Ich bin extrem froh, dass ich "Immer wieder Du und Ich" von Juliet Ashton vor diesem Buch gelesen habe, obwohl es erst später veröffentlicht wurde. Denn hätte ich "Ein letzter Brief von Dir" zuerst gelesen, hätte ich mir vermutlich kein weiteres Buch der Autorin gekauft.
Orla und Sim sind schon lange ein Paar. Sie wohnen in Irland und ihr Leben verläuft in geregelten Bahnen. Orla ist Grundschullehrerin und übt damit ihren Traumberuf aus, auch wenn sie von Sims Eltern ein wenig belächelt wird. Sim ist Senatorensohn, lässt sich in seiner Liebe zu Orla jedoch nicht einschüchtern. Er plant seinen großen Durchbruch als Schauspieler und als er in London eine begehrte Rolle als Seriencharmeur erhält, wittert er seine Chance. Kurzerhand zieht er nach London, während Orla in Irland verbleibt. Die zwei führen eine Fernbeziehung bis zum 14. Februar 2012. An diesem verhängnisvollen Valentinstag stirbt Sim und Orla steht alleine da, nur noch die Valentinskarte in der Hand, die Sim ihr aus London geschickt hat.
Orla öffnet diese Karte lange Zeit nicht, sondern vermenschlicht sie und redet sogar mit ihr wie in alten Zeiten mit Sim. Sie reist nach London, eigentlich nur, um Sims Appartement auszuräumen, doch dann bleibt sie. Wochen und Monate vergehen und Orla beginnt ein neues Leben. Nicht nur, weil sie es dringend nötig hatte aus Irland rauszukommen. Sondern auch, weil sie Sims Tagebuch nicht finden kann. Zunächst sucht sie es nur, damit ihre Verbindung zu Sim nicht abreißt. Doch nach und nach erfährt sie die Wahrheit über Sims Londoner Leben und nachdem sie den Inhalt der Karte letztendlich doch liest, braucht sie Sims Tagebuch mehr denn je, um Antworten zu erhalten.
Orla war tatsächlich die einzige Person, die mir ein bisschen gefallen hat, obwohl sie tatsächlich einen etwas blassen Charakter hat. Ich habe auch nachdem gesamten Buch kein konkretes Bild von ihr vor Augen. Sie ist Lehrerin mit Herz und Seele und kommt aus einer großen Familie, das ist auch schon alles, was ich nach fast 500 Seiten zu ihr sagen kann. Ich weiß nicht, ob sie ein besonders Hobby hat. Ich weiß nicht, ob sie einen bestimmten Musiker vergöttert. Ich weiß auch nicht, ob ihr eine bestimmte Sportart mehr zusagt, als eine andere. Leider weiß ich fast überhaupt nichts über Orla, was sie einzigartig machen und als Protagonisten herausstechen lassen würde.
Alle anderen Personen haben viel mehr Tiefe. Sogar Sim, der tot ist und keinen aktiven Part im Buch übernimmt, hat mehr Charakter. Das heißt jedoch nicht, dass mir diese Charakter gefallen haben. Tatsächlich fand ich sie alle nach einiger Zeit nur noch nervig. Die Eindrücke, die ich von Sim gewonnen habe, lassen ihn in einem widerwärtigen, katastrophalen und arroganten Zustand erscheinen (nicht nur in seiner Londoner Zeit, auch in den Rückblenden von Orla). Orlas beste Freundin Juno ist aufgekratzt und nervig, egoistisch und ihre thematisierten Probleme lassen auf einen schwachen Charakter schließen und waren einfach fehl am Platz. Orlas Mutter wird als typische Rentnerin dargestellt, die sich an ihre Kinder klammert und war ebenfalls nur nervig. Ihre ständigen Telefonate mit Orla haben das Buch kein Stück weiter gebracht und dem Leser nicht mal einen humorvollen Mehrwert geboten. Orlas Vermieterin Maude ist die einzige noch halbwegs sympathische Person. Doch auch ihre Probleme, von denen es haufenweise gibt, die nach und nach aufgedeckt werden, haben mich immer weniger interessiert. Letztlich gab es für das größte von Maudes Problemen, um deren Lösung sich Orla sehr bemüht, auch gar keinen guten Ausgang. Das hat mich extrem enttäuscht, denn ich habe so viel Zeit damit verschwendet über dieses Problem zu lesen, dass ich mir wenigstens ein Happy End gewünscht hätte.
Insgesamt habe ich mich die ersten 200 Seiten noch darauf gefreut zu erfahren, was es mit Sims Karte und seinem Tagebuch auf sich hatte. Doch diese Spannung flachte immer mehr ab und die letzten 150-200 Seiten habe ich mich regelrecht durch das Buch gequält. Orla als Person war in Ordnung, die Probleme ihrer Freunde haben mich nur genervt und nicht interessiert, da sie die gesamte Orla-Sim-Geschichte haben pausieren lassen. Diese ist selbst unglaublich langatmig. Orla hat immer wieder die Möglichkeit einen Schlussstrich unter die Sache zu setzen und bestimmte Personen zu bestimmten Anschuldigungen zu konfrontieren, doch sehr oft handelt sie einfach gar nicht und die Geschichte scheint von vorne zu beginnen. Ich kann verstehen, dass Orlas Aufgaben nicht gerade leicht sind, aber für den Leser war es einfach nur langweilig.
Das Ende hingegen kommt dann viel zu plötzlich. Auf gerade mal 6 Seiten klärt sich quasi ALLES auf. Das war mir viel zu unrealistisch und ging mir auch viel zu schnell, schließlich hatte sich die Autorin vorher mit dem Buch so viel Zeit gelassen.
Auch der Schreibstil war ein wenig geschwollen. Oft werden zwei bis drei Formulierungen des gleichen Inhaltes aneinandergereiht. Wenn man das mal zur Betonung macht, ist das auch gar kein Problem. Juliet Ashton hat es hier aber übertrieben und ich habe gegen Ende sogar viele Passagen nur noch überflogen und nach den Dialogen abgescannt, um endlich mal weiter in der Handlung zu kommen. Dazu kommen auch noch große Zeitsprünge. Die Kapitel sind nicht datiert und so war ich hin und wieder sehr verwirrt, wenn in Kapiteln von Personen, Festanstellungen und Feiertagen geredet wurde, die für mich entweder unbekannt oder in weiter Ferne schienen. Diese Sprünge sind mir in "Immer wieder Du und Ich" auch schon aufgefallen, doch dort wirkten sie weniger schlecht platziert. Sie waren besser erklärt und regelmäßig, sodass ich mich zu Beginn eines neuen Kapitels (übrigens mit Daten versehen) schon auf solche Überraschungen einstellen und freuen konnte. In diesem Roman hingegen spielen mal drei Kapitel in der gleichen Woche, dann gibt es wieder große Sprünge von Monaten und das ohne Vorwarnung. Das war leider unfassfar verwirrend.
Fazit
Leider bin ich sehr enttäuscht von meinem zweiten Juliet Ashton Buch, nachdem ich das erste eigentlich ganz gut fand. Orla ist eine eher blasse und ersetzbare Protagonistin. Ihre Suche nach sich selbst und der Wahrheit in London hatte ich mir viel spannender und vor allem witziger vorgestellt. Sie gestaltet sich leider sehr langweilig, langatmig und dreht sich an vielen Stellen im Kreis. Alle anderen Charakter sprudeln im Gegensatz dazu über vor einzigartigen Eigenschaften, Geheimnissen und Träumen. Immer wieder werden ihre Probleme eingeschoben, doch auf deren Lösung will und kann man sich nicht konzentrieren. Orlas Fortschritt stand für mich immer im Vordergrund und wurde durch all die nebensächlichen Plots nur unnötig unterbrochen und pausiert. Um mit den Nebencharaktern und ihren Problemen mitzufiebern, fehlte dann wieder die Zeit. Insgesamt muss ich leider echt sagen, dass ich mit diesem Buch Zeit verschwendet habe und es nicht weiterempfehlen kann.
(August 2016)