Programme de désordre absolu – Oder: Warum man ein Haus nicht renovieren kann, dessen Fundament aus Diebesgut besteht
Françoise Vergès betritt den Tempel der westlichen Kultur – das Museum – nicht als andächtige Besucherin, sondern als Abrissunternehmerin mit philosophischem Sprengstoff. Ihre These ist so famos wie unbequem: Das „universelle Museum“ westlicher Bauart lässt sich nicht dekolonisieren. Punkt. Warum? Weil es keine neutrale Vitrine ist, sondern eine architektonische Verkörperung staatlicher Macht und kolonialer Plünderungen.
Der Louvre als Hehler-Zentrale
Vergès erinnert eindrücklich daran, dass Institutionen wie der Louvre nicht aus reiner Liebe zur Schönheit entstanden, sondern auf den Plünderungen Napoleons und späterer Kolonialarmeen basieren. Zu versuchen, dieses System zu „dekolonisieren“, ohne seine Struktur einzureißen, sei so, als wollte man einen Schlachthof in einen Streichelzoo verwandeln, indem man nur die Wände neu streicht. Sie argumentiert mit Frantz Fanon für ein „absolutes Chaos“ – im besten, schöpferischen Sinne. Es geht ihr nicht um Reform, sondern um Revolution. Das Scheitern des Projekts „Maison des civilisations“ auf La Réunion dient dabei als bitterer Beweis für die Unmöglichkeit echter Veränderung innerhalb der alten Machtstrukturen.
Ein Schlag in die Magengrube des Establishments
Dieses Buch ist das Gegengift zu jedem halbherzigen „Restitutions-Symposium“, bei dem man bei Schnittchen über ‚gemeinsames Erbe‘ plaudert. Vergès fordert dazu auf, eine Welt zu imaginieren, in der Museen nicht mehr gebraucht werden, um sich zivilisiert zu fühlen. Eine brillante, kompromisslose Kampfansage.
EXKURS
Der große Paradox-Check: Heilt das Museum oder vergiftet es uns?
Eine Gegenüberstellung von Françoise Vergès’ Programme de désordre absolu und der King’s College „Immunsystem“-Studie
Man steht vor einem faszinierenden Dilemma. Auf der einen Seite liefern Neurowissenschaftler des King’s College London den klinischen Beweis: Der Besuch eines Museums ist rezeptpflichtig gesund. Wer vor dem Original steht (statt nur ein Poster anzusehen), senkt seinen Cortisolspiegel um satte 22 % und reduziert entzündungsfördernde Marker im Blut drastisch. Das Museum als Wellness-Oase für das gestresste Immunsystem – „Kultur auf Krankenschein“ scheint greifbar.
Doch dann betritt Françoise Vergès mit ihrem manifestartigen Hammer „Programme de désordre absolu“ den Raum und diagnostiziert genau diesen Ort als toxisch. Für sie ist das westliche Universalmuseum kein Sanatorium, sondern ein Tatort – gebaut auf Plünderung, kolonialem Raub und der Zurschaustellung imperialer Macht.
Die Frage, die beide Texte zusammen aufwerfen, ist exquisit und schmerzhaft zugleich: Wirkt die heilende Kraft der Kunst nur dann, wenn man die Geschichte ihrer Herkunft ignoriert? Senkt der Anblick einer geraubten Benin-Bronze wirklich den Blutdruck – oder nur bei demjenigen, der sich unbewusst als Erbe der „Sieger“ fühlt? Wenn Vergès recht hat und das Museum Gewalt ist, dann ist die biologische Entspannung, die das King’s College misst, vielleicht nichts anderes als die physiologische Messung von Ignoranz. Oder zynischer formuliert: Das westliche Immunsystem stärkt sich am besten im Angesicht der Beute.
Wer Vergès liest, spürt, wie der Cortisolspiegel aus Wut über die Ungerechtigkeit steigt. Wer die Studie liest, will sofort in den Louvre rennen, um sich zu beruhigen. Zusammen ergeben sie das perfekte Spannungsfeld unserer Zeit: Man weiß, dass der Tempel auf Sünden gebaut ist, und fühlt sich darin trotzdem verdammt wohl. Eine Pflicht-Kombination für alle, die den Widerspruch aushalten wollen.
Hinweis: Die deutsche Übersetzung des Buches unter dem Titel Für eine Dekolonisierung des Museums ist auf dieser Plattform derzeit leider nicht gelistet.