Sehr aufregende Lektüre, die sehr radikal anfing und das Leid der Frau wirklich sehr deutlich auf den Punkt bringt, „Denn ich bin Frau: und schließlich kann ich mir nicht den Luxus leisten, mit Worten die Realität, die mich erdrückt, vom Tisch zu wischen. Entjungferung, Vergewaltigung, kriminelle und legale, körperliche und geistige Schwangerschaft, Abtreibung, Gebären, Menopause (oder besser: das Ende der männlichen Lust, die so zutiefst doppeldeutig ist, daß sie für mich Bedrohung aber auch Möglichkeit der Verteidigung und Sicherheit sein kann) - alle diese Dinge können kompensiert, besänftigt, ertragen oder gar vergessen werden, deswegen bedeuten sie nicht weniger Verurteilung und Einschränkung, und ihre Schrecken werden mich bis zu meinem Tod niederdrücken.“
Anfangs war ich auch sehr beeindruckt von der Erwähnung anderer unterdrückten Gruppen wie Schwarzen Menschen oder homosexuellen Menschen, die auch ähnlich kämpfen müssen. Es werden an einigen Stellen eben auch nichtweiße Personen erwähnt. Dass es aber in dem Sinne ein weiteres Leid, eine doppelte Diskriminierung (auch von zB Rassismus betroffen zu sein) ist, im Gegensatz zu weißen Frauen, erkennt sie nicht. Nur bei ärmeren Frauen bzw. aus prekären Schichten sieht sie ein im Vergleich zu anderen Frauen eine größere Belastung. Die Verbindung zwischen den Kämpfen, die Intersektionalität, fehlte dann doch, das war schade.
Weil sie zumindest viel über den Kampf gegen den Kapitalismus, dem Sozialismus oder Maoismus, bzw. über kommunistische Länder wie Russland oder Chile spricht, habe ich da mehr erwartet. In der Auseinandersetzung kritisiert sie, dass der Sexismus nur als Nebenwiderspruch neben dem Hauptwiderspruch des Klassenkampfes gilt und er auch in kommunistischen/ sozialistischen Ländern nicht bekämpft wird. Zwar arbeiten dort mehr Frauen, trotzdem leisten sie weiterhin unbezahlte Care-Arbeit, arbeiten in schlecht bezahlten Berufen und ihre Mitbestimmung ändert sich kaum. Viel spricht sie auch über die Lage der Frau in unterschiedlichen europäischen wie südamerikanischen Ländern und China, da kann ich leider nicht wissen, inwieweit der Blick eurozentristisch gefärbt ist. Aber er wird es wohl sein.
Abschließend hat sich dann gezeigt, worauf sie mit dem Titel hinauswollte. Für sie gibt es den Feminismus oder den Tod. Damit meint sie jedoch weder die plakativen Optionen der Frauen noch den Gedanken im Stile von Valerie Solanas, alle Männer hinzurichten. Es geht viel mehr um einen „planetarischen“ Tod. Durch die Überbevölkerung, den hohen Verbrauch an endlichen Ressourcen und der Umweltzerstörung stehe der Planet vor dem Sterben. Schuld daran seien nicht der Kapitalismus, denn auch im Sozialismus zeige sich eine hohe Produktion, die über den alltäglichen Bedarf hinausginge. Männer haben diese Art des Wirtschaftens erfunden und dadurch, dass sie den Frauen die Verhütung und Abtreibung verbieten, sei es zu eben diesen Problemen gekommen. Die Frauen stünden jetzt vor der Notwendigkeit, diesen Planeten zu retten, indem sie eine Revolution starten, nach der weniger gewirtschaftet werde und nach der sie gleichgestellt mit dem Mann seien. Es ginge nicht um ein Matriarchat.
Lame.
Also entweder könnte sie ihre Vorstellung etwas detaillreicher ausführen, wie dieses neue System aussehen soll oder überhaupt die Revolution. Oder aber sie ist einfach nicht so radikal, wie ich es erhofft hatte. Also sorry, aber nach Jahrhunderten von Unterdrückung, Demütigung, Kleinhaltung, Folterungen und Tötungen, kompletter Unfreiheit über den Körper sollen wir sagen: hey komm lass den Laden mal zu zweit schmeißen und bissl weniger verbrauchen?! Und der Gedanke, die Frau stehe in der Pflicht, den Planeten zu retten, nachdem sie sich jahrhundertelang um Menschen sorgen muss? Ich finde, über den eigenen Körper frei entscheiden zu dürfen und in allen Hinsichten frei zu sein, sollte zuerst der Zweck und Ziel des Kampfes eben FÜR die Frauen sein (bevor ein ganzer Planet inklusive Männer gerettet werden soll). Vielleicht ist da laut der Autorin keine Zeit mehr für. Vielleicht seh ich den Weg vor lauter Gedanken nicht mehr, aber I hoped for more radicalism.