Als meine Mutter im Februar ihr Bücherregal sortierte, flogen so einige Bücher raus. Darunter auch drei Bücher des kolumbianischen Nobelpreisträgers Gabriel García Márquez. Sie habe die Bücher zwar gemocht, würde sie aber nicht nochmal lesen wollen. Da ich erst letztes Jahr mit Gabo Bekanntschaft machte – durch sein großartiges Werk Hundert Jahre Einsamkeit – war ich mehr als glücklich, dass Chronik, Von der Liebe und anderen Dämonen und Bericht eines Schiffbrüchigen auf so unkomplizierte Weise Einzug in mein Bücherregal erhielten. Doch ich überraschte mich selbst, als ich alle drei Bücher relativ schnell hintereinander auch sofort las.
Bericht eines Schiffbrüchigen (1955, 1970) ist das einzige der drei, das mich nicht so ganz abholen konnte. Stellenweise erinnerte es mich an Life of Pi ("Schiffbruch mit Tiger) und auch diesen Roman und seine filmische Umsetzung fand ich grausig. Ich fand das Buch einfach langweilig und nichtssagend. Am spannendsten fand ich noch die Elemente des magischen Realismus, als Velasco halluziniert und mit seinen verstorbenen Kumpanen plauscht. Ansonsten fand ich die Beschreibungen sehr repetitiv und nicht wirklich spannend.
Da ich vor der Lektüre keine Recherche betrieb, war mir nicht klar, dass es sich hier um eine journalistische Rekonstruktion einer wahren Geschichte handelt. Das gibt dem ganzen natürlich nochmal einen anderen Touch und wertet die Geschichte in meinen Augen auf, da Márquez sich nicht scheut, das oppressive Regime Kolumbiens zu kritisieren und die Geschichte des Seemanns Luis Alejandro Velasco natürlich unglaublich ist, wenn sie sich denn so abgespielt hat.
In dem Bericht erzählt der 20-jährige Seemann Velasco von seinem Schiffbruch und der darauf folgenden zehntägigen Floßfahrt in der Karibik. Er gehört zur Crew des Kriegsschiffs Caldas, der am 24. Februar 1955 nach einem achtmonatigen Reparatur-Aufenthalt in Mobile in Alabama wieder nach Cartagena in Kolumbien zurückkehrt.
Auf dem Deck haben die Matrosen viele Kisten mit Radios, Eisschränke, Waschmaschinen, Heizöfen usw. angeseilt, die sie illegal mit in die Heimat nehmen wollen. Am 27. Februar gerät das überladene Schiff in einen Sturm, droht zu kentern und verliert seine Ladung. Auch fünf Matrosen, die sich in diesem Moment am Deck befinden, darunter Velasco, werden von einer Welle ins Meer gespült. Während es Velasco gelingt, in ein Rettungsfloß zu klettern, muss er hilflos zusehen, wie seine Kameraden in seiner Nähe ertrinken, während der Zerstörer im Sturm seine Fahrt fortsetzt.
Anfangs ist Velasco zuversichtlich, dass sie spätestens beim Morgenappell vermisst werden und eine Suchaktion beginnt, jedoch zerschlagen sich seine Hoffnungen, nachdem ein Rettungsflugzeug ihn mehrmals überfliegt und übersieht. Wie er später erfährt, wurde die Suche nach vier Tagen eingestellt und man erklärte die Seeleute offiziell für tot.
Velasco treibt orientierungslos zehn Tage lang auf dem offenen Meer ohne Essens- und Trinkwasservorräte, ständig der glühenden Sonne und der Lebensgefahr durch die ihn umkreisenden Haie ausgesetzt. Nur zweimal in den zehn Tagen gelingt es ihm, ein Tier zu fangen: einmal eine Möwe, ein ander Mal einen Fisch. Ab und zu trinkt er etwas Salzwasser.
Am Anfang versucht er sich aus Angst vor den Haien wach zu halten, dann dämmert er stundenlang vor sich hin, halluziniert und wünscht sich den Tod. Am 9. März, nach fast zehn Tagen auf dem Meer, als er völlig entkräftet jede Hoffnung aufgegeben hat und kurz vor dem Verhungern ist, sieht er Land am Horizont. Mit letzter Kraft schwimmt er der Küste entgegen und wird dort kurz darauf von einem Landwirt entdeckt, in dessen Haus gebracht und notdürftig versorgt.
In der abgelegenen Gegend ohne Radio und Zeitung hat niemand von seinem Schiffbruch gehört und erst nach der Meldung bei der Polizei erfahren die Menschen von seinem Schicksal und eine große Menge begleitet seinen Transport auf einer Hängematte nach San Juan de Urabá. Von dort bringt ihn ein Flugzeug nach Cartagena, wo er sich in einem Krankenhaus von den Strapazen erholt und vor den Sensationsreportern beschützt werden muss.
Nach Genesung kommt er nach Bogotá, wo er vom Staatspräsidenten empfangen und mit einem Orden ausgezeichnet wird. Durch eine vielseitige Vermarktung seiner Geschichte und zahlreiche Radio- und Fernsehauftritte verdient er in kurzer Zeit ein Vermögen. Ironisch bekannte er: "Mein Heldentum bestand darin, nicht zu sterben".
Im Vorwort des Buches gibt Márquez einige Informationen über die Entstehung der vierzehnteiligen Zeitungsserie und die Folgen der Veröffentlichung: Die kolumbianische Regierung dementierte, dass der Zerstörer Schmuggelware an Bord gehabt habe. Jedoch konnte die Zeitungsredaktion durch Fotografien einiger Matrosen belegen, dass auf Deck viele Kisten mit gut lesbaren Fabrikmarken standen, die offenbar der Hauptgrund für die Überladung und die Schieflage des Schiffes waren.
Die Diktatur reagierte mit einer Reihe drastischer Repressalien, die mit der Schließung der Zeitung ihren Höhepunkt fanden. Diese "Verunglimpfung" der kolumbianischen Marine brachte auch Márquez die Ungnade des Militärdiktators Gustavo Rojas Pinilla ein, woraufhin er ins Ausland ging und dort für mehrere Jahre als Reporter arbeitete.
Es ist gleichzeitig überraschend und immer wieder vorhersehbar, mit welcher Vehemenz oppressive Regime gegen alles vorgehen, was sie schlecht aussehen lässt. Auch wenn ich mit diesem Bericht so erstmal wenig anfangen konnte, hat er mir dennoch vor Augen geführt, dass ich unbedingt eine Biografie über Márquez lesen muss. Er ist ein so faszinierender Schriftsteller und scheint ein turbulentes Leben gelebt zu haben. Da ich noch viel von Márquez lesen will und mich wenig mit dem Kolumbien seiner Lebzeiten auskenne, ist eine Biografie eine gute Wahl. Wenn ihr da irgendwelche Empfehlungen für mich habt, immer her damit!
TW: Verwendung des N-Worts (in der deutschen Übersetzung des Buchs von 1982)