Der Einstieg in einen neuen Eschbach Roman ist oft etwas ganz Besonderes: da gelingen ihm Szenen, die sich einprägen und gleichzeitig das Thema des Romans einführen. In "NSA" wurde im Einführungskapitel beispielhaft erklärt, was Nazis mit moderner Überwachungstechnologie machen können, in "Eine Billion Dollar" wird die Größenordnung dieser Geldsumme veranschaulicht. So gelungen fand ich Anfang dieses Romans nicht, aber ein einprägsame Bild ist es allemal und ein Beispiel dafür, was Menschen mit dem bedingungslosen Grundeinkommen machen könnten, dem "Freiheitsgeld" wie es in dieser Welt des Jahres 2064 heißt, wo es das schon seit 30 Jahren gibt.
Im ersten Kapitel wird der Polizist Ahmad Müller eingeführt und es werden ein paar Grundlagen der Welt erklärt, die nicht sehr zukünftig wirkt. Es gibt neue Konzepte zum Drogenhandel und zur Steuerkontrolle, später kommen noch Gated Communities hinzu, verschiedene Wohnzonen, Pods als Handy-Erweiterung, selbstfahrende Autos und anderes mehr. Keine dieser Abwandlungen vom Heute ist großartig neu. Eschbach führt seine Welt in kleinen Häppchen ein, es ist “SF for beginners”, und mir ist sie viel zu nah am Heute. Ich muss aber anerkennen, dass es immer wieder weitere Neuerungen gibt. Die Beziehung Ahmads zu seiner Freundin ist etwas kompliziert und von unnötigen bis lächerlichen Verwicklungen gekennzeichnet.
Die Kriminalfälle, die Ahmad Müller untersucht, bilden den Kern der spannenden Handlung, die in ihren Konsequenzen mehr und mehr umfasst und in der es am Ende um Hintergründe zum gesamten Weltenbau geht (was hier nicht gespoilert wird).
Dann wird Valentin eingeführt, der als Physiotherapeut unter anderem Robert Havelock betreut (ja, der heißt wirklich fast wie unser derzeitiger Wirtschaftsminister). Dieser hat das bedingungslose Grundeinkommen vor dreißig Jahren eingeführt. Valentins Freundin Lina will ein Buch schreiben, was mir nur folgerichtig erscheint: wenn es ein bedingungsloses Grundeinkommen gibt, dann gibt es sicher noch mehr Autor*innen als heute. Es gibt tatsächlich noch Bücher im Jahre 2064, sogar welche auf Papier. Leider gehört auch die Schilderung der Beziehung von Valentin und Lina nicht zu den Highlights des Buches.
Eschbach hat seinem Buch einen klaren, sehr einfachen Aufbau gegeben: relativ kurze Kapitel, die jeweils einen Tag beschreiben und der Reihe nach die verschiedenen Handlungsebenen abklappern. Es vergeht wenig Zeit, Hinweise auf ein Geheimnis im Hintergrund kommen meistens am Ende eines Kapitels. So erzeugt er ausreichend Spannung, um zumindest mich zum Weiterlesen zu motivieren.
(Einschub: In Kapitel 10 wird es doch noch utopisch(:-)): Als "Krankenbruder" im Gesundheitssystem verdient man richtig gut (!), es wurden Orte abgerissen, um viele Bäume pflanzen zu können und anscheinend wurde die Klimakatastrophe abgewendet (!!!). Später erfährt man übrigens, dass Kinderbetreuung nicht gut bezahlt wird. Im Laufe der Zeit kommen verschiedene Auseinandersetzungen mit dem Thema “Freiheitsgeld”, leider oft als Infodump. Trotzdem fand ich sie interessant. )
Zum Showdown am Ende soll hier nicht viel gesagt werden, nur: mir hat das Ende einigermaßen gut gefallen, es ist unerwartet, nachvollziehbar und in seiner Konsequenz vergleichbar mit dem Ende von “NSA”. Gefallen hat mir auch, dass das Ende Unstimmigkeiten im Weltenbau erklärt (was hier jetzt nicht erklärt wird). Es passt am Schluss also vieles zusammen, was mich mit dem Weltenbau wieder versöhnte.
(Beispiel: auf S. 319 steht und das sollte ich zitieren, es ist aber ein ziemlicher Spoiler: "Im Grunde leben wir heute nicht groß anders als unsere Großeltern gelebt haben" und weiter "unser Alltag bestimmt ist von lauter Erfindungen, die schon im vorigen Jahrhundert gemacht worden sind" und dazu passt die Erklärung am Ende.)
Auf der negativen Seite steht aber auch der simple Gesamtaufbau des Romans und die misslungenen Figuren und deren Beziehungen. Bei seinem 1500 Seiten Wälzer im letzten Jahr war ich der Meinung, dass der viel zu lang war. Bei diesem Buch hätte ich mir den Schluss intelligenter und länger gewünscht. Eschbach setzt sich mit dem Thema BGE ("Freiheitsgeld") auseinander, ich hatte nur mehr Diskussionen erwartet statt Infodumps, irgendwie mehr ... Substanz. Letztlich ist mir diese Auseinandersetzung nicht fundiert genug.
P.S.: Die goodreads Wertung ist sehr pauschal, lässt sie doch nur 5 Abstufungen zu, von denen ich zwei (ein und fünf Sterne) höchst selten benutze. Ich habe mich für drei Sterne entschieden, obwohl ich die Charaktere und Beziehungen misslungen fand. Ich fand aber auch spannende Stellen und solche, die zum Nachdenken anregen. Insgesamt bin ich aber enttäuscht.