Schalansky knallt uns die bärbeißige Biolehrerin Inge Lohmark mit einer solchen Heftigkeit auf die Nase, dass man bei jedem Atemzug den Geruch dieser Figur wahrzunehmen meint.
In ultralakonischen Sätzen voller biologischer Analyse berichtet Inge (in der dritten Person) von ihren Schülerinnen und Schülern, für deren Pubertätsbefindlichkeiten sie nichts übrig hat und die sie im Kampf des Lebens ohnehin als schon gescheitert abstempelt.
Weil mir das aufgerufene biologische Wissen der Autorin so profund und weit vorkam, musste ich Schalansky nach den ersten 50 Seiten googeln, um ihren Hintergrund zu erfahren: Biologin ist sie jedenfalls nicht. Umso erstaunlicher ist ihre Fähigkeit, eine 50jährige Nischeninteressierte ins Leben zu rufen. Hier sitzt jeder Dialog im Lehrerzimmer, jedes unangenehm kalte Unterrichtsgespräch, dessen gedanklichen Background aus Verachtung für die Eleven wir ebenso mitschneiden müssen wie ihre Verstrickung in die Stasi-Bespitzelung zu DDR-Zeiten.
Denn als langjährige Lehrerin hat Inge Lehmark den Systemwandel der 90er nicht nur miterlebt sondern als Unterrichtende natürlich auch getragen. Ihre antipolitischen Beteuerungen, die Biologie sei als Faktum eben keine Fiktion wie Deutsch oder Geschichte und auch nicht politisch indoktrinierbar, laufen allerdings ins Leere. Freilich ist alles Wissen immer systemisch eingebunden. Die Gespräche mit dem ebenso verbitterten Kollegen über proletarische Biologie der SU waren für mich hochinteressant. Die pseudowissenschaftlichen Ideen des Staatsbiologen Lyssenko begünstigten in den 40er Jahren in der Sowjetunion eine verheerende Hungersnot. Hintergrund war der Wunsch der SU, die Genetik als durch die Umstände veränderlich zu belegen, um die Staatsideologie in der Natur gespiegelt zu sehen. Auch Inges Kritik am Narrativ des Ozonlochs, das jahrzehntelang skandalisiert und dann medial vergessen wurde, hat mich erreicht. In ihren Äußerungen über die Sprachpolizei, die einstmals biologisch genutzte Termini (Zwerg, Krüppel...) verbietet, ist Inge freilich auch im Jahr 2024 vorstellbar. Eine Wutbürgerin vor dem Aufkommen des Begriffs. Eine interessante Randnotiz liefert in dem Kontext übrigens ihr Kollege, der im Osten nach der Wende einen Männerüberschuss von 30% feststellt: "Dreißig Prozent. Damit kann man schon `ne Wahl gewinnen." Sachsen, Thüringen, i see you.
Das Buch ist von 2011: Prophetisch. Auch um die Verödung der ländlichen Gebiete in der ehemaligen DDR kreist das Buch, wenngleich es hier weniger tief schürft.
Damit korrespondiert in der Gegenwart die Bewertung von Frau Lohmark durch das Kultusministerium: ihr Unterricht wird als zu frontal und drakonisch geschmäht, nur durch die Vermittlung des Direktors kann sie weiterhin eine neunte Klasse leiten. Sie selbst ist in der Evolution der Bildungskultur also ein aussterbendes Wesen. Ihr gelingt keine Umstellung auf ein neues Menschenbild.
Diese anstehende Auslöschung (die auch auf dem Nebengleis eines Alterungsthemas umkurvt wird) findet ihren konsequenten Schlussstein in Tochter Claudia, zu der Inge kaum Kontakt hat und die offenbar kinderlos bleiben wird. Am Ende des Buches findet Schalansky ein starkes - aber leider nicht auserzähltes - Bild für die soziale Störung der Mutter, die ihrer Tochter jeden Schutz versagt.
Kurzum: Ein grandios recherchiertes Buch mit zahlreichen Abbildungen von Quallenquerschnitten, Zellteilungen oder Embryonalphasen, die die meisten von uns aus den Schulbüchern noch kennen dürften. So entsteht ein einmaliges Psychogramm einer Frau, deren Privatleben in allen Belangen scheiterte und die Zuflucht nahm zur leidenschaftslosen Welt der Klassifizierungen, Taxonomien und Zynismen. Hinter dieser Monstranz der Wissenschaft lauert die Fratze des Lebensversagens. Man kann es als Einsicht ins Scheitern oder als Akt der Selbstzerstörung deuten, wenn Inge am Ende des Buches dem Lamarckismus das Wort redet: Jeder Mensch muss, der Giraffe gleich, die ihren Hals streckt, bis er wächst, sich selbst zum Höheren entwickeln.
Was Inge dabei vergisst oder nicht mehr aufrufen kann, ist, wie das Cover schön zeigt, dass Liebe, Wertschätzung und Offenheit nicht im Hals sitzen.
Eineinhalb Sterne Abzug für inhaltliche Redundanzen und eine Sprache, die ihrer Lakonik treu und dem Schwung möglicher Stilwechsel fern bleibt.