‚Die Magie goldgewebter Herzen‘ von Eleanor Bardilac ist das Buch, dem ich dieses Jahr am meisten entgegengefiebert habe (abgesehen von ‚Alecto the Ninth‘, aber lasst uns ehrlich sein: damit können wir 2024 nicht mehr rechnen). Als queerer cosy Romantasy-Roman ist ‚Die Magie goldgewebter Herzen‘ passend zum Pride Month Anfang Juni erschienen.
Die Leseerfahrung in Kürze: zum Verschlingen bitterhoffnungsschön.
Zuerst der negative Aspekt, den haben wir schnell weg, und er gründet sich nicht einmal auf dem Buchinhalt selbst: Das Marketing ist meiner Meinung nach schief. ‚Die Magie goldgewebter Herzen‘ wird als cosy Fantasy á là T.J. Klune beworben. Da muss ich widersprechen. Okay, ja, zugegeben, das Buch lässt sich runterbrechen auf eine wunderschöne Ausführung des Found-Family-Tropes und hat hohes Wohlfühlpotenzial für neurodivergente Personen sowie Menschen mit psychischen Erkrankungen und körperlichen Behinderungen, und Inhaltswarnungen sind kapitelweise gelistet, also muss sich niemand triggern lassen. ABER: Jaques.
Hear me out, okay: Jaques ist als Noels emotional missbräuchlicher älterer Bruder und klassistischer Diskriminierungsmeister ein erschreckend realistischer und sehr gelungener Gegenentwurf zur Message, der von Anfang bis Ende des Buches als unheilvoller Schatten über dem*der Lesenden hängt, sodass wir uns nie so richtig sicher fühlen, selbst wenn er abwesend ist (guilt-trippy Briefe kann er nämlich). Wir spüren ihn auch durchweg als Widerhall in Noels Figur, insofern er ihn zu einem selbstaufopfernden People Pleaser erzogen hat, der allein nicht aus dem ausbeuterischen Netz ausbrechen kann, in dem seine Verwandtschaft ihn festhält. (Und falls das beim Lesen noch nicht genug rausgekommen ist: All das hat sich so unangenehm nahe angefühlt, gerade weil es in einem realistischen Alltagsrahmen vonstattengegangen ist. Dickes Lob also an die Autorin.)
Abgesehen von Jaques, ist die Thematik des Buches auch an anderen Stellen wenig rosarot. Die gemeinsame Trauer um Celine, Schwester oder Ehefrau, ist omnipräsent (und nicht weniger realistisch geschrieben), und ich muss gestehen, dass mich das kannibalistische Ritual im ersten Kapitel, bei dem ihr Herz gegessen wird, als Einstieg in einen cosy Fantasy-Roman eher kalt erwischt hat.
Ich könnte verstehen, wenn Lesende sich von der Behandlung so vieler schwerherziger Themen in einem auf genannte Weise beworbenen Roman betrogen fühlen. Zumindest mir ging es so, dass Jaques allein so viel psychische Gewalt in diesem Buch ausgeübt hat, dass ich es nicht mehr als ‚cosy‘ lesen konnte (sicherlich gibt es aber auch Leute, denen er weniger ausmacht). Mein persönliches Vertrauen in das Buch war allerdings ungebrochen, nachdem ich beschlossen hatte, meinen Leseeindruck nicht vom Marketing bestimmen zu lassen, und ich möchte noch einmal betonen, dass ich hier wirklich nicht der Geschichte die Schuld gebe – sie ist eine wundervolle Komposition vielschichtiger Gefühle.
Kommen wir doch direkt zu meinem Highlight in diesem Buch: den Charakteren und ihren Beziehungen.
Noel und Lucien haben für mich sofort funktioniert – sowohl einzeln als auch als Paar soon-to-be. Als neurodivergente Person habe ich mich so in Lucien wiedergefunden. Seine direkte, unaufgeregte, autistische Kommunikationsart fühlt sich für mich wie eine vertraute Seele an, und seine Monologe über seine Spezialinteressen waren (auch wenn er leider andere Einschätzungen gewohnt ist) spannend und interessant geschrieben. Gleichzeitig fühlt sich Noels selbststrafender innerer Monolog unangenehm authentisch an. Die Liebe zu seiner Tochter Celeste und wie das Kind auf so natürliche Weise für mehr Verständnis zwischen den beiden Männern sorgt, war herzerwärmend (ganz abgesehen davon, wie glaubwürdig und realistisch dieser Kind-Charakter geschrieben ist, größtes Lob an die Autorin, das habe ich so gut gemacht noch nicht gelesen). Das Trio hat mich in Windeseile von sich überzeugt, und ich hätte nichts dagegen gehabt, ein paar hundert Seiten Domestic Bliss über geteilte Magielieder und Prothesenbau, Picknicks und Feiern, Pferde- und Beziehungsgespräche mehr von ihnen zu lesen (331 Seiten sind so schnell vorüber).
Abgesehen von den beiden Turteltauben als Protagonisten und dem Antagonisten Jaques, beinhaltet der Cast Luciens Herzwesen (seine Found Family auf seinem Landgut), allesamt gelungen und wundervoll, Tanten vom Typus schwarze Witwe und politische Verbündete(?), die hauptsächlich den Plot vorantreiben und die Frage beantworten sollen: Wie weit dürfen Profit und Familie (einher)gehen?
Ich liebe einfach alles an Diversität in diesem Buch: von Mer über Matthieu zu awkwarden Polyamorie-Gesprächen und gesellschaftlicher und sozialer Ausgrenzung von Minderheiten. Es war so schön, so offen und so heilsam von Anfang bis Ende.
Das Magiesystem, nach dem jede Familie Kräfte besitzt, die in Geweben existieren, unterstützt die Beziehungen und Message des Buches auf natürliche Weise. Besonders beeindruckend war für mich, wie neurodivergent lesbare Menschen diese Gewebe (stärker) wahrnehmen als neurotypisch lesbare Menschen, also empfindsam auf die Anwesenheit und Gefühlsregungen ihrer Mitmenschen reagieren und mit dieser Herausforderung im Alltag zusätzlich zurechtkommen müssen (was selbsterklärend nicht immer gelingt), von der Gesellschaft aber mangels Verständnisses als empfindungs- bzw. magiebehindert wahrgenommen werden (Ableismus lässt grüßen). Gemeinhin hat ihnen das sogar die paradoxe Bezeichnung ‚Steinhaut‘ eingebracht. Durch Lucien, der eine solche ‚Steinhaut‘ ist, lernen wir und Noel aber schnell, wie sehr das Gegenteil der Fall ist – und wie viel Potenzial dahinterstecken kann, mehr wahrzunehmen als die meisten anderen Menschen. Dass Lucien die Magie der einzelnen Leute synästhetisch als Lieder spürt, rundet diese wohldurchdachte Wahrnehmungsexploration herrlich ab.
Noch ein Worldbuilding-Funfact: In der Oberschicht tragen alle – geschlechtsunabhängig – Kleider/Röcke. Dass Lucien wegen sensorischen Schwierigkeiten eher leger bis ‚offenherzig‘ (Noel freut sich) in (Hemd und) Hosen daherkommt und mit diesem Look gelegentlich für gesellschaftliche Empörung sorgt, war mindestens erfrischend zu lesen.
Bardilacs Schreibstil ist ein Gedicht. Im wahrsten Sinne. Bildlich, sinnlich, emotional, detailverliebt – eine Mischung, die sich bunt und voll liest und für mich anfühlt, wie einen sehr guten, süßsauren Eistee mit Minzdeko zu trinken, aus dem sich Kumquats fischen und Granatapfelkerne aufsaugen lassen (thirsty now).
Fazit: Wer eine Achillean Romance mit Fantasy-Anteilen und Figurenfokus in einem steampunkig-landschaftlichen Setting begehrt, der gebe diesem Meisterwerk bitte die Chance, sein*ihr Lieblingsbuch zu werden.
5/5