Charlotte Gneuß, 1992 in Ludwigsburg geboren, studierte Soziale Arbeit in Dresden, literarisches Schreiben in Leipzig und szenisches Schreiben in Berlin. Sie veröffentlicht in Literaturmagazinen, ist Gastautorin von »ZEIT Online«, war u. a. bei Textwerkstätten der Jürgen Ponto-Stiftung und der Kölner Schmiede geladen, ist Gewinnerin des Leonhard-Frank-Stipendiums für neue Dramatik und Herausgeberin der Anthologie »Glückwunsch«, die bei Hanser Berlin erschien. Immer wieder nähert sich Gneuß schreibend der DDR, der Realität und der Utopie, in der ihre Eltern aufwuchsen und die es heute nicht mehr gibt. Ihr Debütroman »Gittersee« wurde mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung 2023 ausgezeichnet und steht auf der Longliste für den Deutschen Buchpreis 2023.
Empfehlenswerter Snack für zwischendurch. Ähnliches Thema wie in ihrem Roman "Gittersee", auch aus dem Blickwinkel einer Schülerin erzählt. Eine weitere schöne Ausgabe von Das Gramm 🙂
Ganz kurz war ich genervt von der bemühten Sprache, die die Leser*in in eine bestimmte Zeit versetzen soll (was durchaus gelingt, aber ich fand es aufgesetzt). Dann bin ich aber in den Sog dieser Kurzgeschichte gezogen worden und alles formale war vergessen.
"Oder Reutershagen" ist eine Kurzgeschichte von Charlotte Gneuß, die als Nr. 20 der Kurzgeschichtenzeitschrift Das Gramm erschienen ist. In ihr erzählt ein junges Mädchen von dem, was ihr außergewöhnlich an ihrem Alltag erscheint - vor allem vom plötzlichen Tod ihres "Kusinchens". Was es im Zusammenhang damit mit dem "Raudi" Hans Otto Röder auf sich hat, versteht sie nicht so ganz. Die Geschichte ist ein faszinierender Blick in ein kindliches Welterleben - aus irgendeinem Grund schafft Gneuß es, eine realistisch kindliche Ich-Stimme zu schaffen, was zum schwersten gehört, woran man sich versuchen kann. So muss das erwachsene Lesepublikum sich auf der Suche nach den subtil eingestreuten Hinweisen darauf, was es mit dem Todesfall tatsächlich auf sich hat, durch allerlei Infirmationen graben, die der Ich-Erzählerin eben auch sehr wichtig sind. Irgendwo in diesem Text ist ein Krimi vergraben, aber auch das Porträt eines untergegangenen Staates und des Alltags darin (man summt und sing schonmal "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit"). Eine durchwegs gelungene Übung im Perspektivenwechsel und eine empathische Leistung erster Klasse. Und ein Grund mehr, das Das Gramm-Abo zu verlängern und weiterzuempfehlen!