Sehr interessante und spannend erzählte Geschichte, wenn man auf die Dynamik zwischen den Charakteren und innerhalb der Schulgemeinschaft schaut. Die soziale Ebene und die leichten Thriller-Elemente sind richtig gut gelungen. Punktabzüge gibt's für Schwächen in der Hintergrundidee, insbesondere bei den technischen Details - und ich sage das, ohne davon besonders viel zu verstehen.
Eine Schulklasse nimmt an einem Wettbewerb teil, für den neue Konzepte zum Klima- und Umweltschutz entwickelt werden sollen. Sie erfinden eine App und starten damit ein dreimonatiges Experiment: Alle Schüler, die die App runterladen, bekommen durch sie angezeigt, ob sie über oder unter dem Umweltbudget liegen, das einzuhalten notwendig wäre, um den Klimawandel zu begrenzen. Und ein kleines Icon, das rot oder grün ist, macht diesen Status für alle anderen auf den Social-Media-Kanälen sichtbar.
Die vier Protagonisten sollen das Projekt offiziell begleiten und vertreten:
- Kera, die die Idee hatte, eine gute Schülerin, die sich sehr für Umweltthemen interessiert
- Leonard, ein stiller nerdiger Typ, sonst eher Mobbingopfer, der die App programmiert hat
- Elodie, eine "Influencerin", die sonst eher Nagellack bewirbt, jetzt aber das Projekt promoten und sichtbar machen soll
- Max, ein beliebter, aber versetzungsgefährdeter Schüler, der die App nicht runterladen will, sondern aus der Außenperspektive darüber berichten soll, um seine Note aufzubessern
Die vier sind sehr lebendige Protagonisten und ich habe gerne über sie gelesen. Alle machen eine Entwicklung durch, die man nicht von Anfang an so hat kommen sehen, was es für mich sehr interessant gemacht hat. Witzigerweise fand ich sie alle am Anfang sympathisch, in der Mitte teilweise weniger, und am Ende mochte ich sie dann doch wieder.
Es ist absolut spannend zu sehen, wie sich das Projekt auf die ganze Schule auswirkt und in unterschiedlichen Leuten auch entsprechend unterschiedliche Reaktionen hervorruft.
Sicher auch ein Buch, das als Schullektüre interessant sein könnte.
Was mich gestört hat, war wie eingangs erwähnt vor allem der technische Hintergrund. Die App rechnet ALLES, was man tut, ein: Nicht nur, mit welchem Verkehrsmittel man sich fortbewegt, sondern auch, welches Modell das Fahrzeug hat und wie viele Personen darin sitzen. Was es zu essen gibt, welche Verpackung es hat, aus welchem Herkunftsland es kommt, wie viele Personen davon essen. Wie stark der Raum beheizt ist, wie viele Lichter brennen, welche Geräte am Strom sind usw.
Das ist im Prinzip ja genau richtig, um den gewünschten Zweck zu erfüllen, dass man sich wirklich klar macht, wie viel Energie und Ressourcen man ständig verbraucht - oft, ohne es zu wissen.
Aber es ist in der Praxis ziemlich unvorstellbar, weil es entweder bedeutet, dass man pausenlos damit beschäftigt ist, jeden kleinsten Aspekt seines Lebens zu dokumentieren (jedes Mal, wenn man einen Raum betritt: welche Temperatur hat er, läuft eine Heizung oder Klimanlage, wie ist die betrieben und wie hoch eingestellt, wie hell ist es, wie viele Lampen, was für Glühbirnen, mit welcher Stromquelle wird das Gebäude versorgt, ...) oder dass das Handy als absolute Überwachungsmaschine all diese Dinge irgendwie automatisch mitbekommt. Was die Technik theoretisch schon kann sind ja solche Dinge wie Standort, Umgebungstemperatur, Lichtverhältnisse, Vernetzung mit anderen technischen Geräten, es wird sogar beschrieben, dass es merkt, wenn mehrere User der App in der Nähe sind, und deren Angaben miteinander vergleicht, bzw. bei anderen Usern nachfragt, ob deine Angaben zutreffen.
Es gibt eine Szene, in der das Handy mithört, dass über Avocados gesprochen wird, und dadruch den User quasi dabei "erwischt", welche zu essen und diese Umweltkosten anrechnet. In dem Fall stimmt es zwar, aber man könnte ja auch über Dinge reden, die man nicht gerade konsumiert.
In einer anderen Szene sitzt ein Schüler im Dunkeln, um Energie zu sparen. Woher soll das Handy wissen, ob das Licht an ist, wenn es z.B. in einer Tasche steckt - und erst recht, ob da 60 Watt brennen oder eine LED?
Es müsste also eigentlich relativ leicht sein zu schummeln oder unbeabsichtigt falsche oder unvollständige Angaben zu machen - schon allein, weil man etwas einzutragen vergisst, das Handy nicht 24/7 unmittelbar am Körper trägt oder schlicht keine Ahnung hat, welche Leuchtmittel in der Straßenbahn benutzt werden. Es scheint auch keinen Schüler zu geben, der mal sein Handy verliert oder kaputtmacht, dessen Handy nicht auf dem notwendigen technischen Stand ist, oder der keine Social Media Seiten benutzt. Von Datenschutz will ich gar nicht anfangen.
Und Leonard programmiert dieses technische Wunderding in weniger als zwei Wochen.
Also ja, die Idee ist interessant, aber eigentlich wenig glaubwürdig. Wenn man diesen Teil aber als die Fiktion hinnimmt, die es ja auch ist, dann ist die Geschichte, die sich daraus ergibt, auf jeden Fall gut gelungen, vielschichtig und erzählerisch toll umgesetzt.
Mir hat das Lesen sehr viel Spaß gemacht.