Ich habe das Buch geschenkt bekommen und mich sehr darüber gefreut. Ich verfüge über ein gutes Wissen über verschiedene Aspekte des modernen Feminismus und bin immer an Weiterbildung interessiert.
Grundlegend: Ich kann das Buch grundsätzlich weiterempfehlen. Es eignet sich super als Einstiegslektüre. Mir haben jedoch ein paar Dinge gefehlt, wo ich es wichtig gefunden hätte, dass diese hier Erwähnung finden.
Ein Punkt, was sicher nur meine persönliche Befindlichkeit trifft, waren die Quellenangaben. Mal gab es im Text Fußnoten, mal nicht. Sicher stehen die Quellen pro Thema im Anhang, aber eine Erwähnung im Text hätte ich gut gefunden, um einen besseren Überblick zu haben, wo denn jetzt welche Infos herkommen. Wenn ich schreibe „Laut X …“ heißt das ja nicht, dass meine Quelle auch X ist, sondern kann auch ABC sein. Und wenn ich X dann nicht im Quellenverzeichnis finde, muss ich raten, wo die Info jetzt herkommt.
Das Buch ist nach Themen aufgebaut. Jede Person, die hier mitgewirkt hat, hat sich einem Thema gewidmet. Ich gehe daher pro Thema durch.
Bettina Schulte (Hrsg.) Vorwort
Im Vorwort werden kurz die Mitwirkenden und ihr persönlicher Hintergrund vorgestellt, der zu den Themen passt, über die sie schreiben. Eine kurze Einführung in die Geschichte des Feminismus erfolgt ebenfalls, allerdings sehr fokussiert auf Frauenrechte und die BRD. Die DDR wurde hier mal wieder vergessen. Ich finde es aber sehr wichtig, sich nicht nur auf die eine Hälfte Deutschlands zu berufen, da wir zwei völlig verschiedene Systeme und Grundlagen haben. In der DDR gab es viele Frauenrechte viel früher und teilweise von Beginn an. Durch das System erfolgte eine Gleichstellung der Geschlechter, weil man die Arbeitskraft der Frauen benötigte und dies nur durch Etablierung von Frauenrechten erreichen konnte, z.B. Arbeit, Konto, Geburtenkontrolle, Kinderbetreuung etc. Das alles kam in der BRD vergleichsweise spät. Dies hat aber bis heute Auswirkungen, da einige DDR-Generationen völlig anders aufgewachsen sind und erzogen wurden und dem entsprechend auch ein ganz anderes Verständnis von Feminismus haben als Frauen in der BRD. Wir haben im Osten ganz andere Problematiken, Themen und Diskussionen als in den alten Bundesländern – bis heute. Dieser Aspekt wird immer wieder vernachlässigt, stattdessen werden die Themen der alten Bundesländer als Maßstab genommen und als allgemeingültig verstanden. Ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass hier etwas differenzierter gedacht wird.
Theresa Hannig: Feminsmus heute:
Dieses Kapitel war ein guter Einstieg. Theresa hat einen sehr persönlichen Blick auf den modernen Feminismus und schildert hier ihren „Werdegang“. Es werden wichtige Themen angesprochen, z.B. gegenseitige Unterstützung statt Konkurrenzdenken. Mir hat hier aber auch ein umfassenderer Einblick in den modernen Feminismus gefehlt. Es wurde mir zu wenig über Queers, PoC, Kapitalismuskritik etc. gesprochen. Wir haben ja einen riesen Sprung gemacht von „Gleichheit für Frauen“ zu „Gleichheit für alle“. Das kommt mir hier deutlich zu kurz. Auch aktuelle Problematiken, z.B. White Feminism oder Trad Wifes haben mir hier gefehlt.
Theresa Brückner: Feministin und Christin – Frauen und Kirche
Christliche Religion und Feminismus war ein bisher völlig unbekanntes Land für mich. Ich habe mich mit Ende 20 taufen lassen, weil ich gern glauben möchte. Die Kirche und Bibel als Institutionen waren mir jedoch immer fremd geblieben und ich habe nie wirklich Zugang gefunden. Der Beitrag von Theresa hat mir hier sehr geholfen. Es geht um die patriarchalen Strukturen innerhalb der Kirchen und auch um Fehlinterpretationen oder falsche Übersetzungen in der Bibel und daraus folgend eben auch eine falsche Darstellung der Frauen. In diesem Zusammenhang werden auch Machtmissbrauch und Verfehlungen der christlichen Kirche angesprochen und am Ende ihres Beitrag entschuldigt sich Theresa dafür. Ich habe hier sehr viel mitgenommen, mir Notizen gemacht und mich abgeholt gefühlt.
Henriette Hell: Fürsorgliche, erfolgreich, sexuell verfügbar und Armutsgefährdet
In diesem Beitrag geht es um den sozialen Abstieg der Mütter. Ich muss ehrlich sagen, dass mir der Beitrag überhaupt nichts gebracht hat. Ich bin seit eigentlich schon immer alleinerziehend und hatte grundsätzlich immer geringe finanzielle Ressourcen, daher setze ich mich seit Jahren intensiv mit dem Thema auseinander. Mir haben in dem Beitrag sehr viele Aspekte gefehlt, die ich aber für unerlässlich halte.
Henriette schreibt, wie ihr hochschwanger klar geworden ist, dass sich ihr Leben verändern wird, sobald sie das Kind bekommt. Ihr persönlicher Blick auf die Thematik kommt mir aber sehr privilegiert vor. Panisch denkt sie darüber nach, wie lange sie nach der Geburt in Elternzeit gehen kann und ob sie immer noch ihre geliebte Selbstständigkeit haben kann oder ob sie sich gar einen festen Job suchen muss. Für viele Menschen stellen sich solche Fragen überhaupt nicht. Genauso wenig wird für die meisten Frauen wohl die Frage aufkommen, ob man jetzt den ETF-Sparplan verringert oder nicht. Oder das fancy Yoga Studio kündigt.
Da geht es vornehmlich darum: habe ich dann überhaupt noch einen Job oder muss ich ins BG? Für viele Menschen gibt es auch die Möglichkeit, in die Selbstständigkeit zu gehen überhaupt nicht, weil sie eben nicht studiert haben oder einen Beruf gewählt haben, wo Selbstständigkeit nicht so einfach geht. Diese Aspekte gehen hier unter.
Es kommen zwar auch Themen wie fehlende Kinderbetreuung, Care Arbeit, Psyche, Kapitalismuskritik und das MILF-Problem zur Sprache, aber deutlich zu kurz. Die werden so am Rand erwähnt und nicht wirklich erklärt.
Auch hatte sie sich wohl vorgestellt, trotz Kind weiterhin längere Zeit ins Ausland zu reisen (sie ist Reise-Journalistin) und ihr wird mit Schrecken klar, dass das ja nun nicht geht. Ja, aber daran ist nicht das System schuld, sondern einfach der Aspekt, dass du Verantwortung für einen Menschen hast, der vollkommen abhängig von dir ist. Solche Aussagen kamen mir unendlich naiv und unüberlegt vor.
Henriette schreibt in ihrem Beitrag, dass sie als junge Frau auf Mütter herabgesehen hat. Das ist tatsächlich ein Phänomen, auf das man stärker hätte eingehen müssen. Es gibt Studien dazu, dass gerade junge Leute keine Probleme sehen, bis es sie selbst dann betrifft, wenn sie Kinder bekommen. Dies sehe ich auch hier. Da hätte ich mir mehr Reflektion der eigenen Denkweisen gewünscht.
Bezüglich der Kinderbetreuung sagt sie: „Ein Kind in der Ganztagsbetreuung heißt auch immer: ganz viel verpassen, sich innerlich zerrissen fühlen, permanent ein schlechtes Gewissen haben.“ Sprich bitte nur für dich selbst. Ich hatte das nie und ich habe die Ganztagsbetreuung immer als etwas Gutes für meine Kinder und auch für mich selbst gesehen. Aber kann auch daran liegen, dass ich eben im Osten Deutschlands groß geworden bin und Ganztagsbetreuung hier normal ist. Auch die Frage, wie lange jetzt das Kind betreut werden kann, stellt sich vielen Familien aus finanziellen Gründen einfach mal gar nicht. Da muss eine Ganztagsbetreuung her, sonst geht die Familie unter, weil sonst ein Großteil des Gehalts wegbricht.
Auch die Aussage: „Aber die Dinge ändern sich eben, wenn du älter wirst und in einer stabilen Partnerschaft lebst. Du bekommst plötzlich Lust auf diese völlig neue, alles verändernde Herausforderung, das Abenteuer „Familie“. „Nope. Bitte sprich auch hier nur für dich selbst. Ich hatte keine „Lust auf ein Abenteuer“, als ich mich entschieden habe, Kinder zu bekommen, sondern weil ich den Zeitpunkt gut und mich reif genug dafür fand. Ich war 26 beim ersten Kind und 28 beim zweiten. Kinder sollte man auch nicht bekommen, weil man gerade mal „Lust“ darauf hat. Was, wenn du keinen Bock mehr drauf hast?
Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass Henriette zwar sagt, wie gern sie wieder arbeiten wollte, aber andere Frauen dann dafür verurteilt und behauptet, die hätten „ihre eigenen Kinder wahrschlich ewig nicht ins Bett gebracht“. Das viele politische Entscheidungen bezüglich Länge der Elternzeit etc. absoluter Quatsch sind, ist klar. Aber das kann man auch darlegen, ohne Leute für ihren Lebensentwurf zu shamen und ihnen zu unterstellen, sie würden sich nicht um ihre Kinder kümmern.
Desweiteren kam mir die aktuelle Situation viel zu kurz. Hier werden zwar viele Quellen genannt, aber die sind oft aus den 1970ern und auch wieder fast ausschließlich auf die westlichen Gefilde Deutschlands bezogen. Mir haben hier z.B. auch die Einflüsse der COVID-19 Pandemie gefehlt, die ja schon signifikanten Einfluss auf die Lebensumstände der Menschen hatte.
Ich habe mir einen Artikel erhofft, in dem behandelt wird, dass es eigentlich egal sein sollte, wie man sich entscheidet: ob für oder gegen Kinder, ob für oder gegen eine berufliche Tätigkeit. In allen Fällen sollte man keine Angst um die eigene Zukunft und die finanziellen Ressourcen haben müssen oder in totale finanzielle Abhängigkeit zu geraten. Es muss daher mehr Unterstützung für Familien geben, aber nicht nur auf Kinderbetreuung beschränkt, sondern erweitert sich auf Schulen, Freizeitangebote und Weiterbildungen für Eltern usw. Weiterhin muss Unternehmen klar werden, dass es ohne Eltern nicht geht und sie flexiblere Arbeitszeit- und ortmodelle ermöglichen müssen. Und dies muss auch gerade in Bereichen geschehen, in denen man keinen fancy Studienabschluss vorweisen muss, sondern in allen Branchen.
Amani Abzuzahra: Über intersektionalität und muslimischen Feminismus
Der Beitrag dreht sich um Feminismus im Islam. Dabei will Amani hier niemanden missionieren, sondern einfach Vorurteile und Privilegien aufzeigen. Dabei wird der White Feminism thematisiert, der mir in den vorangegangenen Beiträgen etwas zu kurz gekommen ist. Feminismus muss intersektional sein und für etwas sprechen, nicht gegen etwas. Mir hat das Essay viel gebracht und noch einmal ein paar „blinde Flecken“ aufgezeigt.
Aiki Mira: von Monstern, Cyborgs und Cyberpunks
Eigentlich sollte der Fokus des Beitrags hier auf dem Pseudonym liegen, aber wir bekommen hier ganz viel drum herum. Durch ein Pseudonym können Menschen sichtbar werden und zu der Person werden, die sie in Wirklichkeit sind. Aiki Mira schlägt hier mehrere Brücken zur Phantastischen Literatur, explizit Science Fiction und interpretiert Werke in Bezug auf Körper und Identität. Hier kommt vor allem „The girl who was plugged in“ von Tiptree zur Sprache, aber auch Mary Shelly mit „Frankenstein“. Ich fand diese Sichtweisen sehr spannend und einleuchtend. Zumal ich den Eindruck hatte, dass Aiki Mira wirklich Ahnung vom Thema hat und sich nicht scheut, in die Tiefe zu gehen. Das hat mir sehr gefallen.
Mareike Fallwickel: Aber was ist mit den Männern?
Mareike beleuchtet in ihrem Beitrag den Schaden, den das Patriachat bei Jungs und Männern anrichten kann. Ich kannte viele angeführte Autor*innen bereits, fand den Beitrag aber sehr prägnant. Er bringt einfach alles auf einen gute Punkt und erklärt verständlich, warum das Patriachat für niemanden gut ist, auch, oder erst recht nicht, für Männer. Mareike erwähnt hier oft ihren Sohn und ich kann ihre Gedanken dazu nachvollziehen, da auch ich einen Sohn im ähnlichen Alter habe und diese Sorgen teile. Ich fand es schön zu sehen, dass sich auch andere Eltern in dieser Situation befinden. Ich habe hier sehr viel mitgenommen.
Barbara Streidl: Streit im Feminismus
In ihrem Beitrag nimmt Barbara verschiedene Diskurse im Feminismus auseinander, wie die (mittlerweile) fragwürdigen Positionen der Alice Schwarzer, trans-Feindlichkeit (inkl. JKR), White Feminism und Schönheitsideale. Mir hätte es besser gefallen, wenn jeder dieser Reibungspunkte ein eigenes Kapitel bekommen hätte, aber das kann dieses Buch eben auch nicht leisten – man kann nicht alles haben. Dafür gibt es aber auch andere Bücher, die sich damit sehr intensiv auseinandersetzen. Mir war es aber wichtig, dass diese Punkte überhaupt in einem Beitrag behandelt und besprochen werden.
Fazit:
Insgesamt war es ein gutes Buch, ideal für Einsteiger*innen, und noch mal zum Nachlesen. Die Texte waren gut zu lesen und ich denke, dass sie auch von Neulingen verstanden werden können. Ich weiß auch nicht alles und in viele Gefilden des Feminismus habe ich auch noch nicht reingeschaut. Hier hat mir das Buch auch noch mal gut Input gegeben. Ohnehin fand ich die meisten Artikel sehr gut auf den Punkt gebracht. Von mir gibt’s eine Empfehlung.