Inzwischen spielen immer mehr High Fantasy-Bücher in asiatischen Settings, so auch dieses (zumindest in Teilen). Das ist eine begrüßenswerte Entwicklung, weil dabei die ausgetretenen Pfade mal verlassen werden. In anderen Bereichen tut das Buch das aber leider nicht und präsentiert Konventionelles.
Schreibstil:
An manchen Stellen waren mir die Dialoge ein wenig zu konstruiert. Außerdem hätte ich mir einprägsame Sprachbilder gewünscht. Hinzu kommen stereotype und erklärende Formulierungen wie „Kijan konnte nicht fassen, was geschehen war, obwohl er es mit seinen eigenen Augen gesehen hatte“. Wir wissen aus dem vorhergehenden Kapitel, dass er es gesehen hat und sein Erstaunen könnte man auch wesentlich eleganter rüberbringen. Im Großen und Ganzen liest sich der Text aber flüssig, deswegen gebe ich gerade noch 4 Sterne.
4 Sterne
Charaktere:
Die Figuren haben Eigenheiten. Was sie nicht haben, ist Tiefgang, aber dennoch funktionieren sie im Kontext. Nach dem Aufeinandertreffen wirkten die Interaktionen für mich aber teilweise etwas kindisch und auch das sprechende Faultier, das seinem Reisegefährten die Welt erklärt, war mir manchmal etwas zu drüber. Ich schwanke zwischen 3 und 3,5. Nachdem ich beim Schreibstil schon den höheren Wert gegeben habe, gibt’s hier zum Ausgleich den niedrigeren.
Außerdem finde ich es frech, dass das Buch mit „Drachen, Monster, Hauptfiguren mit Humor und Tiefgang“ beworben wird, denn Tiefgang ist hier gerade nicht die Stärke der Figuren, vielmehr sind sie weitgehend stereotyp!
3 Sterne
Handlung und Struktur:
Die drei (Haupt-)Erzählperspektiven sind zunächst nur lose miteinander verwoben und erzählen eigene Geschichten. Das bremst das Erzähltempo deutlich. Und obwohl die Entwicklungen durchaus tragisch sind, bin ich nicht so richtig reingekommen. Vielleicht kam die Tragik auch zu früh: Nämlich ganz am Anfang, wenn man mit den Figuren noch nicht warm ist. Irgendwie bleiben die Handlungskurven für mein Gefühl eher konstant. Hinzu kommen noch einige Auslassungen, die ich nicht passend fand. Ich finde es ganz schwierig zu sagen, was genau mir hier eigentlich gefehlt hat, wahrscheinlich summieren sich da einfach Kleinigkeiten. Am interessantesten war für mich die Frage, was genau es denn nun mit dieser Prophezeiung auf sich hat und genau diese Thematik entfaltet sich nur schleppend. Es war nicht langweilig, aber richtig fesselnd eben auch nicht.
4 Sterne
Tiefgang:
Interessant fand ich den Ansatz, wie die Übersetzung einer alten Sprache (und jeder, der schon einmal mit einer solchen zu tun hatte, weiß, dass da tatsächlich gerne mal Fehler passieren, wie im Roman beschrieben, auch weil die kulturellen Unterschiede zu verschiedenen Auslegungen führen) zu verschiedenen Tragödien führt. Dabei hat jedes Volk seine Eigenheiten bzw. eigene Grausamkeiten.
Sieht man davon ab, ist das Buch jedoch eher als Unterhaltungsroman konzipiert. Es gibt immerhin Figurenentwicklungen, aber die verlaufen konventionell und damit wenig überraschend.
Ansonsten war es sicherlich ein Aufwand, die im Roman verwendete Kunstsprache zu entwickeln und in dieser Hinsicht geht der Text sicherlich in die Tiefe. Für mich hätte es eine sinnfreie Sprache aber genauso gut getan, weil es mir bei einem Buch wesentlich mehr auf Charaktere, Plot und Schreibstil ankommt als auf solche Details.
3,5 Sterne
Worldbuilding:
Die Welt der Geschichte ist wohl mittelalterlich, etwas Derartiges liest man oft. Allerdings spielt ein Teil in einer japanisch oder chinesisch angehauchten Welt, was mir wiederum gefallen hat. Hinzu kommen ein paar interessante Einfälle wie der, dass Elfen eigentlich Menschen sind, die sich aus Glaubensgründen die Ohren zuspitzen.
Bei diesem Asien-Reich frage ich mich allerdings, warum denn Frauen immer so extrem unterdrückt dargestellt werden müssen. Freilich, das war historische Realität. Freilich, das wird ja auch aufgebrochen. Aber erstens ermüdet mich das Thema allmählich, zweitens macht es keinen Spaß, ständig von Grausamkeiten gegen Frauen zu lesen. Drittens hätte man doch in einem Fantasysetting auch die Möglichkeit, eine gleichberechtigte Welt zu zeigen. Warum denn nicht? Bei meinem zuletzt gelesenen Roman „Dornenritter“ von Kaja Evert standen auch alle Zeichen auf Mittelalter – aber Frauen durften Ritter werden. Wenn der zentrale Konflikt weibliche Emanzipation ist, macht es Sinn, ein solches Setting zu wählen. Aber einfach nur als Element des Worldbuilding, wieso eigentlich?
Irgendwie bin ich hier ambivalent. Es gibt ausgesprochen konventionelle Elemente und dann wieder interessante Einfälle. Letztlich hätte mir das Ganze wahrscheinlich besser gefallen, wenn es konsequent in dem asiatischen Setting gespielt hätte und das ausgetretene europäische Mittelalter außen vor gelassen hätte. Aber man kann nun wirklich nicht sagen, dass das Ganze schlecht wäre. Es funktioniert ja durchaus und liefert mehr Kreativität als viele andere Bücher. Dass eigens eine Sprache konzipiert wurde, muss ja wohl zumindest unter dem Aspekt „Worldbuilding“ auch extra honoriert werden.
4,5 Sterne
Der Auftaktband der „Andorin-Saga“ ist ein solides Buch mit einigen kreativen Ideen. Insgesamt hätte ich mir mehr Tiefgang gewünscht und auch mehr Charakterzeichnung (dadurch wäre vielleicht auch das Problem mit den konstruierten Dialogen gelöst worden). Weil ich das Asiensetting mochte, werdeich mir aber Band 2 mal ansehen und dann entscheiden, ob ich die Reihe weiterverfolge.
Gesamtwertung: 3,8 Sterne, macht gerundet 4 Sterne