Eine Frau, die hat, was nach gängigen Kategorien eine geglückte Biographie ausmacht, sitzt in einem Hotelzimmer und denkt darüber nach, alles hinter sich zu lassen: ihren Mann, ihre Kinder, ihre Existenz, möglicherweise ihr Leben insgesamt. Zerrissen von einer unbestimmten Unzufriedenheit, getrieben von Überforderung nimmt sie einen Übersetzungsauftrag an, der alles verändert. Historische Briefe von deutschen Auswanderern zerschmettern ihr Hotel-Vakuum und im Austausch mit fremden Toten, mit unerwarteten Wegen stellt sich die Frage nach dem guten Leben überraschend anders.
In „Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten“ experimentiert Roschal erneut mit Erzählweisen, um das Gegenwarts-Ich in seiner vollen Komplexität sprachlich einzuholen und in seiner emotionalen Überforderung abzubilden. Thematisch arbeitet sie sich an dem Thema Mutter-Sein ab:
Und #regrettingmotherhood zum Beispiel […] Ich lese ab und zu, google, registriere mich als Gast, aber wenn der Wunsch zu groß wird, etwas zu äußern, die Gedanken vor anderen auszusprechen, auszuschreiben, nehme ich mich wieder zusammen, denke, dass ich vielleicht doch irgendwie, es vielleicht doch schaffen kann, so zu tun, als wäre ich normal. Außerdem passt es nicht, bereue ich ja nichts, es gibt keine Hashtags für das, was ich sagen will.
Die Abwesenheit der Hashtags, die ihren Zustand angemessen beschreiben würden, treiben den Text voran, in welchem die Ich-Erzählerin alles auffährt, was ihr so einfällt: Satzzeichenlose Sätze, Briefe, Übersetzungen, grammatikalische Ungereimtheiten, Brüche, unvollständige Sätze, innere Monologe, einmontierte Zeugnisse von deutschen Auswanderern aus den 1920er Jahren. All dies läuft in einen teilweise gehetzten, radebrechenden, sich überstürzenden Monolog zusammen, hin zu einem imaginierten Du, nämlich den eines Auswanderers, der Briefe vor über hundert Jahren an eine möglicherweise Geliebte schreibt:
Ich weiß Mari daß Du eine gute Seele bist, ja manchmal oft zu gut. Vater würde nicht dagegen haben, denn Du bist ja eine gute Freundin zu ihm. L.M. [Liebe Mari] den Vater ich zu gleicher Zeit geschrieben wie Dir das letzte Mal, hat er vielleicht diesen Brief nicht erhalten oder er hat nicht Zeit zum Schreiben vor lauter Arbeit. Nun l.M. So will ich mein Schreiben schließen it der Hoffnung das nächste Mal was Besseres weißt schon wie ich meine […] Ich loveju Fahrwell und Remember mie kandl.
Roschals Text kreist um Fragen nach Privilegien, Stellen, Geld und Anerkennung. Die Ich-Erzählerin sucht Hilfe bei einer Therapeutin. Sie versucht ihre Beziehung zu ihrem Physiker-Freund Gernot zu stabilisieren, und vor allem beschäftigt sie sich mit der Reue und Nicht-Reue ein zweites Kind bekommen zu haben, mit ihrer Mutter, ihrer sterbenden Großmutter, und all den Pflichten, die das Kinderhaben und Kindsein mit sich bringen. Die Überforderung wird im Fluss des Textes so übermächtig, dass alles zusammenschießt und Flucht- und Selbstmordgedanken folgen:
Tatsächlich ist es anders, als es scheint, der Riesling Steillage Qualitätswein trocken hilft, das Ende hinauszuzögern, und es wird kein schönes Ende sein, das kann ich mit aller Bestimmtheit sagen, es wird ein ekliges Ende, gebrochene Nase, deformierter Schädel, und eine stotternde Rezeptionistin im Raucherbereich des Innenhofes.
Durch die Form, die abwechslungsreichen Perspektiven, durch das Brechen der Sprachstruktur und die mehr und mehr sich verdichtende imaginative Ebene des Briefeschreibens erhält „Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten“ einen souveränen, sich seiner selbst bewussten Ton, der kein Selbstmitleid erlaubt. Die Ich-Erzählerin wirkt stark, erscheint sich aber als schwach. Die Stärke liegt im formalen Mut, den Ordnungsgedanken selbst Einhalt zu gebieten. Hier besitzt Roschals Text beinahe ein Alleinstellungsmerkmal in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (ein anderes Beispiel wäre noch Dinçer Güçyeter „Unser Deutschlandmärchen“), die schnell zwischen Wut und Jammern ausschlägt oder didaktisch wird, aber literarisch oft kein Gleichgewicht zu finden vermag (bspw. Anne Rabe „Die Möglichkeit von Glück“, Barbi Marković „Minihorror“, Necati Öziri „Vatermal“ Teresa Präauer „Kochen im falschen Jahrhundert“, Deniz Ohde „Ich stelle mich schlafend“).
Kritikpunkt wäre das fehlende narrative Gleichgewicht, das den Text vorantreiben würde. Wie üblich in avantgardistischen Schreibweisen muss die Ich-Erzählerin deshalb hier und da auf Obszönitäten zurückgreifen, meist erotischer Natur, die etwas Gewolltes besitzen. Hier befindet sie sich aber in allerbester Gesellschaft mit dem Surrealismus bspw. André Breton‘scher Provenienz.
„Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten“ ist das zweite Werk von Slata Roschal, erschienen 2024 bei Claassen, einem Ullstein Buchverlag.
Allein in einem Hotelzimmer arbeitet die Ich-Erzählerin an der Übersetzung eines alten Briefwechsels. Dabei kommt sie immer mehr ins Nachdenken – über ihr Leben als Mutter von zwei Kindern, ihre Ehe, ihren Beruf als Übersetzerin und über die Zerrissenheit und Überforderung, die sie fühlt.
„Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten“ ist eines dieser schwer zu greifenden, schwer zu beschreibenden Bücher, die allerdings umso mehr zu faszinieren wissen. Die enorme Belastung durch Care-Arbeit, Mental Load und Beruf, die geringe finanzielle Entlohnung, das gesellschaftliche Unverständnis der für Zweifel und Überforderung sorgt – all das sind Themen, die hier kunstvoll behandelt werden.
Die langen, atemlosen, ineinander fließenden oder nicht zu Ende geführten Sätze spiegeln dabei eindrucksvoll die springenden, wirren Gedankengänge und innere Zerrissenheit der Erzählerin. Auf in Form und Sprache einzigartige Art und Weise fängt Slata Roschal den Zwiespalt und die Ambivalenz von Müttern genauso ein, wie die sozialen Ängste und Unsicherheiten von zugewanderten Menschen und ihren Familien.
Ihr Blick auf Mutterschaft ist von wenig Freude, vielmehr von einem Gefühl der Erschöpfung und Überforderung geprägt. Die Erzählerin selbst überlegt, ob sie sich schon dem Phänomen der Regretting Motherhood zurechnen kann und findet für den eigenen Seelenzustand drastische Bilder:
„Fühle mich wie ein morscher Baum, wie ein gefällter Baum, irgendwo im Sumpf, der so gut wie nicht mehr existiert, von dem sich neue Wesen nähren, Pilze, Moose, lassen ihre Wurzeln in ihn treiben, ziehen seine Säfte in ihre eigenen Körper, er hat seinen Sinn darin, einzugehen für neue Leben und von ihm selbst bleibt irgendwann nichts übrig.“
Sie reflektiert ihre eigene Mutterschaft und ihr Dasein als Ehefrau, Mutter und Übersetzerin. Weiterhin ist es auch die eigene Herkunft, sowohl in familiärer als auch soziologischer Hinsicht, die sie als Tochter von Ausländern, wie sie sich selbst bezeichnet, beschäftigt. Das Gefühl von Fremdheit und die Veränderungen in Bezug auf die eigenen Eltern sind Themen, die in diesem Text verhandelt werden.
„Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten“ ist eine literarisch interessante, wild sprudelnde Erkenntnissuche in Form einer Selbsterkundung, die die innere Gefühlswelt der Erzählerin in Aufruhr bringt:
„All die Geister, die mich bevölkern, wütend mit den Fäusten drohen, Strafen prophezeien, oder mitleidig, ironisch kommentieren, manchmal glaube ich, ich sei ein Rahmen, eine Hülle für die Stimmen, die es sich bequem machen in mir, von meinen Ängsten zehren, dämonische Bewohner, werde von innen ausgehöhlt, aufgefressen.“
Fazit: Ein besonderer Roman, der volle Aufmerksamkeit fordert und nicht leicht zu lesen ist. Wer sich darauf einlassen mag, wird aber mit einem sprachlichen Juwel belohnt.
Das Buch hat uns allen gefallen, auch wenn nicht so gut wie ihr Debüt "135 Formen der Einsamkeit". Wir fanden es als Ganzes etwas sperrig, dunkel, konnten uns nicht richtig einfühlen. Das Ende war auch etwas wirr ...
ABER im Detail gab es doch Vieles, das uns Stoff zum Diskutieren, Nachdenken und Freuen geliefert hat: - die kleinen Alltagsgeschichten (bastelnde Mutter in der Kita) - die Ehrlichkeit der Ich-Erzählerin (regretting motherhood) - Thema toxische Männlichkeit - Der Blick auf den menschlichen Körper - Die Konstruktion (die alten Briefe als Anker) - nicht zuletzt die wunderbar poetische Sprache FAZIT: Wir werden auch den nächsten Roman lesen, auch wenn die Autorin als Lyrikerin bestimmt noch besser ist.
PS: Die Themen sind dieselben wie im Vorgängerbuch, die Umsetzung aber irgendwie reifer. Auf jeden Fall ist das eine Autorin, die ich durch den DBP entdeckt habe und weiter verfolgen werde.
Okay. Definitiv realistisch, aber ich bin nicht ganz mit dem Schreibstil warm geworden. Sehr stream of consciousness, lange Sätze, viele Kommas, verschachtelt - was nicht schlecht ist und auf jeden Fall einen Effekt hat, aber hat mich gerade einfach nicht gepackt. Thematisch (Depression und Elternschaft) habe ich gerade leider Liebesmühe gelesen und das war so gut, dass es dieses Buch automatisch schwer hatte.
tw/cw: Depression, Burn-Out Symptome, Suizidgedanken (kurz, nicht ausführlich, eher nebenbei erwähnt), Tod (immer mal wieder erwähnt)
ür Maria Nowak ist das Leben etwas zu viel geworden. Augenscheinlich geht es ihr gut: Sie ist glücklich verheiratet, hat zwei gesunde Kinder und verdient ihr Geld mit Literaturübersetzungen. Deswegen fährt sie auch nach Berlin zu einem Übersetzungsseminar - und denkt dort in einem Hotel über ihr Leben nach. Ein Leben, das sie eigentlich schon vor dem Aufstehen überfordert. Die Gründe dafür kann sie selbst nicht richtig greifen. Vielleicht ist es die Mutterrolle, die sie überfordert, vielleicht die Rolle, die sie glaubt als Frau erfüllen zu müssen, vielleicht die Tatsache, dass ständig alles weitergeht, vielleicht transgenerationale Traumata ihrer aus Polen stammenden Familie, vielleicht die politische Lage und die damit verbundenen Sorgen - vielleicht alles zusammen. Mehr als einmal denkt sie darüber nach, ihr Leben zu beenden, doch es bleibt bei dem Gedanken - allerdings einem, der ihre Lebensfreude überschattet. Wegen ihrer Depressivität besucht sie eine Therapie, doch wirklich verstanden fühlt sie sich von der Therapeutin nicht. Eventuell schreibt sie auch deswegen Joseph Koeppelle, einem Mann, der vor knapp hundert Jahren von Deutschland in die USA ausgewandert ist und dessen Briefe sie im Berliner Hotel übersetzt. Sie richten sich an eine Mary - und Maria antwortet mit philosophischen Berichten über ihr Leben.
Slata Roschal hat mit "Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten" einen sprachlich brillanten und inhaltlich sehr vielseitigen Roman geschrieben, der mich ganz und gar eingenommen hat. Vor allem, weil sich ihr Text wie eine Aneinanderreihung großartig komponierter Lyrikpassagen liest, deren Rhythmus ich mich nicht entziehen konnte und auch gar nicht wollte. Jeder ihrer Sätze ist on point - selbst die, die mittendrin abbrechen oder einen Gedankensprung beinhalten. Reinlegen möchte ich mich in diese Sprache, in ihr abtauchen, viele der Worte in mein Hirn tätowieren und sie immer und immer wieder lesen!
I love Roschal's writing at a line level: tumbling, melodic sentences that could be paragraph-long and leaned stream-of-consciousness. And stories about the complexity of motherhood & mental health are undeniably important, especially when as honestly told as they are here. But I felt the story could get repetitive and frequently fall into tangents. Mostly, I feel a bit let down by the three letters the narrator's translating, upon which I expected the story to hinge; instead, they felt flat and extraneous, a device for the narrator to interact with, albeit with no worthwhile transformation or takeaway.
The writing that was so compelling in it‘s quirks at first got a bit exhausting, but still glad there are German authors brave enough to work with a different kind of form. Stream of consciousness, which I like, but super meandering and what felt to be ultimately pointless as a story; but still appreciated the insight into motherhood and overwhelm.
-Rezensionsexemplar- . Eine mäßig erfolgreiche Übersetzerin mit Doktortitel - natürlich in der Elternzeit des Mannes promoviert - sitzt fernab ihrer Familie im Hotelzimmer wegen eines Arbeitstermin. &da gehen sie los, die Gedanken. . Ungeschminkt, ungeschönt, Satzteile, schwankend zwischen nebensächlich & bedeutungsschwer. Roh, ungefiltert, wie die Gedanken einer Mama - Kritik an allem zur Rolle "Mama" ohne zu kritisieren. . Welche Mama wird davon nicht getroffen?!
Allein in einem Hotelzimmer arbeitet die Ich-Erzählerin an der Übersetzung eines alten Briefwechsels. Dabei kommt sie immer mehr ins Nachdenken – über ihr Leben als Mutter von zwei Kindern, ihre Ehe, ihr Beruf als Übersetzerin und über die Zerrissenheit und Überforderung, die sie fühlt.
„Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten“ ist eines dieser schwer zu greifenden, schwer zu beschreibenden Bücher, die allerdings umso mehr zu faszinieren wissen. Die enorme Belastung durch Care-Arbeit, Mental Load und Beruf, die geringe finanzielle Entlohnung, das gesellschaftliche Unverständnis der für Zweifel und Überforderung – als das sind Themen, die hier kunstvoll behandelt werden.
Die langen, atemlose, ineinander fließenden oder nicht zu Ende geführte Sätze spiegeln dabei eindrucksvoll die springenden, wirren Gedankengänge und innere Zerrissenheit der Erzählerin. Auf in Form und Sprache einzigartige Art und Weise fängt Slata Roschal den Zwiespalt und die Ambivalenz von Müttern genauso ein, wie die soziale Ängste und Unsicherheiten von zugewanderten Menschen und ihren Familien.
Fazit: Ein besonderer Roman, der volle Aufmerksamkeit fordert und nicht leicht zu lesen ist. Wer sich darauf einlassen mag, wird aber mit einem sprachlichen Juwel belohnt.
3.5 ⭐ Es ist lyrisch in dem Sinne, dass Wert auf einzelne Wörter gelegt wird, lyrische Sprache = "An-Sich-Sprache", wie die Autorin selbst sagt, also macht es keinen Sinn, sich auf eine bestimmte Lesart oder Interpretation zu versteifen. Wenn man die Wörter für sich nimmt mit all ihren Assoziationen und sich darauf einlässt, darüber nachzudenken, was all die Bilder mit einem machen und was man dabei fühlt, ist das ein großartiges Buch mit einer (für mich) ein wenig zu schwermütigen Protagonistin.
Sehr interessant. Die Autorin beschreibt ein Gefühl, das über den hashtag #regrettingmotherhood hinausgeht, ein Gefühl, das eine Überforderung mit der Welt und dem Alltag beschreibt. Der lyrische Stream of conciousness Stil hat mir gut gefallen, obwohl es teilweise dann doch recht wirr war.
Lieblingsstellen: "Wie die Unsicherheit überspielen, die mich beim Anblick entspannter, selbstzufriedener Menschen erfasst. Am liebsten ist mir die Zeit nach dem Einkaufen, abends, ich steige nämlich nicht gleich aus dem Auto, wusstest du das, sondern sitze in der Garage, manchmal fünf Minuten, manchmal eine halbe Stunde lang, drehe das Radio ab und schaue in die Dunkelheit vor mich hin, das ist so eine Stille, fast unheimlich, aber sie macht mir nichts aus, einmal habe ich eine kleine Flasche Wein gekauft, aber zuhause sagte Eliah dann, Du riechst so komisch, und ich putzte mir seitdem gründlich die Zähne und trank ein Glas Milch, bevor ich ihn küsste." -39
"Was würdest du eigentlich tun, käme dein Kind taubblind zur Welt, schwer autistisch oder mit einem Phelan-McDermid-Syndrom, sprachlos, unzugänglich für dich, für immer umhüllt von einem Panzer, würdest du dein ganzes Leben lang dein Kind im Pflegebett im Nebenzimmer hören. Ich weiß immer noch nicht, was ich getan hätte." -62
"Welche Schuld hatte Mutter abzutragen, dass sie fremde Toiletten zu putzen begann." -71
"Mir geht es meistens weder gut noch wirklich schlecht, mal so, mal so, jeweils auf ermüden de Weise, ich übe mich in Geduld, gieße Kürbisse auf der Terrasse, versuche Wutausbrüche zu vermeiden, die Wut nicht auf Unschuldige zu projizieren, denn wer hat schon Schuld, an irgendwas, wahrscheinlich bin ich die Einzige, die etwas vorausgesehen haben müsste, vorbereitet, ein Beispiel an innerer Ausdauer und ausgesprochener Freundlichkeit, so müsste es sein. Die Diskrepanz zwischen Sein und Soll macht mich fertig. Und keinerlei Maßstäbe, keinerlei Gewissheiten, ob das, was ich eigentlich tue gerade, eher was ich alles nicht tue, ob es alles einen Sinn hat oder ob ich jetzt zu den gesetzestreuen, pedantischen, ängstlichen Bürgern gehöre, die ich verachtet habe. So ganz geht es nicht auf, mein Rücken krümmt sich, als wäre ich siebzig, meine Gedanken sind düster, als wäre ich achtzig, weiß nicht, was ich damit anfangen soll." -121
"ich könnte mir die Frage nach der Angemessenheit stellen, ja ist es denn angemessen, was ich wieder denke, und mein Kind offenbar auch, wie färbt es ab, dieses Dunkle und Bedrückte, Glasmacher hätte ich werden sollen, lernen, mit Zerbrechlichkeit umzugehen, oder Totengräber vielleicht, und weiter die vielen unnützen Dinge zuhause entsorgen, Kartons, die ungeöffnet von Wohnung zu Wohnung wandern [...]." -132
"Als Teenager konnte ich keine Bananen essen an öffentlichen Platzen, in der Schule, im Zug. Übrigens ist jede Mutter quasi dazu verpflichtet, moralisch, ihren Mann im Auge zu behalten, also alle Anzeichen, die auf einen Missbrauch, der aufihren Mann zurüickzuführen, oder ihren Vater, Großvater und Onkel, wenn es welchen gibt, weil fast alle dieser Falle ja im Familienkreis, und fast alle von Männern, ja." -149
Puh, keine einfache Lektüre. Und vor allem nichts, für den Sommerurlaub. Und doch: Wo habe ich es gelesen? Richtig, in meinem Sommerurlaub. Diese Diskrepanz zwischen Außenwelt und Romanwelt hat mich das Buch manchmal weglegen und in den Himmel blicken lassen. Ich musste durchatmen. Roschal erzählt ein paar Tage aus dem Leben einer Frau, die Mutter ist, in ihrem Beruf als Übersetzerin wieder Fuß fassen will, aber feststellen muss, dass es schwierig bis nahezu unmöglich ist. Die Ich-Erzählerin nimmt Medikamente, weil es ihr psychisch nicht gut geht. Sie ist, so erzählt sie, an manchen Tagen suizidal. Zurückgezogen in einem Hotelzimmer, wo sie für ein kleines Gehalt sehr alte Briefe übersetzt und sich eine Auszeit vom Familienleben nimmt, fängt die Frau an, auf die Brief zu antworten. Sie antwortet den Personen, erzählt von sich und damit auch uns. Roschal verliert sich in den langen Gedanken ihrer Figur, die im Karate-Modus die Gesellschaft, den Stand der Frauen und das enge Familienleben auseinandernimmt. Lange Sätze. Gedankensprünge und abgebrochene Gedanken muss man abkönnen, um den Anschluss nicht zu verlieren. Wenn es einem aber gelingt, sich auf diese Erzählung einzulassen, lohnt sich das Lesen - trotz oder gerade wegen der Anstrengung.
Toller Titel, vielversprechendes Thema gemäß Klappentext (unbestimmte Unzufriedenheit einer Mutter von zwei kleinen Kindern) - leider bin ich auch nach über 80 Seiten (von ca. 170) nicht mit dem Buch warm geworden. An die gedankenstromartige Erzählweise, mit oft unvollständigen, aneinander gereihten Sätzen habe ich mich irgendwann gewöhnt, passt zum Thema, nur stagniert die Erzählung inhaltlich oder bewegt sich zu langsam („historische Briefe zerschmettern ihr Hotel-Vakuum“ sagt der Klappentext; von dieser Vehemenz spürte ich rein gar nichts), als dass sie mein Interesse zu halten vermochte. Vielleicht auch einfach nicht mein Buch, da #regrettingmotherhood an anderer Stelle schon mich berührend(-er) gelesen.
Den Debütroman von Roschal mochte ich sehr. Besonders durch die Nominierung für den Buchpreis, aber auch, da wir ihn in einem Seminar der Literaturwissenschaften besprachen, freute ich mich besonders auf ihr neues Buch.
Leider musste ich dieses nun aber abbrechen, da ich keinen Zugang dazu fand. Formal sprang sie mir zu sehr zwischen den Zeilen und Themen, sodass ich kaum folgen konnte. Überzeugte mich leider nicht so sehr, dass ich es weiterlesen wollte. Ich hoffe jedoch, dass sie weiterhin schreibt und dass ich bei ihrem nächsten Buch wieder vollends einsteigen kann!
Auf die Wucht des Buches war ich nicht vorbereitet. Ein Titel wie von Rayk Wieland, ein Inhalt wie… unvergleichlich, und in einer Sprache, die mitnimmt, schüttelt, kitzelt, umhaut - keinen Ausweg zulässt, sich nicht mit dem Text auseinander zu setzen