Es ist bereits halb elf. Jemand schlägt vor, ‚zusammen Eis essen zu gehen!‘ Alle sind einverstanden. Auf der Bergstraße gibt es ein kleines Café, wo eine Portion Eis zehn Pfennig kostet. Dorthin macht sich die ganze Bande auf. Das Eis ist herrlich! Doch es zieht ein Unwetter auf. Der Inhaber des Cafés bezahlt seine Angestellten zu niedrigeren Sätzen als nach Tarif. Als wir davon Wind bekommen, entscheiden wir, es zu boykottieren. Der Boykott dauert eine Woche, bis der Unternehmer aufgibt, weil er Angst hat, mit uns seine wichtigsten Kunden zu verlieren. Die Angestellten erhalten ihren Lohn nach Tarif, und wir suchen das Lokal wieder auf.“ Mit 21 Jahren schreibt dies Olga Benario in Moskau, wohin sie nach der aufsehenerregenden Befreiung von Otto Braun geflohen ist. Ihr Buch, das den Alltag der Kommunistischen Jugend Berlins beschreibt, erscheint 1929 in Moskau auf Russisch. Da es sehr wenig Literatur zur Organisation und Arbeitsweise des KJVD gibt und Olga Benarios Erzählungen über nächtliches Plakatieren, Spendensammlungen oder die Parteibüros so schön wie erkenntnisreich sind, ist dieses Buch ein wichtiges Zeugnis. Und nicht zuletzt wird der ganz eigene Ton Benarios, der zwischen Stolz und Selbstironie changiert, alle Leser*innen begeistern.
Eine spannende Rückübersetzung! Olga Benario beschreibt mit starker Bildsprache den Alltag und die Entwicklung der kommunistischen Jugend (KJ) in Berlin im Jahre 1928 bis zum Blutmai 1929. Unternehmungen, Bildungsfahrten, Agitation, Arbeitskämpfe, ... Sehr unterhaltsam :)
Lebensnaher Einblick in die optimistische, revolutionäre (Jugend)Arbeit 1929 von einer Genossin die nicht zu brechen war. Hat auch immer etwas von der Tragik der Nachgeborenen.
Ich hatte mir von dem Buch Einblicke in die antifaschistische + kommunistische Jugend Berlins erhofft. Den gibt es auch, allerdings durch die Brille einer staatskommunistischen Aktivistin die Schutz in der stalinistischen Sowjetunion gefunden hat.
Das Buch ist eine Mischung aus Organisationsberichtit Einblicken in die Struktur der Kommunistischen Jugend (witzig hier vor allem die Ablehnung anderer kommunistischer Kleinvereine) und propagandistischen Held*innengeschichten im Stile des Kleinen Trompeters.
Hab mich selten so durch kommunistische Lektüre quälen müssen, trotz der wirklich überschaubaren Seitenzahl.
Man merkt dem Buch an, dass es in den 1920ern in der Sowjetunion erschien. Trotzdem ein unfassbar spannender Einblick in die Arbeit des KJVD in der Weimarer Republik.
Olga Benario war eine kämpferische Natur. Nachdem ihr Vater, ein sozialdemokratischer Anwalt, ihr Anwaltsakten über verurteilte Linke zu lesen gab, prägte das ihre politische Weltanschauung maßgeblich. Sie zog später mit ihrem Lebensgefährten von München nach Berlin und arbeitet dort für die kommunistische Jugend und die KP. Sie wurde später des Hochverrats angeklagt, kam mehrfach ins Gefängnis und wurde 1936 hochschwanger später in Brasilien verhaftet und nach Deutschland überführt. Sie starb 1942 in der Tötunganstalt Bernburg
Ihre Notizen über die Arbeit der kommunistischen Jugend Berlins verfasste sie in der Sowjetunion. Ihr war es wichtig, dass die Kommunisten erfuhren, wie engagiert junge Leute mit roter Gesinnung in Berlin arbeiten. Die kleinen Kapitel sind im Plauderton gehalten und beschreiben sehr plastisch wie Agitation und Strukturen der KJ funktionierten. Die revolutionäre Haltung kommt dabei sehr deutlich zum vor Stein. Mit großem Ernst haben die jungen Leute Plakate geklebt, Versammlungen abgehalten oder gesprengt, Demonstrationen organisiert. Gegenüber Sozialdemokraten und Faschisten grenzt man sich klar ab. Die Sowjetunion hingegen wird als großes Vorbild schützenswert dargestellt Neben der Ernsthaftigkeit sind die Texte mit einem kämpferischen und bisweilen ironischen Humor gespickt. Sie wirken oft Tagebuch ähnlich. Olga Benario war vom Kommunismus überzeugt, das merkt man in jedem Satz.
Das Büchlein ist ein zeitgeschichtliches Dokument, das die Tatkraft junger Menschen für eine gerechtere Gesellschaft festhält, aber auch deutlich macht, dass diese vor gewaltsamen Mitteln nicht zurückgeschrecken. Die zahlreichen Abbildung verleihen ihnen ein Gesicht. Es erschien erstmals 1929 in russischer Übersetzung. Das Original Manuskript ging verloren und wurde jetzt wieder ins Deutsche übersetzt. Das Vorwort stammt von Olga Binario Tochter Anita Leocàdia Prestes die in Brasilien lebt
Olga Benario was a leader of the Communist Youth League in Berlin-Neukölln in the late 1920s. After she helped her boyfriend Otto Brown escape from prison, she had to flee to Moscow. Welcomed as a hero by the Soviet youth, she published this pamphlet about Berlin’s Communist Youth in 1929. Only the Russian translation survived — the original German manuscript was lost. Now someone has painstakingly translated the text back into German. There are very few firsthand accounts of the Communist Youth in the 1920s, for obvious reasons, so Benario’s statistics, personal experiences, and funny anecdotes are welcome source material. This pamphlet was clearly written as Stalinism was moving into its ultra-left phase: at one point, Benario talks about calling on the Social Democratic Youth to engage in joint actions against the Nazis. Yet in the last section (which might have been written by someone else), she describes the Social Democrats as fascists.