Die Herkunft unserer Eltern hat in Deutschland immer noch viel zu großen Einfluss darauf, auf welche Schule wir gehen und wie viel Geld wir verdienen. Wie kann es sein, dass Klassismus ausgerechnet im Heimatland von Karl Marx eine so große Rolle spielt? Und wie könnte eine gerechtere Gesellschaft aussehen? Die Journalistin und Schriftstellerin Marlen Hobrack geht diesen schwierigen Fragen mit Verve und Humor auf den Grund.
Hobrack liefert eine prägnante Einführung in das Thema, die tägliche Erfahrungen sowie Beobachtungen im politischen Diskurs in ein größeres Ganzes einordnet. Der Text ist sehr verständlich geschrieben und an manchen Stellen fühlt man sich auch selbst in den klassistischen Denkmustern ertappt, mit denen wir sozialisiert wurden.
Dieses Buch hat bei mir gemischte, aber insgesamt sehr positive Eindrücke hinterlassen. Einerseits fand ich es sehr anschaulich geschrieben und gut aufgearbeitet, andererseits hätte ich mir an einigen Stellen mehr Struktur und klarere Einordnung gewünscht.
Inhaltlich macht das Buch viele wichtige Themen auf und führt zentrale Begriffe verständlich ein. Besonders für Leser*innen, die sich noch nicht intensiv mit diesen Themen beschäftigt haben, bietet es eine gute Grundlage und lädt immer wieder zum Hinterfragen eigener Denkmuster ein. Gleichzeitig hätte ich mir stellenweise eine stärkere Verbindung zu Konzepten wie POC-Rassismus und Intersektionalität im Sinne von Kimberlé Crenshaw gewünscht, da diese Perspektiven das Gesagte noch stärker hätten vertiefen können.
Beim Lesen hatte ich manchmal das Gefühl, dass die Gewichtung nicht ganz ausgewogen ist: Manche Aspekte werden sehr detailliert behandelt, während andere Themen eher kurz abgehandelt werden. Auch fehlte mir stellenweise eine klarere Struktur, teilweise wirkte das Buch etwas wirr, und mehr oder besser geordnete Kapitel hätten dem Ganzen vermutlich gutgetan. Zudem hatte ich manchmal Schwierigkeiten zu unterscheiden, wo genau Fakten präsentiert werden und wo eher persönliche Meinungen oder Interpretationen einfließen.
Besonders gut gefallen haben mir jedoch einige thematische Einordnungen, zum Beispiel das Unterkapitel über Schönheit sowie die Analyse des Kreislaufs der Armut. Ein Zitat, das mir besonders im Kopf geblieben ist, beschreibt, dass Armut hierzulande oft bedeutet, günstige neu produzierte Produkte kaufen zu müssen. Produkte, die nur deshalb so billig sind, weil in anderen Teilen der Welt Menschen und Umwelt dafür ausgebeutet werden (S. 83). Solche Passagen machen komplexe Zusammenhänge sehr greifbar.
Sehr gelungen fand ich außerdem die Einordnung aktueller politischer Entwicklungen und Denkmuster in Deutschland, besonders jener Narrative, die durch soziale Medien derzeit stark verbreitet werden. Gerade diese Abschnitte fand ich sehr relevant für das aktuelle gesellschaftliche Klima. Tatsächlich musste ich beim Lesen öfter denken, dass es wünschenswert wäre, wenn manche Menschen, insbesondere Wähler*innen rechter Parteien, dieses Buch vor einer Wahl lesen würden.
Auch wenn ich der Autorin nicht in allen Punkten vollständig zustimme, habe ich beim Lesen viele neue Denkanstöße bekommen. Das Buch regt zum Nachdenken an und schafft es, komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge verständlich zu erklären.
Insgesamt also eine sehr interessante und bereichernde Lektüre und ich freue mich jetzt schon darauf, als Nächstes „Klassenbeste“ zu lesen. :)
Keine Diskriminierungsform der „Triple Oppression“ ist bedeutsamer, akuter, verbreiteter oder schlimmer als die anderen beiden. Wohl aber gibt es eine, über die sich der Sozialstaat Deutschland chronisch erhaben fühlt und deren Klischees und Stereotype salonfähiger sind. Dass dem nicht so sein muss und wo demnach dringender Handlungsbedarf in Politik und Gesellschaft besteht, zeigt Marlen Hobracks hier auf 100 Seiten.
Ich schätze die Auswahl der bpb-Schriftenreihe und bin dort über Marlen Hobracks „Klassismus - 100 Seiten“ gestolpert. Sehr guter Primer zu Klassismus, der für mich insbesondere durch die Beispiele aus Alltagssituationen in Deutschland griffig wurde. Ich fand vieles sehr gut und nehme einiges mit. Insgesamt war es für mich aber ein bisschen ungeordnet.
Zitate: „Für das Verständnis von Klassismus ist entscheidend, dass eine Sache nicht deswegen als gut oder schlecht, schön oder hässlich erachtet wird, weil sie eben gut, schlecht, schön oder hässlich ist - sondern weil sie von Menschen der herrschenden Klassen, die die Regeln buchstäblich willkürlich festlegen kön-nen, als gut oder schlecht erachtet wird. Sogar ein und dieselbe Sache - etwa die Frage des Kämmens- oder Nicht-Kämmens oder die Frage, wie dick man sich die Augenbrauen nachmalt, wird je nach Klassenzugehörigkeit anders gedeutet.“ S 57
„Jeder Roman über die Gegenwartsgesell-schaft ist ein Roman über Klasse, denn Klasse ist überall. Es gibt, leider, keine klassenlose Gesellschaft, und selbst ein Ro-man, der Klassenerfahrungen oder Klassismus nicht explizit zum Thema macht, behandelt Klassenfragen. Wie viele Bücher über Thirty-Somethings in urbanen Milieus gibt es, in denen über Lebensstil, Karrieremöglichkeiten und Sinnsuche nachgedacht wird? Ist ein Roman, der in einem bildungsbürgerlichen Kontext spielt, kein Roman über Klasse? Was ich sagen will: Die Idee von »Klassenliteratur« scheint zu implizieren, dass da jemand von ›ganz untenı erzählt, von prekären Mili-eus, der Arbeitslosigkeit oder der verarmten Arbeiterklasse. Diese Klasse ist sichtbar, und zwar als Abweichung von der Norm, als nicht angestrebte oder nicht idealisierte Lebens-form.“ S 61
Eine tolle Reihe von Reclam die in 100 Seiten, komplizierte Themen behandelt ohne unsachlich oder ungenau zu werden. Klassismus auf 100 Seiten zeigt wunderbar auf warum der Begriff der Klasse immernoch aktuell ist und keinesfalls überholt. Im Gegenteil, müssen wir heute mehr unserer Probleme von einem Klasdenstandpunkt aus betrachten und dieses Buch zeigt warum (ohne den Intersektionalismus zu vergessen)