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Tell

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Joachim B. Schmidt greift nach den Schweizer Kronjuwelen und macht aus der ›Tell‹-Saga einen Pageturner, einen Thriller, ein Ereignis: Beinahe 100 schnelle Sequenzen und 20 verschiedene Protagonisten jagen wie auf einer Lunte dem explosiven Showdown entgegen. Keine Nach-, keine Neuerzählung, sondern ein Blockbuster in Buchform: ›The Revenant‹ in den Alpen, ›Braveheart‹ in Altdorf.

Paperback

First published January 1, 2022

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Joachim B. Schmidt

9 books52 followers

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Community Reviews

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14 (2%)
1 star
6 (<1%)
Displaying 1 - 30 of 105 reviews
Profile Image for Sarah Sophie.
282 reviews260 followers
February 23, 2022
Ich muss zugeben, dass ich vor der Lektüre keine Ahnung hatte warum Wilhelm Tell als einer der bekanntesten Figuren der Schweizer Geschichte gilt. Daher war die Handlung des Romans für mich neu und spannend. Ich finde Schmidts Sprache sehr angenehm zu lesen, sie passte gut in den historischen Kontext und wirkt schnörkellos und klar. Einfach passend für die Zeit in der die Geschichte angesiedelt ist ( ca 1307).
Tell wird als Mensch wie du und ich beschrieben und nicht als übermenschlicher und unerreichbarer Nationalheld. Es geht eher darum, wie sich aus einem einfachen Bergbauern und Familienvater mit Sinn für Gerechtigkeit und Mut ein Freiheitskämpfer entwickelt. Mir haben die vielen kurzen Kapitel und verschiedenen Erzählperspektiven sehr gut gefallen. Das hat dem Lesefluss gut getan und man fliegt förmlich durch die Geschichte.
Wie auch schon bei Kalmann ist die Natur und Umgebung hier ein wesentlicher Teil der Geschichte und trägt massiv zur Stimmung bei. Die Schweizer Alpen und ihre Sagen finden Eingang in die Geschichte und sorgen für eine tolle Atmosphäre. 4 Sterne für diesen tollen historischen Roman.
Profile Image for Alexandra .
936 reviews369 followers
December 13, 2022
Tell ist die Neuerzählung der alten Schweizer Geschichte von Willhelm Tell und Hermann Gessler von Joachim B. Schmidt. Der Autor hat quasi einen Heimatkrimi aus dem historischen Stoff gemacht. Die Chance, bei einer Neuinterpretation eines Klassikers zu scheitern, ist groß. Warum das hier gelingt, ist auch einfach erklärt. Weil Schmidt neue Aspekte der historischen Geschichte hinzufügt und diese dann auch noch sehr spannend arrangiert. Tell wird psychologisch viel tiefer skizziert als in den Sagen und in Schillers Werk. Er wird aus sehr vielen Blickwinkeln betrachtet: aus Sicht seiner Mutter, seines Sohnes, seiner Frau, seiner Schwiegermutter, des Pfarrers, der Pfarrersköchin, Hermann Gesslers und aus der Sicht der Schergen Gesslers, die Tell aufm Kieker haben.

Ich kenne die historische Geschichte und wie sie die Schweizer erzählen, da ich im Jahr 1987 in der Schweiz als Kellnerin gearbeitet habe. Der Kanton Schwyz, in dem die Erzählung spielt, ist nur einen Berg über den Klausenpass und einen Katzensprung von Braunwald im Kanton Glarus entfernt. In den Bergen erzählen die Einheimischen mit Begeisterung diese Sage, da sie sich alle mit den Wilderern identifizieren. Mein damaliger Chef war auch so einer, der immer aus dem Restaurant rauf auf den Berg ist und in aller Früh und in den Zimmerstunden (Pause zwischen Mittagessen und Abendvorbereitungen) Gämsen geschossen hat.

Aber nicht nur Tell sondern auch Hermann Gessler ist tiefgründiger und neuartig, also völlig abweichend von Schillers Figur gezeichnet. Er wurde vom Kaiser als Landvogt eingesetzt und soll das Gesetz der Habsburger durchsetzen, zum Beispiel dass alle Wildtiere dem Kaiser gehören. Der neue Landvogt ist in diesem Werk aber gar nicht machtbesessen und sadistisch gezeichnet, sondern eher desinteressiert an dem Job, in den ihn sein Vater gedrängt hat. Er leidet an Heimweh nach seiner Frau und der Tochter. Die eigentlichen Verbrecher sind Gesslers bewaffneten Schergen, denn sie setzen das Gesetz des Kaisers brutalst hinter dem Rücken ihres Chefs um und schikanieren zudem mit Begeisterung die Landbevölkerung. Diese Soldaten waren schon vor dem neuen Landvogt unter einem anderen Vertreter des Kaisers im Amt und haben unter dem Deckmantel der Rechtsdurchsetzung in der Rolle der bewaffneten Machtausübenden schon lange ein Terrorregime errichtet. Die Soldaten verachten Gessler als Weichei, sind ständig bis zum Anschlag betrunken, grundlos gewalttätig und ersinnen immer neue Schikanen und Übergriffe auf die Bevölkerung, was dann auch Gesslers Hut erklärt, dem alle Bauern unbedingt huldigen müssen, auch wenn sie ihn gar nicht wahrgenommen haben. Auch das ist ein innovativer Aspekt der Neuauflage.

Die Geschichte mit dem Apfel resultiert ebenso aus einem Saufspiel der Schergen. Als die Soldaten Tell töten wollen, weil er Gesslers Hut gar nicht gesehen hat und ihn infolgedessen auch nicht grüßen konnte, will ihm Gessler eine Chance geben, da er weiß, wie gut der Bauer schießen kann. Nachdem Tell gewonnen hat, wird er dennoch verhaftet, weil er angeblich einen zweiten Pfeil eingesteckt hat, um Gessler zu töten, ob ihm dieser von einem Soldaten untergeschoben wurde wird nie aufgedeckt. Deshalb wollen die Soldaten Tell in den See werfen. Tell kann aber schwimmen und sich retten.

Ab der Rettung des Helden aus dem See weicht der Plot massiv von Schillers Geschichte und von der Sage ab.

Was abgesehen von mehreren alternativen Handlungsszenen und der tiefen Entwicklung der Figuren auch noch rüberkommt, ist diese gut vermittelte Stimmung im Mikrouniversum der Schweizer Berge. Die Gipfel, die Täler, die weiten Wege, die feindliche Natur, der Überlebenskampf und der Hunger, die Wortkargheit und das Misstrauen der Einheimischen, die Unterdrückung und die Gewalt, die allen angetan wird. So eine ähnliche wabernd bedrohliche Stimmung habe ich schon einmal mit Begeisterung gelesen. In Das finstere Tal , was nicht überrascht, denn die Landschaft und die Verhältnisse waren ähnlich.

Fazit: Die Neuinterpretation eines Klassikers ist in diesem Fall gut gelungen. Finde den Schmidt sogar spannender als den Schiller; 😀 *duckundweg* Leseempfehlung!
Profile Image for John Hatley.
1,383 reviews236 followers
June 4, 2022
This novel, based on the legend of Wilhelm Tell, is one of the best books I’ve read this year. Joachim B. Schmidt lets his score of characters speak for themselves. This, and the organisation of the novel in many small episodes, makes for a fast-paced narrative that had me spellbound from beginning to end.
Profile Image for Babette Ernst.
348 reviews83 followers
December 25, 2023
Sich Joachim B. Schmidts Buch über Schillers „Wilhelm Tell“ zu nähern, war spannend durch die Gegensätzlichkeit der Figuren, ist aber nicht nötig, da sich Schmidt eher auf die alte Schweizer Legende bezieht, so vermute ich zumindest. Vielleicht sollte aber ein Gegensatz zu Schillers Heldenfigur und dem Pathos geschaffen werden. Schmidt verzichtet auf den Eid auf dem Rütliberg und schafft einen Tell, der als Antiheld daherkommt. Während Schiller die Themen seiner Zeit aufnimmt, sind es bei Schmidt aktuelle Themen, die sich unterschwellig im Buch wiederfinden. Die Schweizer Bergbauern haben ein schweres Leben, Tell und sein Bruder sind zwei gegensätzliche Charaktere, über deren Verbindung und die Ursachen von Tells Schweigsamkeit und Zurückgezogenheit man erst am Ende der Geschichte Bescheid weiß, so dass ich sie nicht vorwegnehmen möchte. Die Erklärungen lassen das seltsame Gebaren der Hauptfigur logisch erscheinen, am Schluss ist das Buch rund, auch durch den Sprung in die nächste Generation und den Beginn des Mythos über Wilhelm Tell.

Die Soldaten sind in Schmidts Roman deutlicher ausgearbeitet als bei Schiller. Sie kennen kein friedliches Heim, die Soldatengruppe ist die Möglichkeit zum Überleben und für manche Familienersatz. Gewalterfahrung lässt Harras z. B. selbst zum Sadisten werden und Gewalt weitergeben. Geßler dagegen ist interessanterweise kein harter Gewaltherrscher, sondern ein kraftloser Adliger, der an den Vierwaldstätter See versetzt wurde und sich zurücksehnt zu Frau und kleiner Tochter, die er noch nie gesehen hat.

Schillers Frauenfiguren sind für die damalige Zeit bemerkenswert, die Frauen bei Schmidt sind aber noch viel selbstbewusster, sind stark und kommen gut allein zurecht.

Eine gelungene Adaption einer uralten Geschichte, die mich oft denken ließ, dass es so gewesen sein könnte. Nur einzelne Gedankengänge waren mir zu modern, die fügten sich nicht ein, aber insgesamt ein lesenswertes Buch.
Profile Image for Ellinor.
766 reviews364 followers
February 23, 2022
Schillers Wilhelm Tell war bei mir Schullektüre. Aus diesem Stoff stammen also die meisten meiner Kenntnisse über die Tell-Saga. Auf die Neuinterpretation von Joachim B. Schmidt war ich daher sehr gespannt.
Fasst man als Autor einen so bekannten Stoff an, geht man ein großes Risiko ein und kann viele Fehler machen. Doch Joachim B. Schmidt ist hier ein großer Wurf gelungen. Er erzählt die altbekannte Geschichte aus sehr vielen unterschiedlichen Perspektiven und immer in sehr kurzen Abschnitten. Die Handlung entwickelt dadurch eine ganz wunderbare Dynamik. Außerdem fügt er der Geschichte neue Elemente hinzu und ändert manche Handlungsstränge ein wenig ab. Dies macht er aber so geschickt und absolut passend, dass es ein wahres Vergnügen ist.
Gerade vielen jungen Lesern fällt es schwer, sich für alte Texte und Erzählungen zu begeistern. Tell ist jedoch ein Buch, das es versteht, eine alte Geschichte absolut lebendig darzustellen. Der Klappentext vergleicht das Buch aufgrund der kurzen Episoden mit Game of Thrones und dem kann ich durchaus zustimmen: Es ist klasse gemacht und liest sich unglaublich spannend und abenteuerlich. Ich kann mir auch sehr gut einen Vergleich im Deutschunterricht mit Schillers Version vorstellen.
Ganz große Empfehlung meinerseits!
Profile Image for Amin.
55 reviews11 followers
November 27, 2024
Bis jetzt sis beschte! het mich wük vom ahfang bis zum schluss gfesslet:)
Profile Image for reherrma.
2,143 reviews37 followers
March 5, 2024
Joachim B. Schmidt macht aus einer der klassischen Schullektüren, „Wilhelm Tell“ von Friedrich Schiller, eine Dramageschichte, wie sie auch auf einer der führenden Streaming-Plattformen präsentiert werden könnte. Kurzweilig prägnant und schlicht-schön. Der wortkarge Tell ist ein sturer und stolzer Bursche. Die Frau seines verstorbenen Bruders hat er geehelicht, deren Sohn zieht er als seinen eigenen groß. Ihm und seiner Familie wird Unrecht getan durch die Habsburger Schärgen und er zieht los und rächt sich. Der Legende nach entsprang seiner Unbeugsamkeit die schweizerische Eidgenossenschaft, also die Unabhängigkeit. Eine Legende, ein Märchen für Erwachsene, ein Vergnügen.
Es ist spannend, wie Schmidt den klassischen Stoff verarbeitet. Ihm gelingt dabei folgendes: In der Schule haben viele anhand von "Wilhelm Tell" den klassischen Dramenaufbau kennengelernt. Joachim B. Schmidt modernisiert Tell gründlich. Aus fünf Akten macht er zehn Episoden, das Bauprinzip der oben genannten Fernsehserien: Cliffhanger ohne Ende, zwanzig Perspektiven, rasant erzählt, mal von der Großmutter, mal vom Sohn Walter, selten von Tell selbst. Viele Abschnitte sind kaum eine Seite lang.
Dem Autor gelingt es dabei das klassische Heldennarrativ zu brechen. Die Figur des Wilhelm Tell wird hier aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und als eine zerrissene, von Schuld, Angst und Selbstvorwürfen geplagte gezeigt, eine Figur mit Brüchen, mit Geschichte und mit zwiespältigen Gefühlen. Keiner kann diesen Mann leiden, der für den Tod seines Bruders verantwortlich ist und gemeinsam mit dessen Witwe und Sohn einen Hof bewirtschaftet, irgendwo in den Bergen der Schweiz - einer Gegend, deren harte Lebensbedingen Schmidt plastisch zu beschreiben weiß.
Dieser Realismus und diese Menschlichkeit dieses neuen, postheroischen Tell ist das Besondere an Schmidts Bearbeitung, dieses "Gegenwärtige", was diesen Roman so unbedingt lesenswert macht.
Dabei lässt Schmidt den Überbau Schillers über Grundrechte, Republik, Tyrannenmord und sogar den Rütlischwur weitgehend aus, was m.E. auch daran liegt, dass Schiller bei der Niederschrift des Stückes durch das Ende der französischen Revolution und der Herrschaft Napoleons geprägt wurde, mit dem Ende der Adelsherrschaft und den Beginn der Bürgergesellschaft.
Die Schweiz wird in „Tell“ als eine ziemlich gesetzlose Versammlung von Einzelgängern beschrieben. Jeder ist irgendwie für sich und die seinen da, niemand fühlt sich fürs große Ganze verantwortlich. Für mich ist das eine moderne und narzistisch-egozentrische Sichtweise.
Es gibt starke Szenen, zahlreiche gute Dialoge, überraschende Cliffhanger. Was bei Schiller immer unterschätzt wird, sind die gebrauchsfertigen Zitate. Im Tell gibt es da besonders viele. „Durch diese hohle Gasse muss er kommen“ oder „Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt“ etwa. Keiner der Sätze taucht in diesem Roman auf. Stattdessen wagt Schmidt sich selbst ab und zu ans Dichten, Als Tell schwerverwundet nach einem Kampf in der berühmten hohlen Gasse daliegt und Gessler entkommen ist, plant er den Tyrannenmord. Danach möchte er sterben.
Denn ich habe noch etwas zu erledigen, bevor ich aufwache. “ Ein Satz für die Ewigkeit?*. Darin steckt mindestens so viel Tarantino wie Schiller...
Profile Image for Jodi.
2,295 reviews44 followers
November 30, 2021
Kaum hatte ich Schillers berühmten "Wilhelm Tell" zum ersten Mal gelesen, erhielt ich von Netgalley eine Mail. Oh, eine Neuerzählung der Tell-Saga? Von keinem Geringerem als Joachim B. Schmidt? Habe ich zwei Mal überlegt? Habe ich gezögert? Nein. Mir war sofort bewusst - DAS musst du lesen.

Und war es so gut wie erwartet?
Nein.

Es war viel, viel besser.

Schmidt derangiert den Schweizer Urmythos und erzählt eine glaubhaftere Version der Legende. Eine Version, die sich so auch zugetragen haben könnte. Tell ist hier nicht der Übermensch, wie Schiller ihn darstellt, sondern einfach ein Mann. Einer, der evtl. unser Nachbar hätte sein können.

Hart und rau, ja, das ist er, Schmidt's Tell. Von der Landschaft geformt. Denn wie schon bei "Kalmann" ist auch die Umgebung ein wichtiger Teil der Handlung. Sie ist eine weitere Hauptperson, die Einfluss auf die Geschehnisse nimmt. Erneut sehr eindrucks- und stimmungsvoll umgesetzt.

Es ist eine harte Geschichte, die wir hier vorgesetzt bekommen. Hart wie die Zeiten, in der die Handlung vonstatten geht. Genau das macht alles umso glaubwürdiger. Auch die Figuren wirken lebensecht. Egal, ob Pro- oder Antagonist. Als Leser ist man direkt bei ihnen, erlebt alles aus verschiedenen Blickwinkel. Die Grenze zwischen Leser und Figuren ist kaum spürbar.

Deshalb geht Schmidts Tell unter die Haut. Krabbelt dort herum und tut, was er will. Genau wie im Buch. Ob ich Gesslers Hut auf der Strasse grüssen würde, weiss ich nicht. Aber ich ziehe ihn definitiv vor Schmidt und seinem schriftstellerischen Können.
Profile Image for Rudi.
176 reviews45 followers
December 16, 2022
Es hat zu lange gedauert, bis ich von der Geschichte gefangen war. Zu oft hatte ich das Gefühl, die Zahnräder der Erzählmechanik zu sehen, zu oft langweilten mich Monologe der „Zeitzeugen“. Dann, nach über der Hälfte des Romans, schien es, als hätte der Roman eigentlich ein ganz anderes Thema ... Hat er aber vermutlich doch nicht. Die zweite Hälfte hielt hochspannende Passagen bereit.

Trotz meiner nicht unerheblichen Kritik gebe ich vier Sterne: für den Versuch, der Tellsage neues Leben einzuhauchen und ihr neue Aspekte abzugewinnen.

P. S.: Gelegentlich werde ich schauen, wie das Max Frisch einmal gelungen ist.
Profile Image for pergamentfalter.
116 reviews21 followers
April 2, 2022
***Tell***

Joachim B. Schmidt

Historischer Stoff modern aufgearbeitet. Die Geschichten, die sich rund um Wilhelm Tell ranken sind schon fast 550 Jahre alt, als Joachim B. Schmidt sie neu aufarbeitet. Einer Geschichte, der schon unzählige Generationen vor uns lauschten, nun selbst auch begeistert folgen zu dürfen, löste in mir ein Gefühl angenehmer historischer Nostalgie und Verbundenheit aus.

Der Schweizer Nationalheld Wilhelm Tell wird in Joachim B.Schmidts gleichnamigen Roman zu einem greifbaren Menschen einfacher Herkunft. Statt eines Helden schafft Tell einen Antihelden, der zunächst schroff , bisweilen gar lieblos wirkt und in seiner Introvertiertheit nicht gerade zum Sympathieträger avanciert. Das macht diesen Roman aber keinesfalls weniger attraktiv, denn Schmidt schafft es in 100 sehr kurzen Kapitel mit einer Unzahl von Perspektiven dennoch einen verfolgbaren und überaus interessanten Roman zu entwickeln, der mich wirklich gepackt hat. Schmidt mit Schiller zu vergleichen, der die Erzählung von Tell seinerzeit ebenfalls verschriftlich hat, mag anmaßend sein. Trotzdem komme ich nicht drumherum zu sagen, dass mir Schmidts Interpretation um ein Vielfaches besser gefallen hat.
Schmidt lässt um die 20 Protagonisten zu Wort kommen und jeweils eine aktuelle Szene aus deren Sicht erzählen. Das gibt der Geschichte ein tolles Tempo und eine unglaubliche Lebendigkeit.
Profile Image for Jin.
848 reviews148 followers
February 24, 2022
Als ich angefangen habe dieses Buch zu lesen konnte ich mich nur sehr dunkel an die Saga von Wilhelm Tell erinnern, dem Meisterschützen, der den Apfel vom Kopf seines Sohnes getroffen hat. Auch wenn die Geschichte am Anfang harmlos anfängt mit sehr kurzen Kapiteln in einfacher Erzählweise hat es mich sofort in den Bann gezogen.

Die Geschichte wird von vielen Charakteren erzählt ohne einen allwissenden Erzähler oder einem erklärenden Charakter, der den Rahmen der Geschichte hält. Der Leser hangelt sich von einer Szene zur nächsten und schaut zu wie Wilhelm Tells Anwesenheit durch die Erzählungen und Beobachtungen von anderen Charakteren aufgebaut und glaubhaft dargestellt wird. Auch wenn Wilhelm Tell selbst nicht viel von sich preisgibt, fühlt man seine Schwere, seinen Schmerz und auch seine Liebe zu seiner Familie. Er zeigt Präsenz in allen Kapiteln ohne dass er wirklich zu Wort kommt. Aber nicht nur Wilhelm Tell bekommt seinen gebührenden Platz in der Geschichte, sondern auch Gessler, Harras und Raab, für die man Hass und z.T. Verständnis entwickelt.
Ich war am Ende erstaunt, wie viel neues Leben man dieser weltbekannten Geschichte eingehaucht hat, und wie facettenreich und emotional das Endprodukt geworden ist. Die Geschichte war sehr lesenswert und hat auch mein Herz berührt.

** Dieses Buch wurde mir über NetGalley als E-Book zur Verfügung gestellt **
Profile Image for Carla.
1,037 reviews134 followers
February 23, 2022
Das hat Spaß gemacht!

Bereits bei der Leseprobe wusste ich, dass mir das Buch gefallen wird. Grund dafür waren die kurzen Kapitel und die wechselnden Perspektiven. Beides sind Dinge, die ich an einem Buch sehr mag und schätze, da es meiner Meinung nach viel "Geschwindigkeit" in die Geschichte bringt.

Tell von Joachim B. Schmidt ist eine Nacherzählung bzw. eine Neuauflage der Sage über Wilhelm Tell. Auch Friedrich Schiller hat den Stoff zu einem Drama verarbeitet. Fast jeder hat schonmal von dem Schützen gehört, der einen Apfel aus einiger Entfernung vom Kopf seines Sohnes schießt.

Die Sage als Hintergrund hat mir sehr gut gefallen. Auch die Umsetzung fand ich sehr gelungen, da es starke Parallelen gibt, aber auch starke Abweichungen. Auch das Setting in den Bergen war atmosphärisch sehr gut gelungen.

Wilhelm Tell ist eine interessante Figur, weil man, obwohl er nicht der netteste Artgenosse ist, nicht anderes kann, als mit ihm mitzufühlen.

Ich habe das Lesen sehr genossen, und werde Joachim B. Schmidts literarische Werke auf jeden Fall im Auge behalten. Ganz großen Dank an Vorablesen und den Verlag für das tolle Rezensionsexemplar!
Profile Image for Julia.
663 reviews
June 1, 2022
Vor ca. 25 Jahren habe ich in der Schule Schillers "Wilhelm Tell" gelesen. Erinnern kann ich mich nur daran, dass Tell den Hut nicht grüßt und seinem Sohn einen Apfel vom Kopf schießen muss. Also an genauso viel, wie alle, die es nicht gelesen haben ;-) Ich kann also keine direkten Vergleiche ziehen. Diese Version von Joachim B. Schmidt hat mir aber sehr, sehr gut gefallen. Die Geschichte wird aus vielen Blickwinkeln erzählt und haucht allen Charakteren neues Leben ein. Mind. 4 Sterne.
Profile Image for Svenja Doubek.
322 reviews2 followers
January 22, 2023
*4.5
Eine wirklich bewegende Geschichte, bei der man von vorschnellen Urteilen über die Protagonisten absehen sollte, denn es ist nicht alles so wie es scheint.
Durch die extrem kurzen Kapitel und die unglaublich vielen Perspektiven aus denen die Geschichte erzählt wird, ist das Buch sehr kurzweilig und erfrischend anders!
Profile Image for Michel.
31 reviews1 follower
November 1, 2022
Lebendige Geschichte, bzw. Sage sagenhaft neu erzählt! Den Schiller habe ich auch einmal gelesen, ich weiß aber sicher, dass es damals nicht so spannend war, obwohl ich ja dieses Mal schon gewusst habe, wie es ausgeht!
Absolut empfehlenswert!
Profile Image for Arcimboldis World.
138 reviews7 followers
February 25, 2022
Wow! Was für ein Pageturner! Was für ein atemberaubender Thriller! Man nimmt den neuen Roman von Joachim B. Schmidt zur Hand, vergisst alles um sich herum und erst nach dem letzten Kapitel legt man ihn wieder beiseite. Und denkt noch tagelang darüber nach….
Dabei war ich eher skeptisch. Nach dem wundervollen, ja bezaubernden Roman „Kalmann“ des in Island lebenden Schweizer Autors erschien mir die Ankündigung eines „Tell“-Romans ziemlich abstrus und als Schweizer hat man auch genug von Swissness-Themen – das wurde in den letzten 10 Jahren überstrapaziert – musikalisch, auf der Bühne, als Musical etc. Aber kaum aufgeschlagen, schlägt einen dieser in kurze Sequenzen unterteilte Roman, schnell geschnitten wie ein Action-Film, in seinen Bann. Man muss es einfach sagen: Man kann nicht aufhören…
Es ist die Konstruktion des Romans, die ihn so lesenswert macht und auch das Tempo erzeugt – zwanzig Ich-Erzähler treiben die Handlung voran, neben Wilhelm Tell als Hauptfigur sind das seine Familie (allen voran (Stief)Sohn Walter und Frau Hedwig, Mutter und Schwiegermutter mit denen er zusammen den Tell-Hof betreibt) sowie Vater Taufer, mit dem ihn gemeinsame traumatische Kindheitserinnerungen verbinden – ein sehr interessanter Aspekt! Die Gegenseite natürlich mit dem habsburgischen Landvogt Gessler und seinen Mannen, allen voran als Schurke und Strippenzieher: Harras, ein absoluter Kotzbrocken. Sämtliche Figuren sind lebensecht und glaubhaft gezeichnet. Die Existenz des Schweizer Volkshelden Wilhelm Tell ist historisch nicht belegt, aber vor allem von konservativen Kreisen als zentrale Identifikationsfigur immer ein willkommenes Thema und gerne zitiert. Und wer kennt sie nicht, die Geschichte, in der Tell seinem Sohn den Apfel vom Kopf schiessen muss, weil er den Gruss verweigert. Von Schiller über Rossini, Hodler bis hin zu Max Frisch – das Thema, der Mythos hat sämtliche Kunstgattungen zu einer Darstellung inspiriert und ein Ende ist nicht abzusehen. Nun aber ein wirklich lesenswerter „Blockbuster-Tell“ von Joachim B. Schmidt, der es in sich hat und den man unbedingt lesen sollte, auch wenn es zum Schluss dann doch ein klein wenig in Kitsch und Sentimentalität abgleitet, das kann man dem Autor getrost verzeihen, denn ansonsten gibt es für diesen neuen „Tell“ die volle Punktzahl!
Profile Image for Lesereien.
257 reviews22 followers
March 20, 2022
Mit seiner Neuerzählung der Tell-Sage entführt Joachim B. Schmidt den Leser in eine archaische und raue Welt. Wilhelm Tell lebt in ärmlichen Verhältnissen mit seiner Familie auf einem Bergbauernhof. Um zu überleben muss er wildern, doch das Wild gehört per Gesetz dem Landvogt Gessler. Dessen Soldaten und besonders deren Anführer Harras scheuen keine Konfrontation und so kann ein Blutvergießen zwischen ihnen und Tell nur knapp verhindert werden. Als Tell schließlich eine Kuh verkaufen möchte, weigert er sich auf dem Viehmarkt, den Hut des Landvogts zu grüßen. Was als Bestrafung folgt, ist der berühmte Apfelschuss.

Schmidts Roman ist lebendig. Er besticht durch eine moderne Sprache, die die Legende um Wilhelm Tell zugänglich macht, die zeitliche Distanz zu ihr überbrückt und sie dadurch nah wirken lässt. Die verschiedenen Figuren aus Tells Umfeld, die in den kurzen Kapiteln sprechen und denken, tragen außerdem dazu bei, dass die Geschichte schnell eine Vielschichtigkeit, Tiefe und Dynamik entwickelt. Schmidt porträtiert Tell durch Fremdperspektiven und lässt ihn so als einen wortkargen, grimmigen, aber auch furchtlosen, entschlossenen und unnachgiebigen Mann in Erscheinung treten. Er bleibt für den Leser interessant, das Sagenhafte scheint ihm schon anzuhaften.

“Tell” ist eine gelungene Neuerzählung, die die Legende des Schweizer Nationalhelden einer heutigen Leserschaft auf unterhaltsame Weise nahebringt. Unter Schmidts Feder nimmt die Geschichte eine aktualisierte Form an, die lesenswert ist und es nicht nötig hat, dass man sie mit filmischen Vergleichen bewirbt, wie der Verlag dies im Klappentext tut. Schmidts “Tell” muss sich nicht hinter “The Revenant” oder “Braveheart” verstecken. Ganz im Gegenteil!
Profile Image for Japan Connect (Fabienne).
98 reviews99 followers
February 22, 2025
Eine fantastische Neuerzählung der Schweizerischen Helden Wilhelm Tell. Das Buch gleicht in seinem Aufbau einem Theaterstück, da es in viele kurze (2-3Seiten) Kapitel unterteilt ist, die das Geschehen aus der Sicht einer bestimmten Person schildern. So schlüpfen wir in die Köpfe nicht nur von Tell und Gessler, sondern auch jenen von Tells Frau Hedwig und seinem Sohn Walter beim Apfelschuss, sowie jenen des Pfarrers und dessen Gehilfin. Aus diesen Mosaikstückchen ergibt sich ein sehr kontrastreiches Bild eines Tell als Antihelden gefangen in seiner Rolle aus Schuld, Scham und Wiserstand.

Eine absolute Empfehlung für Liebhabende von Dramastücken und jenen, die den gewichtigen Schweizer Mythos aus einer neuen Perspektive entdecken möchten.

Mehr im Lesemonat Januar auf YouTube bei Japan Connect.

https://youtu.be/t2dWwBSAxwk?si=1Ni77...
Profile Image for Gernot1610.
322 reviews7 followers
November 19, 2022
Absolute Lese- Hörempfehlung! Nicht durch den blödsinnigen Kladdentext abschrecken lassen. Mein Buch des Jahres, vielleicht der letzten 3.
Profile Image for Turicum.
27 reviews1 follower
August 18, 2022
Da oben am Grat, sehe ich die Eishexen tanzen!

Tell lese fühlt sich chli ah wie TikTok scrolle eifach in patriotisch. Isch raffinierter als mer uf ahhieb wür denke und chans nur empfehle.
Profile Image for Lukas Rupp.
245 reviews4 followers
July 31, 2022
Der Nationalheld Wilhelm Tell wird in dieser Neufassung der Sage als sensibler, wortkarger, einfacher Bauer dargestellt, der seine Familie zwar liebt, aber dies nicht zeigen kann.

Die Landschaftsbeschreibungen sind pittoresk und veranlassen einem das zu tun, was Heimatsliebe in erster Linie sein sollte: Anerkennung und Wertschätzung unserer wunderbaren Bergen, Seen und Flüssen, ohne dabei die Flagge dahinter verehren zu müssen (Passend zum 1. August).

Diese Demütigkeit gegenüber der mächtigen Gewalt der Natur spiegelt sich in diesem Zitat von Gessler wieder, der in Schmidt‘s Buch erstaunlicherweise oft sehr melancholisch, und gar nicht böse wirkt: „Nachts rumpelt es tief in ihrem Innern, gelegentlich schicken sie Schlaglawinen in die Täler. Es sind die nackten Elemente, Wasser und Stein, von Gott dem Allmächtigen erschaffen. Der Mensch ist nichts weiter als eine Heuschrecke.“
This entire review has been hidden because of spoilers.
Profile Image for nilskai.
73 reviews
March 26, 2023
Spannende, multiperspektivische Nacherzählung. Habe ich sehr gerne gelesen.
350 reviews2 followers
March 13, 2024
Empfehlenswerte Neuerzählung des Klassikers
Profile Image for Andreas.
191 reviews9 followers
July 28, 2025
in einem Tag durchgelesen. ein echter Pageturner
Profile Image for Sofía Colombo.
10 reviews
May 17, 2024
its a really good book that I had to read for school. At first I try thought that it would be boring since I already know the story of Tell. But it’s so well written I enjoyed it and was even interested in what would happen next.
Profile Image for Lisa.
137 reviews17 followers
February 25, 2022
Wenn man von einem tollen Buch erzählen will, das man mehr inhaliert als gelesen hat, beginnt man gerne beim Inhalt, um zukünftigen Leser:innen darzustellen, womit sie es bei der Lektüre zu tun haben. Bei Joachim B. Schmidts "Tell " ist das schwierig, weil gewiss zwar ein Roman, eine Geschichte erzählt wird, aber "Tell" ganz sicher kein gewöhnliches Buch ist. Und das im bestem und positivem Sinne. Der Autor erzählt die Schweizer Wilhelm Tell Saga nicht neu, er erzählt sie aber auch nicht nach, viel mehr macht er aus der ganzen Saga ein spektakuläres und sogwirkendes Ereignis, einen Thriller, einen Pageturner, eine atemberaubende Geschichte, die man nicht mehr zur Seite legen kann und die mit einer fast jahrhundertealten Anekdote beginnt, mit der man es schon in unzähligen Geschichten und Filmen zu tun bekommen hat: den Kampf 'Mensch gegen Tier'. Ein Bär taucht vor Tells Hof auf und als er flüchtet nehmen Tell selbst und sein jüngster Sohn die Verfolgung auf. Während Leonardo DiCaprio für so eine Nummer noch einen Oscar bekommen hat, setzt Tell damit eine Kette von Ereignissen im Gang, die sich bald nicht mehr stoppen lassen.
Ich persönlich kannte vor der Lektüre die 'Tell Saga' nur in groben Auszügen, weswegen sich die soghafte Wirkung der Geschichte wahrscheinlich noch etwas verstärkte, aber der hauptsächliche Grund ist die großartige Art und Weise, wie "Tell" erzählt wird. Aus der Sicht der vielen verschiedenen Figuren, die in "Tell" auftreten, wird abwechselnd und mehr in Sequenzen als in Kapiteln, ein vielschichtiges und absolut tiefgründiges Bild der Figur 'Wilhelm Tell', seiner Familie und seinem Leben gezeichnet, das zeigt, dass Wilhelm Tell' so viel mehr ist als bloß eine verschrobene und verschlossene Figur, die nicht locker und auch nicht loslassen kann. Viel mehr geht es in "Tell" abseits der bekannten Handlung um Verlust, Trauer und dem unbändigen Gefühl das Richtige tun zu wollen. Interessant an Joachim B. Schmidts Roman ist auch, dass aus der Sicht von Tell selbst erst ganz zum Ende der Geschichte erzählt wird, womit die Figur und ihre Motive den Großteil der Geschichte undurchsichtig bleiben, auch wenn die Figur selbst von der ersten Seite an sympathisch war.

"Tell" von Joachim B. Schmidt gehört zu den Büchern, die so unglaublich besonders sind, dass man sie schwer wieder vergessen kann. Und wenn man "Tell" erst einmal begonnen hat zu lesen, ist es schwer bis unmöglich noch irgendetwas anderes zu machen, bis die letzte Seite vorüber ist.
Profile Image for Andrea Karminrot.
305 reviews6 followers
March 24, 2022
Wer kennt sie nicht, die Sage vom Wilhelm Tell. Der Schweizer Nationalheld, der seinem Sohn einen Apfel vom Kopf geschossen haben soll. Und nur, weil er den dämlichen Hut des Landvogt nicht grüßen wollte, kam es dazu. Der Landvogt verurteilte Tell dazu, (fast) seinen Sohn zu töten. Doch am Ende wird es den Vogt selber treffen, denn „Durch diese hohle Gasse muss er kommen…“
Schon oft wurde die Sage um den Schweizer Wilhelm Tell, in mehr oder weniger schöne Geschichten verpackt. Immerhin soll sich diese Sache schon vor über 700 Jahren zugetragen haben. Auch dieses Mal haben wir das Vergnügen, den unbeugsamen Bergbewohner in seinem Schicksal zu begleiten. Joachim B. Schmidt hat die uralte Geschichte neu interpretiert. Auch wenn es schon sehr lange her ist, dass Tell gewildert hat, seinen Hof im hintersten Teil eines Tales betrieb, so hat man trotzdem das Gefühl, einer neuen Geschichte zu folgen. Wilhelm Tell lebt mit seiner Frau, drei Kindern und den (alten) Müttern im Kanton Uri. Sie haben nur einen kleinen Hof und drei Kühe. Zu wenig zum Leben, zu viel um... Das schießen von Wild ist natürlich verboten, aber man muss ja auch irgendwie die Mäuler stopfen.
Hedwig, Tells Frau, ist seine ehemalige Schwägerin. Tell’s umgänglicher Bruder Peter ist in den Bergen verschollen. Wilhelm nahm sich der Frau und den Müttern an. Immerhin trug Hedwig ein Kind unter dem Herzen. Doch Wilhelm ist ein verschlossener Mensch. Schnell aufbrausend, schwer zu lieben. Aber Hedwig hat sich damit abgefunden auf dem unwirtlichen Hof zu bleiben. Wo sollte sie denn auch hin. Die Geschichte ist wie gesagt alt. Wer es mag liest Schiller, wer es weniger prosaisch mag, sucht sich eine Sage. Die Story bleibt immer gleich.
Seite 96: „Vater gleicht einem Berg. Man kann ihn nicht verrücken, an ihm entladen sich die Gewitter, und er wirft einen langen Schatten. Er lacht nie, und ich glaube er mag niemanden…“

So spricht Walter von seinem Vater. Und spätestens als Tell dem Sohn den Apfel vom Kopf schoss, wissen Beide, wie sehr der Vater den Sohn liebt.
Joachim B. Schmidt schreibt einen Krimi. Szenenwechsel nach spätestens 3 Seiten. Der Roman liest sich so flott, dass man fast außer Atem kommt, und traurig ist, dass es gleich wieder vorbei sein mag. Seine Figuren, es sind derer reichlich, haben immer wieder etwas zu sagen. Da ist der Vogt, der eigentlich keine Lust hat, in diesem Teil der Schweiz zu hocken. Harras, der Handlanger und Leibwächter des Vogts, der brutal auf die Bauern einschlägt und deren Töchter und Frauen vergewaltigt. Die kleinen Soldaten die nur Befehle ausführen. Und auch Wilhelm kommt zu Wort, wenn auch erst ganz am Schluss. Daraus setzt sich eine Geschichte zusammen, die den Leser in Atem hält.
Ich habe es genossen mal eine andere Art von Geschichtsstunde zu (lesen) bekommen. Das die Sage schon uralt ist, fällt in dem Roman so gar nicht ins Gewicht. Spannend geschrieben, unterhaltsam und ganz ohne Längen. Als schaut man einen guten Film im Kino. Seine Art zu schreiben hat sich der Autor bei seinem schreibenden Kollegen aus Island abgeschaut: Einar Kárason, der die Sturlungen Saga neu erzählt hat. Die schnellen Perspektivwechsel pusten den Staub von der Geschichte. Auch wenn Wilhelm sehr verschlossen ist, mag ich diese Figur neben seinem Sohn Walter sehr. Ich finde ein Buch, dass man unbedingt gelesen haben muss.
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February 23, 2022
Bauernbashing!
Kurzmeinung: Joachim B. Schmidt kann Sonderlinge vortrefflich zeichnen!

Manche Autorennamen sind Garanten. Nach dem einfühlsamen und wunderbaren Roman über den isländischen Sonderling „Kalman“ bin ich überzeugt davon, dass mit einem weiteren Roman des Autors kein Fehler unterlaufen kann. Und so ist es auch. „Tell“, die literarisch aufbereitete Sagengestalt eines Schweizer Bauern, Freiheitskämpfers, überzeugt mich ein zweites Mal. Joachim B. Schmidt kann Sonderlinge!

Wilhelm Tell, Namensträger vorliegenden Romanes ist ein schweizerischer Nationalheld aus dem frühen 14ten Jahrhundert. Auch Friedrich Schiller hat sich des Stoffes angenommen, den „der Tell“ vortrefflich bietet. Was wahr ist und was Sage, bleibt jedoch auf ewig ungeklärt.

Bei Schmidt steht das Familiäre im Zentrum. Arme Bauern von der Obrigkeit geknechtet und willkürlich gerichtet oder vorgeführt. Was bedeutet das? Wie kommt man durch den Winter? Wie kommen die Soldaten zu ihren Einstellungen? Wie leben die Frauen? Was gilt ein Einzelschicksal?

In vielen kleinen Sequenzen lässt der Autor die historische Landschaft der Schweiz um den Vierwaldstättersee herum, entstehen. Die Leserschaft ist ein wenig auf Distanz gehalten, so dass sie die Grausamkeiten der damaligen Zeit verkraften kann und nicht im Strahl vom Sofa kotzen muss, aber andererseits nahe genug dran, um mitzuleiden. Der taffe Tell. Warum ist er ein so harter Mann geworden, dass sogar seine Kinder ihn fürchten?

Die Geschichten, die J.B. Schmidt um den Tell webt, sind stichhaltig, glaubwürdig und spannend. Aus vielen Facetten mit vielen Perspektivwechseln ergibt sich schnell ein klares Bild. Sprachlich ist er ebenfalls gut aufgestellt, der kleine Roman!

Darüber hinaus zeigt er aufs beste, wie die Bevölkerung, insbesondere die ländliche, von der Obrigkeit behandelt wurde. Man kann es nicht anders bezeichnen als Bauernbashing!

Der Kommentar:
Ich bin überzeugt von diesem kleinen Kunstwerk. Das einzige, was negativ zu Buche schlagen könnte, ist die nur indirekt vorhandene historisch-politische Konnotation. Hier wäre mehr möglich gewesen.

Fazit: Bauernbashing im 14. Jahrhundert! Geschichtsunterricht auf höchst unterhaltsame Art.

Kategorie: Historischer Roman. Belletristik.
Verlag: Diogenes, 2022

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February 13, 2024
Die Fünfsternebewertung kriegt man nicht geschenkt, niemand erhält das gratis, nicht einmal Tell himself. Hier also fünf Armbrustbolzen, wieso mich die Lektüre dieses Buchs vom Hocker gehauen hat.

W. Wie Schiller hat Schmidt die alte Sagenfigur aus der Innerschweiz neu interpretiert. Tell ist ein Anti-Held: Missbrauchsopfer, Lückenbüsser, Eigenbrödler, Bergbauer und Stiefvater. Er wurde nicht zum Helden geboren, sondern wie Winkelried bei Sempach von den Umständen ins Handeln geschüpft. Er sucht eigentlich nur seinen verlorenen Bruder Peter.

T. Total krass sind die Soldaten beschrieben, in deren traurigen Existenz sich wohl seit 1291 nicht viel geändert hat. Ob Österreicher in Altdorf oder Amis in Baghdad, so eine Besatzung ist schrecklich und schreit nach Befreiung.

E. Eigentlich ist dies das Universelle an dieser Sage, zu der der Exilschweizer Schmidt offenbar in Island inspiriert wurde. Der Befreiungskampf als Prämisse, menschliche Aufgabe, die durch Erzählung ihre Bestimmung und Erlösung findet (im Berg).

L. Lotta heisst das letzte Kapitel, das wie alle Kapitel mit dem Namen des Protagonisten überschrieben ist, aus dessen Perspektive es erzählt wird, also: Walter, Tell, Gessler, Aloisa, Hedwig, Grosi Marie, Juppjupp, etc. Viele sind Frauen, einige sind klassische Nebenfiguren der Geschichtsschreibung, wie Tell im Grunde Opfer und Täter zugleich.

L. Last but not least ist dieser Tell wirklich auch lustig. Ein Pageturner, wie der Klappentext versprochen hat, der sich sehr leicht liest, trotz mancher happiger Einsprengseln.
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February 23, 2022
In "Tell" von Joachim B. Schmidt wird die klassische Sage in kurzen Kapiteln aus der Perspektive von 20 verschiedenen Personen erzählt. Wilhelm Tell ist ein einfacher Bergbauer, der mit seiner Familie ein ruhiges, zurückgezogenes Leben führen möchte. Doch seine Wilderei wird von den Habsburger Soldaten, die die örtliche Bevölkerung drangsalieren, nicht gerne gesehen. Die Handlung läuft auf eine Eskalation zu, die schließlich im berühmten Apfelschuss mündet.

Zugegebenermaßen bin ich nicht sonderlich gut vertraut mit der Sage des Schweizer Nationalhelden Wilhelm Tell. Doch von einem klassischen Helden könnte der verschlossene, fast schon gebrochene Mann nicht weiter entfernt sein. Wir Lesenden verfolgen die Geschichte aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln und fragen uns, was ihn zu solch einem Menschen werden ließ. Trotz oder gerade aufgrund der schnellen Perspektivwechsel lernt man auch viel von den damaligen harten Bedingungen, dem alltäglichen Leben auf einem Schweizer Bergbauernhof und auch von den Gräueltaten der Habsburger. Die Teilnahmslosigkeit, mit der von letzteren berichtet wurde, fand ich teilweise nur schwer zu ertragen. Doch im Zentrum steht zu jeder Zeit dieser grantige Mann Wilhelm Tell, der es seiner Frau und seinen Kindern nicht leicht macht ihn zu lieben und für den ich doch mit jeder gelesenen Seite mehr Mitgefühl empfand.

Anfangs tat ich mich etwas schwer damit die vielen Personen auseinanderzuhalten und einen Sinn hinter den Geschehnissen zu erkennen. Doch mit jedem kurzen Kapitel wurde ein weiteres Detail offenbart, bekam ein neues Puzzleteil seinen Platz bis schließlich ein stimmiges Gesamtbild der Geschichte entstand. Ich möchte jedoch dem Klappentext widersprechen der Vergleiche mit großen Blockbustern und modernen Netflix-Serien zieht. Doch entwickelte die Geschichte auch auf mich ab ca. der Mitte des Buches einen Sog, dem ich mich bis zum Ende nicht mehr entziehen konnte.

Fazit: Mit "Tell" ist Joachim B. Schmidt eine spannende Neuinterpretation gelungen, die sich ganz auf die Person Wilhelm Tell konzentriert und die ich gerne allen empfehle, die sich auf eine ungewöhnliche Erzählweise einlassen möchten.
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