, der nicht weiß warum. Bald lüftet sie das Geheimnis: sie will, dass er ihre Biografie schreibt. Dazu treffen sie sich in ihrer Wiener Wohnung. Sie erzählt ihm aus ihrem Leben, wie sie in Sankt Petersburg als Tochter einer intellektuellen Familie wohnte. Obwohl die Familie nicht sonderlich aktiv war und sich in akademischen Kreisen bewegte, wurden sie abgeschoben. „Wir gehörten zu den Zweifelsfällen.“ (Seite 48) Sie kommen auf ein schönes großes Kreuzfahrtschiff. Einige der Passagiere werden noch vor dem Einchecken ins Schiff exekutiert. Übrig blieb ein Dutzend. Alles Intellektuelle und wenig politisch Engagierte. Das Mädchen Anouk ist 14 Jahre alt und erzählt dem Buchautor im hundertsten Lebensjahr diese Geschichte. Sie wissen nicht, wohin die Reise ging, und hatten keinen Kontakt mit dem Personal. Das Schiff trieb dann einige Tage auf offener See. Ein Beiboot legte an. Die schon eingeschüchterten und ängstlichen Passagiere rieten, was es wohl gewesen sei. Das Mädchen erfährt es. Sie erkundet unerlaubterweise in der Nacht das Schiff. Die oberen Stockwerke und alle Gänge. Über eine Eisenleiter muss sie außen am Schiff hinaufklettern und da trifft sie dann auf einen alten, im Rollstuhl sitzenden Mann, der sich während ihrer Gespräche als Lenin herausstellt. Jener Mann, der die Ausweisung ihrer Familie befohlen hatte. Von Schlaganfällen körperlich stark eingeschränkt lernt sie ihn kennen und trifft sich mit ihm jeden Tag. Trotzdem nennt die alte Frau in ihren Erzählungen Lenin als ihren „Freund“.
Die Familie hatte überlebt: „Das Gefühl überlebt zu haben, ist schöner als das bloße Gefühl zu leben.“ (Seite 60) Sie landet letztlich in Berlin, wo sich die Eltern später mit einem genau geplanten Suizid verabschiedeten.
Mehrere solcher Schiffe wurden von der politischen Führung der Sowjetunion abgeschickt. Sie gingen mit der Bezeichnung „Philosophenschiffe“ in die Geschichte ein. Ob das im Buch erwähnte Buch wirklich so ein Luxusdampfer war, bleibt dahingestellt. Wie generell Köhlmeier ein Dichter ist und sicherlich vieles von dem, was die Frau erzählte (und sie selbst log mehrmals) veränderte. Es ist ein Roman, der als Leitfaden die Gespräche des Autors mit der alten Frau hat, aber ob die Geschichte wirklich so war, bleibt offen.
Übrigens: der Schluss ist phänomenal: Ein Mann – nach der Beschreibung könnte es Stalin, Lenins Nachfolger sein – trifft Lenin am Oberdeck und rechnet mit ihm ab. Ein Leibwächter sägt das Geländer durch. „Er schob ihn an die Reling und mit einem kräftigen Stoß warf er meinen Freund samt seinem Rollstuhl über Bord, hinunter über die Flanke des Schiffs, dreißig Meter oder mehr, ich hörte ihn nicht auf dem Wasser aufschlagen.“ (Seite 220) Das Mädchen habe das aus ihrem Versteck heraus beobachtet.
14 reviews
March 25, 2024
Was ist wahr? Was nicht? Wo hört die Realität auf und fängt der Roman an?
Wahrheit und Fiktion gehen ineinander über. Die sog. Philosophenschiffe und die Geschichte der russischen Revolution verweben sich auf unterschiedlichen Ebenen mit der Handlung des Romans. Ganz toller Lesestoff. Wenn es nur nicht so furchtbar aktuell wäre..
Profile Image for Ines.
177 reviews8 followers
April 11, 2024
Eines von Michael Köhlmeyers Büchern, das mir leicht(er) zu lesen gefallen ist, als andere. Köhlmeier hat mit Anouk eine starke, weibliche Hauptrolle erschaffen, und probiert uns hinters Licht zu führen, denn das Buch ist dermaßen realistisch geschrieben, dass Realität und Fiktion gekonnt miteinander verschmelzen.

Ein interessantes, trauriges Stück Geschichte, wunderbar und kurz erzählt mit einer beeindruckenden Frau in der Hauptrolle!
96 reviews
September 18, 2024
Das Verwischen von Wahrheit und Fiktion gefällt mir, auch dass der Autor ausdrücklich damit spielt und so der Verwirrung noch eine Dimension gibt. Die Atmosphäre zwischen der Erzählerin und dem Zuhörer war mir manchmal peinlich, ich weiß nicht warum.
11 reviews
February 10, 2025
Not a bad book, but definitely one that is rather difficult to read without prior knowledge of Russian history. What's more, although it presents the storytelling of an old lady very well, it is also correspondingly confusing and, in my opinion, doesn't take the reader along very well. I couldn't find my way into the story.
Profile Image for Evalitera.
680 reviews11 followers
August 16, 2024
Zum Einschlafen... ist mindestens das Hörbuch. Ich wollte etwas über Philosophen auf einem Schiff lesen, ich hatte mich nicht informiert, da das Buch mir vorgeschlagen wurde in meiner Leseflat.
Was der Leser mit diesem Buch bekommt ist Russische Geschichte und es müsste eigentlich das Politikerschiff heissen. Da mich Politik nicbt mehr interessiert habe ichmit Befremdendie im Buch geäusserte Hoffnung gehört, dass Stalin der Retter sein sollte gegen Lenin und Trotzki. Dann erinnerte ich mich daran, wie positiv Stalin in der DDR verehrt wurde als Vater sozusagen.
Da man ja jetzt weiß was Stalin getan hat und wieviel Menschen er ermorden liess... ist das ja uninteressant geworden.
Auf dem Schiff befindet sich übrigens Lenin.
Aber es ist ja alles fiktiv, was er dort sagt und er interessiert mich einfach nicht.
Vielleicht ist das Buch etwas für politische Leser
Profile Image for Jennys Bücherkiste.
823 reviews27 followers
August 4, 2024
Die bolschewistische Revolution erzählt als meisterhafte Verschachtelung von Wahrheit und Lüge: mal erzählerische Freiheit, mal historisch akkurat, mal die Wahrheit, mal beinahe die Wahrheit. Eine fesselnde Erzählung über eine paranoide Zeit, in der alles und jeder verdächtig ist. Rück- und Vorgriffe, Erzählstränge in Gegenwart und Vergangenheit, das fehlende Verständnis eines Kindes für die Situation und die rückblickende Interpretation einer Erwachsenen sind kunstvoll verwoben und zeichnen ein lebendiges Bild der Anfänge der Sowjetunion. Beeindruckend gemacht und großartig erzählt.
23 reviews
August 22, 2024
joa .. könntets sicher was besser für den buchpreis finden
Profile Image for Daniela.
473 reviews39 followers
December 21, 2025
Über die Geschichte des Philosophenschiffes wusste ich vorher gar nichts - von diesem Gesichtspunkt her betrachtet, war der Roman also informativ.
Er beschreibt das Leben von Anouk Perleman-Jacob (in vielen beruflichen Belangen angelehnt an die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky), ihres Zeichens 100 Jahre alt, die an diesem runden Geburtstag einen Schriftsteller zu sich bittet, um ihm ihre Geschichte zu erzählen. Die Figur des Schriftstellers entspricht dem realen Autor Köhlmeier, der extra für das große Gala-Dinner aus Vorarlberg angereist ist. Am nächsten Tag erwartet ihn die Grande Dame in ihrer Hietzinger Villa. Er solle ihre Geschichte aufschreiben, sagt sie ihm.

"Ich habe mich über Sie erkundigt. Sie haben einen guten Ruf als Schriftsteller, aber auch einen etwas windigen. Ich weiß, dass Sie Dinge erfinden und dann behaupten, sie seien wahr. Jeder wisse das, hat man mir gesagt, aber immer wieder gelinge es Ihnen, Ihre Leser und Zuhörer hinters Licht zu führen. Deshalb glaube man Ihnen oftmals nicht, wenn Sie die Wahrheit schreiben, und glaube Ihnen, wenn Sie schummeln. Das habe ich mir sagen lassen. Stimmt das? [...] Sie sollen nicht meine Biografie schreiben, die ist bereits geschrieben worden. [...] Was niemand weiß, das sollen Sie schreiben, ein Schriftsteller, dem man nicht glaubt, was er schreibt.« – Das aber sei nicht ihr Problem, sondern meines. – »Gesagt werden soll es. Und wenn es keiner glaubt, umso besser. Aber erzählt werden soll es." (S.11)

Puh, in dieser Passage ist für meine Begriffe schon ganz schön viel Eigenlob versteckt und diese Form der Selbstbeweihräucherung fand ich im Roman an mehreren Stellen ziemlich unerträglich. Auch wie der Schriftsteller seine Frau komplett vergisst, die sich zu Hause mit den Kindern beschäftigen darf, während er tagelang bei der Architektin in Wien verbringt - dieses männliche Gehabe im Sinne eines "Ich mach das jetzt einfach, das interessiert mich, mir doch egal, was daheim los ist" - das ist ein Detail, das mir auch übel aufstößt.

Aber zurück zum großen Ganzen: Anouk, geboren in St. Petersburg, hat in ihrer Kindheit den bolschewistischen Terror erlebt, ihre beiden Eltern waren Intellektuelle und die ganze Familie wurde im Zuge der Säuberung des Landes von unliebsamen geistigen Eliten mit einem Philosophenschiff ins Exil geschickt. Auf diesem Schiff, und das wird erst gegen Ende des Romans klar, trifft Anouk, die kletternd das Schiff erkundet, auf dem obersten Deck Lenin, gesundheitlich nach einem Attentat und mehreren Schlaganfällen schwer angeschlagen, in einem Rollstuhl sitzend. Die beiden beginnen sich zu unterhalten, doch eines Tages taucht ein Mann auf, der Lenin los werden will, um seine eigene Macht zu zementieren.
Der Roman findet ein brutales, grausames Ende ... das es so in den Geschichtsbüchern nicht gibt. Hier verwebt Köhlmeier in altbekannter Manier, wie eingangs von Anouk angesprochen, Fakt und Fiktion. Als Leserin, die vorher nicht allzu viel über russische Geschichte wusste, musste ich mich dann natürlich fragen, was sonst noch alles erfunden war und was im Roman der Realität entsprach. Was ist also, um beim eingangs erwähnten Zitat zu bleiben, die Wahrheit und was ist geschummelt?
Ein Anhang wäre hilfreich gewesen...

Ansonsten plätschert der Roman ohne große Aufregungen dahin, viele Passagen, die Spannung versprochen hätten, bleiben eher flach und fließen im Strom des Erzählens an einem vorbei. Natürlich kann Köhlmeier erzählen, wie in seinen Sagen des griechischen Altertums oder anderen Nacherzählungen bewiesen, aber die Lobeshymnen der RezensentInnen kann ich nicht ganz nachvollziehen.

Aber vielleicht hatte ich mir einfach zu viel erwartet... so ist es eine Nabelschau des eigenen erzählerischen Könnens, in der statt mythologischen Referenzen diesmal die russische Geschichte des 20. Jahrhunderts gesetzt ist.
136 reviews4 followers
February 18, 2024
Träge See, träge Geschichte

Zu ihrem 100. Geburtstag bittet die berühmte russische Architektin Anouk Perleman-Jacob einen Schriftsteller, der den gleichen Namen wie der Autor trägt, zu sich um ihre Lebensgeschichte als Roman aufzuschreiben. Da man ihn als einen ausgezeichneten Fabulierer kenne, würde ihm sowieso niemand Perleman-Jacobs Geschichte glauben, weshalb sie endlich die Wahrheit erzählen könne. Denn als junges Mädchen wurden sie und ihre Eltern auf einem der sogenannten Philosophenschiffe aus Russland, auf Lenins eigenen Befehl, deportiert. Doch dann hält das Schiff plötzlich an und liegt mehrere Tage und Nächte reglos vor der Küste. Während unter den Passagieren die Panik umgeht, ob sie nun doch noch getötet würden, kommt ein weiterer Passagier an Bord: Lenin selbst.

Manchmal muss sich ein Buch einfach dem Kontext der jeweilig Lesenden beugen. Ich weiß, dass es Autor*innen gibt, die fordern, dass ihre Bücher nicht parallel mit anderen Büchern gelesen werden. Aber seien wir mal ehrlich: das ist ziemlich unrealistisch. Vielleicht hat dieses Buch bei mir einfach Pech gehabt, weil ich vorher und nebenher Bücher gelesen habe, die mich echt vom Hocker gehauen haben. Im Gegensatz dazu wirkte dieses Buch dann noch träger als ich es zuvor schon empfunden habe. Das mag dem Buch gegenüber vielleicht nicht fair sein, aber das ist nunmal die Lebensrealität von Lesenden. Hätte ich das Buch zu einer anderen Zeit oder nach anderen Büchern als den jetzigen gelesen, hätte es mir vielleicht besser gefallen. So habe ich mich nun etwas hindurchgequält und über einige, meines Empfindens nach, Unstimmigkeiten geärgert. Zum einen verfällt Anouk während der Erzählung hin und wieder in zusammenhangloses Geplapper. Das soll vielleicht stilistisch ihr Alter unterstreichen, mich hat es aber einfach genervt, da es auch recht stereotyp wirkte. Zudem ändert sie wiederholt die Schilderung der Ereignisse, "Ja, da habe ich Sie angelogen.", "Und eigentlich habe ich nochmal gelogen, denn es war jemand ganz anderes." und so weiter. Und warum Perleman-Jacob nicht will, dass jemand ihre Geschichte glaubt, erschließt sich bis zum Schluss nicht. Der Erzähler/Schriftsteller/Autor wirkt zudem immer recht wertend und das eher auf eine herabwürdigende Weise.
Inhaltlich befasst sich das Buch durchaus mit einer interessanten und berührenden Thematik: der Säuberung der intellektuellen Schichten Russlands zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Aufschlussreich ist dabei auch der politische Hintergrund. Mit dem Kunstgriff, Lenin auf das Schiff zu bringen, muss er Rede und Antwort stehen und wird mit den Monster konfrontiert, das er selbst geschaffen hat. Auch die Pervertierung der eigentlich ursprünglich gedachten Gleichstellung aller Schichten wird nachvollziehbar in ihrem ganzen menschlichen Ausmaß. Dennoch hat mich dieser Kunstgriff auch gestört, denn zumindest Menschen, die in Ostdeutschland aufwuchsen wissen, dass bis heute Lenin in einem Mausoleum in Moskau zu betrachten ist. Warum dann also dieses alternative Ende, das entsprechend nicht annähernd glaubwürdig ist?

Insgesamt hat dieses Buch zwar eine interessante historische Epoche betrachtet und politische Zusammenhänge verständlich, aber nicht nahbar gemacht. Die Geschichte war sehr verkopft und meines Empfindens nach zu intellektuell. An vielen Stellen wirkte die Handlung sehr träge und etliche Elemente der Geschichte wurden in ihrer Bedeutung nicht nachvollziehbar. Ich hatte streckenweise eher das Gefühl, eine Selbstdarstellung des Protagonisten, der vielleicht auch der Autor sein soll, zu lesen. Das war leider wenig spannend oder sympathisch.
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February 22, 2024
Russlands Intelligenzija

Sein neuestes Buch führt Michael Köhlmeier nach Russland in die zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. In sogenannten Philosophenschiffen werden Russlands kluge Köpfe nach Europa deportiert. Das Regime gewährt ihnen die Gnade des Exils, sie hätten auch direkt hingerichtet werden können.

Es ist der hundertste Geburtstag von Frau Professor Anouk Perleman-Jacob, zu dem der Schriftsteller auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin eingeladen wird. Am nächsten Tag um drei am Nachmittag erwarte sie ihn in ihrem Haus in Hietzing, das sagt sie ihm nach dem Dessert. „Ich habe mich über Sie erkundigt. Sie haben einen guten Ruf als Schriftsteller, aber auch einen etwas windigen…“ Und genau deshalb habe sie ihn ausgesucht. Es gefalle ihr, dass er Dinge erfindet und diese dann als wahr hinstelle, er seine Leser damit hinters Licht führe.

Und Anouk beginnt zu erzählen, sie geht ins Jahr 1922 zurück, da war sie vierzehn Jahre alt. Sie berichtet von ihrer neuen Wohnung in Sankt Petersburg, aus der alten wurden sie ausquartiert. Es war Bürgerkrieg, ein Krieg der Armen und Ungebildeten. Ihre Eltern gehörten zur Intelligenzija und gehörten zu denen, die auf das letzte Philosophenschiff verbracht wurden. Sie hatten sich an genaue Vorgaben zu halten, an die Liste dessen, was sie mitnehmen durften und selbst dann konnten sie sich nicht sicher sein, ob sie nicht doch an die Wand gestellt und einfach erschossen würden. Zwölf Passagiere waren es, die es auf diesen Dampfer geschafft hatten. Dieses Häufchen wurde auf diesem riesigen Schiff in der dritten Klasse untergebracht. Sie waren schweigsam, jeder in sich gekehrt, keiner wusste den Grund ihrer Reise, keiner kannte das Ziel.

Von diesen Philosophenschiffen, die missliebige Intellektuelle außer Landes brachten, hatte ich vorher noch nie gehört. Es hat mehrere dieser Schiffe gegeben, „unseres“ ist frei erfunden, auch Anouks Geschichte ist fiktiv und doch erzählt Michael Köhlmeier von den Verhältnissen in der damaligen Sowjetunion. Er hat seinen ganz eigenen Stil, Geschichte in Geschichten lebendig werden zu lassen. Seine hundertjährige Protagonistin ist zwar schon alt, im Kopf jedoch ist sie klar, auch wenn sie sich zuweilen verschmitzt und ein wenig erschöpft gibt. Sie erzählt nicht chronologisch und doch kommt sie gut vorwärts. So erfahre ich nicht nur von dieser Fahrt ins Ungewisse, auch wird mir das Russland dieser Jahre anschaulich und gut lesbar nähergebracht. Der Autor geht so weit, dass er Lenin auf diesem Schiff erscheinen lässt. Hier ist er nicht der machtbesessene Revolutionär, nein. Köhlmeier lässt ihn als kranken Mann im Rollstuhl auftreten. Dieses Bild eines gebrechlichen Lenin gefällt mir sehr gut, auch wenn mich so manche Episode ein wenig ratlos zurücklässt. Er flicht etwa eine Story um die RAF mit ein, die später dann im Sande verläuft. Solcher Nebenschauplätze hätte es in meinen Augen nicht unbedingt bedurft, Lenin und der Bolschewismus hätten vollauf genügt.

„Das Philosophenschiff“ bietet einen Einblick in die russische Geschichte um 1922. Gründlich recherchiert, wie es sich für einen wie Köhlmeier gehört. Dabei lässt er seine Protagonistin zurückblicken und vermengt ihre fiktiven Erinnerungen mit dem Historischen und es bleibt nicht aus, Parallelen zu heute zu ziehen. Das Buch regt zum Nachdenken an, ich habe es nach anfänglicher Skepsis dann doch gerne gelesen.
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