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56 pages, Hardcover
First published January 1, 1967
Das kurze Leben unserer Ahnen
Nicht viele haben das dreißigste Jahr erlebt.
Das Alter war ein Privileg der Steine und der Bäume.
Die Kindheit dauerte nur ein Welpenalter der Wölfe.
Man mußte sich eilen, zu leben,
bevor die Sonne sank,
bevor der erste Schnee fiel.
Die dreizehnjährigen Kindergebärerinnen,
die vierjährigen Sucher nach Vogelnestern im Schilf,
die zwanzigjährigen Anführer einer Jagd.
Noch gab es sie nicht, schon gibt es sie nicht.
Rasch wuchsen die Enden der Unendlichkeit zusammen.
Die Hexen kauten Beschwörungen mit allen Zähnen der Jugend.
Der Sohn wurde vor den Augen des Vaters zum Mann,
der Enkel vor Großvaters Augenhöhlen geboren.
Ihre Jahre zählten sie übrigens nicht.
Sie zählten die Netze, Töpfe, Zelte, Beile.
Die Zeit, so freigebig für den beliebigen Stern am Himmel,
streckte ihnen eine fast leere Hand entgegen
und zog sie eilig zurück, als täte es ihr leid.
Noch einen Schritt, noch zwei längs des glitzernden Flusses,
der aus dem Finsteren fließt und der im Finsteren entschwindet.
Es gab keinen Augenblick zu verlieren,
keine Fragen zurückzustellen, keine spätere Offenbarung,
falls sie nicht rechtzeitig wahrgenommen wurden.
Die Weisheit konnte nicht warten auf graue Haare.
Sie mussten sehen, bevor etwas klar war,
hören, bevor es tönte.
Das Gute und das Böse -
sie wußten wenig davon, aber alles.
Siegte das Böse, dann hielt sich das Gute verborgen.
Kam das Gute zum Vorschein, dann lauerte das Böse versteckt.
Das eine wie andere war nicht zu bezwingen,
noch von sich zu weisen in eine unwiederkehrbare Ferne.
Deshalb, wenn Freude, dann mit einem Zusatz von Bange.
Und wenn Verzweiflung, dann nie ohne Hoffnungsschimmer.
Das Leben, sei es auch lang, wird immer kurz sein.
Zu kurz, um ihm etwas hinzuzufügen.