Es wird eskalieren. Ein atemlos erzählter Roman über die Dynamik einer vereinnahmenden Liebesbeziehung, von der idyllischen Zweisamkeit bis zur lebensbedrohlichen Gewalt – sinnlich und schmerzhaft konsequent. So, wie die engagierte, talentierte Julia dem exzentrischen Maler Joe begegnet, könnte eine große Liebe beginnen. Von Joes Abgründen lässt Julia sich nicht abschrecken, im Gegenteil. Doch warum malt er nur tote Frauen? Als sie ihm schließlich in seine abgeschiedene Hütte im Wald folgt, kommen sie einander so nahe, dass die Wahrheit nicht mehr zu verbergen ist. Barbara Rieger verfolgt in einer rasanten Handlung minutiös die Motive und die Entwicklung emotionaler Abhängigkeit und zeigt, dass häusliche Gewalt jede und jeden von uns treffen kann.
Was Barbara Rieger in ihrem Roman Eskalationsstufen, der eine verhängnisvolle Affäre beschreibt, ausgezeichnet gelungen ist, ist die Dramaturgie, zumindest bis zum Finale. Die Autorin erzeugt einen Lesesog durch wabernde Drohszenarien, die aus dem Hintergrund allmählich anschwellen, ähnlich wie bei den Horrorfilmen diverse gruselige Soundeffekte, die sich Schritt für Schritt bis zum Crescendo steigern und die Nerven flattern lassen. Bedauerlicherweise war mir persönlich dann das Ende bei all der subtil versprochenen Dramatik zu wenig mit Bums, Gewalt, und Eskalation.
Worum geht es? Protagonistin und Sprachlehrerin Julia lebt schon lang in einer eingefahrenen, recht langweiligen Beziehung mit Consultant David. Sie hat sehr viel Freiraum, weil ihr Lebensgefährte die ganze Woche irgendwo in Europa Firmen berät und nur am Wochenende für die Beziehung verfügbar ist. Julia ist auch sonst nicht wirklich zufrieden mit ihrem behäbigen, bürgerlichen Leben, denn sie ist eigentlich Künstlerin, die Sprachschule sichert ihr nur ihren Lebensunterhalt.
Auf einer Vernissage lernt Julia den exzentrischen Maler Joe kennen und beginnt eine heftige Affäre, die irgendwann auffliegt. Julias langjähriger Partner David lässt sich das nicht gefallen, schmeißt sie raus und in der Not zieht Julia Hals überkopf bei Joe ein. Dann beginnt Schritt für Schritt das Unvermeidliche, das langsam drohend im Hintergrund wabert und diese gewaltige, gewalttätige Grundstimmung als Sog erzeugt. Julia wird immer abhängiger, Joe trennt sie sehr subtil von Freunden und Familie, er wird immer fordernder. Sie reduziert sogar auf Veranlassung Joes ihre Stunden in der Sprachschule, um sich mehr der Kunst widmen zu können, macht sich also auch finanziell abhängig. Oft hat sie Blackouts und Schmerzen im Unterleib.
Als der Corona Lockdown kommt, ziehen beide in Joes einsame Hütte irgendwo im Nirgendwo und die Situation eskaliert tatsächlich, wie im Titel punktgenau definiert, stufenweise weiter durch Einsamkeit, Quarantäne, fehlende externe Kontakte, Aggressionen und Übergriffe. Eine Tötung der ersten Ehefrau von Joe steht auch im Raum, Alkohol und Drogen fachen das ganze explosive Szenario weiter an. Das ist so grandios beschrieben: Die Hütte, der meterhohe Schnee, der eine Kontaktaufnahme mit der restlichen Zivilisation verhindert, der Lockdown, das frustrierte, sich belauernde Paar, das Trinken, die subtile und auch dann tatsächlich ausbrechende Gewalt. Richtig gutes Kino.
Mein letzter Kritikpunkt ist sehr persönlich, denn mir fehlt halt die letzte Eskalationsstufe, ich bin da dann schon von der Fraktion, wenn schon fiktive Gewalt, dann bitte ordentlich und definitiv kein Ende ohne Mord und Totschlag. Aber wie gesagt, das ist eine sehr persönliche Einstellung.
Fazit: Absolut lesenswert, wenn man die Entwicklung einer toxischen Beziehung Schritt für Schritt verfolgen möchte. Nichts für zarte Gemüter. Ich kann mir in diesem Fall schon die österreichische Verfilmung bildlich vorstellen und hab sogar die Hauptdarsteller im Kopf.
3.5 Fand ich sehr packend geschrieben. Die Protagonistin berichtet eher distanziert, als würde ihr Leben ihr passieren, hat bei mir dazu geführt, dass ich umso mehr für sie gefühlt habe. Es gibt am Rande noch weitere eine Story mit häuslicher Gewalt, die sehr viel klassischer und direkter erscheint und eine migrantisierte Frau betrifft, während ich die Protagonistin und ihren Typen als bio-österreichisch lese. Finde es einerseits spannend, dieser subtil beginnenden Geschichte einen "härteren" fall gegenüber zu stellen, aber dass dafür ein migrantisiertes, wenn auch gebildetes Paar, gewählt wurde, gibt nen Geschmäckle mMn
Dieses Buch hat mich völlig in seinen Bann gezogen, es war wie ein Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte, genau wie die Protagonistin Julia, die sich immer tiefer in die unheilvolle Beziehung zu dem charismatischen Joe verstrickt. Barbara Riegers eindringliche Sprache macht spürbar, wie es den Opfern in toxischen Beziehungen ergeht, und macht ihr Verhalten in seiner ganzen Widersprüchlichkeit und Komplexität besser verstehbar.
fand ich bissi oberflächlich. vor allem auch den konflikt, zwischen wissen, dass der partner nicht gut tut und ihn trotzdem nicht verlassen wollen, fand ich nicht genug aufbereitet. hätt man mehr draus machen können, kann man trotzdem mal lesen
"Die Kapitel des Romans orientieren sich am Stufenmodell von Jane Monckton Smith, das acht Stufen identifiziert, die eine Beziehung durchläuft, bevor der Mann seine (Ex-)Partnerin tötet."