Im Herbst 1962 nahm Theodor W. Adorno an einer Tagung des Deutschen Koordinierungsrats der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit teil, auf der er über die Bekämpfung des Antisemitismus sprach. Dieser Vortrag hat in seiner dichten und äußerst vielschichtigen Analyse nichts an Aktualität eingebüßt.
Vor dem Hintergrund der Schuldabwehr und des »sekundären Antisemitismus« der deutschen Nachkriegsgesellschaft begreift Adorno den Antisemitismus als zentrales Bindemittel rechtsradikaler Bewegungen, das die diversen Strömungen eines militanten und exzessiven Nationalismus vereint. Er ist das »Gerücht über die Juden«, das halböffentliche Getuschel, mit dem sich die autoritäre Persönlichkeit zum Opfer stilisiert. Antiintellektualismus und Konformismus sind seine Triebfedern, und mit dem Rassismus teilt er eine identische Struktur. Zugleich warnt Adorno vor einer Idealisierung und Verkitschung der Juden und des Judentums im Kampf gegen den Antisemitismus und plädiert für unverbrüchliche Treue zur Wahrheit im Umgang mit den historischen sowie politischen Realitäten.
Ein antiautoritäres Erziehungsprogramm zur Prävention antisemitischer Charakterbildung und hartes Durchgreifen bei antisemitischen Ausbrüchen sind die einander ergänzenden Elemente der Bekämpfung des Antisemitismus damals wie heute. Ein Nachwort von Jan Philipp Reemtsma zeigt die Bedeutung dieser brillanten Analyse für unsere Gegenwart.
Theodor Wiesengrund Adorno was one of the most important philosophers and social critics in Germany after World War II. Although less well known among anglophone philosophers than his contemporary Hans-Georg Gadamer, Adorno had even greater influence on scholars and intellectuals in postwar Germany. In the 1960s he was the most prominent challenger to both Sir Karl Popper's philosophy of science and Martin Heidegger's philosophy of existence. Jürgen Habermas, Germany's foremost social philosopher after 1970, was Adorno's student and assistant. The scope of Adorno's influence stems from the interdisciplinary character of his research and of the Frankfurt School to which he belonged. It also stems from the thoroughness with which he examined Western philosophical traditions, especially from Kant onward, and the radicalness to his critique of contemporary Western society. He was a seminal social philosopher and a leading member of the first generation of Critical Theory.
Unreliable translations hampered the initial reception of Adorno's published work in English speaking countries. Since the 1990s, however, better translations have appeared, along with newly translated lectures and other posthumous works that are still being published. These materials not only facilitate an emerging assessment of his work in epistemology and ethics but also strengthen an already advanced reception of his work in aesthetics and cultural theory.
>> „Es sei nun so lange Zeit vergangen, dass man endlich einen Schlussstrich zu ziehen habe“ ; ein Argument, das immer von denen vorgebracht wird, die das größte Interesse an einem solchen Schlussstrich haben. Zu antworten wäre nur, dass, solange eine Gesinnung fortlebt, die der gleicht, die das Grauen verübt hat, der Schlussstrich selber noch unzeitgemäß ist. <<
Auch wenn der Vortrag Adornos, welcher die Grundlage dieses Textes ist, aus dem Jahr 1962 stammt, so hat er an Aktualität nur wenig eingebüßt. Und wahrscheinlich sind auch heute noch viele Ursachen für antisemitisches Denken in den gleichen Ursprüngen zu finden, wie damals.
Adornos Vortrag ist großartig. Reemtsmas Nachwort ist okay. Einen der klügsten Köpfe der Neuzeit von einem etwas weniger klugen Kopf erklären zu lassen erscheint etwas meh. Beispielsweise ist Reemtsmas Gedanke, heute würde die Bezugsetzung von Antisemitismus zu Horoskopen und Reklame seltsam anmuten ein Trugschluss. Esoterik und targeted ads machen Adornos Ideen zeitlich hier wie nie.
Waren jetzt nicht so die mega neuen Erkenntnisse, aber trotzdem nett zu lesen als "Refresher". Fand nur nochmal das Verhältnis von Autorität zur Bekämpfung des Antisemitismus spannend.
Antisemitismus heißt nicht einfach der Hass gegen Juden, sondern die wirtschaftliche und kulturelle Arbeit gegen Komplexität und komplexes Denken. „Was ich Ihnen an Hand dieser herausgegriffenen Modelle habe zeigen wollen“, schreibt Adorno, „ist, dass man nur dann wirksam gegen den Antisemitismus sprechen kann, wenn man die Wahrheit sagt und die Dinge in ihrer Komplexität und ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang sowie in ihrer gesellschaftlichen Lokalität sieht, anstatt sich auf billige Widerlegungen zu beschränken, die ihrerseits immer wieder nur Gegenargumente herauslocken und der schlechten Unendlichkeit zusteuern.“ Adornos Argument über den Zusammenhang zwischen fehlendem komplexem Denken und Antisemitismus sagt uns dann auch, wie die Logik der Reklame, die er auch in dem wichtigen Kapitel über dasselbe Thema in der Dialektik der Aufklärung diskutiert hat, genau unser Gedankenniveau entleert und zerstört. Das Nachwort hat das Problem des Digitalismus als eine Antisemitismus-Maschine nicht pointiert formuliert – aber ich würde hier sagen, dass genau eine McLuhan’sche These, „the medium is the message“, zutrifft. Die Konzentration junger Menschen existiert heute fast nicht mehr, und damit ist auch ihr Vermögen, komplexe Gedanken zu denken, deutlich bedroht. Aber ich möchte auch sagen, dass ich es sehr schön fand, wie Adorno über die Aufgaben der Pädagogen sprach: Viele der Menschen, die antisemitische und vergleichbare Haltungen haben, haben oft schwere Erfahrungen von Isolation und Exklusion gemacht. Der Hass gegen schwache Gruppen sagt uns, dass diese Menschen große Schwierigkeiten mit Erfahrungen der eigenen Schwäche haben, oder einfach, dass sie in ödipalen Beziehungen aufgewachsen sind und deshalb keine guten Eigenschaften entwickelt haben, um sich mit Erfahrungen der Schwäche zu versöhnen.
Ursprünglich eine Rede Adornos auf einem Pädagogik Kongress. Daher auch recht einfach verständlich. Hätte mir nur manchmal ein bisschen tiefere Argumentation gewünscht. Kann man aber möglicherweise von ner Rede nicht erwarten.
Zweite Hälfte des Buches ist der Kommentar von nem dude den ich nicht kenne. Er bezieht Adornos immer noch sehr aktuelle Analysen auf die heutige Zeit und den im Nah-Ost Konflikt aufblühenden Antisemitismus
Als Abschluss eines Tutoriums zum Antisemitismusbegriff bei Horkheimer und Adorno gelesen. Gerade vor dem Hintergrund der 'Elemente des Antisemitismus' in der DdA ein sehr aufschlussreicher Denkanstoß zum Umgang mit dem Antisemitismus nach 1945. Einerseits sehr gewinnbringend für eine moderne Perspektive, andererseits absurd, dass ein Vortrag von 1962 heute immer noch so relevant ist. Man merkt zwar, dass die Überlegungen längst nicht so ausgearbeitet sind wie in den tatsächlich schriftlich verfassten Analysen (es ist ja nur ein zu Buch gebrachter Vortrag), aber genau das ist meiner Meinung nach der Charme dieses Textes. Lässt sich sehr angenehm und zügig lesen, enthält aber gleichzeitig doch viele spannende Gedanken.
„Diesen Menschen gegenüber, die im Prinzip selber lieber auf Autorität ansprechen und die sich in ihrem Autoritätsglauben auch nur schwer erschüttern lassen, darf auf Autorität auch nicht verzichtet werden. Wo sie sich ernsthaft vorwagen bei antisemitischen Manifestationen, müssen die wirklich zur Verfügung stehenden Machtmittel ohne Sentimentalität angewandt werden, gar nicht aus Strafbedürfnis oder um sich an diesen Menschen zu rächen, sondern um ihnen zu zeigen, daß das einzige, was ihnen imponiert, nämlich wirklich gesellschaftliche Autorität, einstweilen denn doch noch gegen sie steht.“
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An Aktualität nichts verloren, beschäftigt sich dieser eigentliche Vortrag des bekannten Soziologen der Frankfurter Schule Theodor W. Adorno mit der Bekämpfung von Antisemitismus. Ausnahmsweise beschäftigt sich Adorno in diesem essayistischen Buch mit der Praxis. Die kurze Antwort folgt alsbald: einem noch so wahnhaften Antisemitismus lässt sich nur mit autoritären Maßnahmen entgegen treten.
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Der Vortrag selbst ist gut und interessant und analysiert Autorität und den Einfluss dieser auf Antisemitismus. Das Nachwort ist es nicht (besonders in den dort dargebrachten Meinungen bezüglich des Gaza Kriegs). Darum leider nur 3 Sterne.