Auf dem Sterbebett bilanziert der 45-jährige erfolgreiche Anwalt Iwan Iljitsch sein äußerlich wohlgeratenes Leben und muss erkennen, dass er sich lebenslang getäuscht Sein Beruf bedeutet ihm nichts, auch die Bindungen zu seiner Familie erscheinen ihm nun herzlos und hohl, Gleichgültigkeit und Eigendünkel beherrschen alles Zwischenmenschliche. Einzig die aufrichtige Sorge des Dieners Gerassim und die ehrliche Trauer seines kleinen Sohnes Wasja versöhnen ihn ein wenig, bis er schließlich stirbt. Tolstois 1886 erschienene Novelle »Der Tod des Iwan Iljitsch« besticht durch die ungeheure Meisterschaft, mit der der russische Dichter den Todeskampf seiner Titelfigur nachfühlbar macht.
„Und diese Lüge quälte ihn, es quälte ihn, dass keiner aus seiner Umgebung ihm bekennen wollte, was alle und er selbst wussten, dass sie im Gegenteil angesichts seiner entsetzlichen Lage ihn belogen und ihn selbst dazu zwangen, sich an dieser Lüge zu beteiligen. Diese am Vorabend seines Todes angewendete Lüge, diese Lüge, die dazu bestimmt war, jenes fürchterliche, feierliche Ereignis seines Todes auf das Niveau aller ihrer Besuche und nichtigen Gespräche herabzuwürdigen ... war für Iwan Iljitsch entsetzlich qualvoll. Und sonderbar: Wiederholt, wenn er so gefoppt wurde, war er auf ein Haar nahe daran gewesen, ihnen zuzurufen: »Hört auf zu lügen, Ihr wisst und auch ich weiß es, dass ich sterbe, so hört doch wenigstens auf zu lügen!« Und dennoch fand er nie den Mut, es zu tun. Er sah, wie der fürchterliche, entsetzliche Vorgang seines Sterbens von seiner ganzen Umgebung auf die Stufe einer zufälligen Unannehmlichkeit, teilweise einer Unanständigkeit gebracht worden war, und zwar durch jenen Anstand, dem er sein ganzes Leben lang gehuldigt hatte. Er sah, dass niemand ihn bedauern würde, denn niemand bemühte sich, seine Lage zu verstehen.“ S. 77.
Tolstoi versteht es, eine Geschichte über Sinn und Unsinn des Lebens/Sterbens in einen physisch wie psychisch gramvollen, leidigen Prozess eines Mannes zu betten, der sich bis zu einer kleinen Verletzung nicht im Klaren ist, dass er womöglich ein „falsches“ Leben gelebt habe. Eine Gesichte über Zweifel und Hoffnung, über tiefere Erkenntnis gegen profane Lebenshaltung, Wert gegen Material und den faden Beigeschmack, dass es nicht nur Iljitsch so gegangen sein mag, dass vielmehr viele Menschen einen ebengleichen Prozess erleben… oft mit zu später Einsicht.