Der Gehweg endet im Nichts, die Häuser haben keine Türen – und mitten in Sarahs Ruine eines Musterhauses steht Bauer Ryans Esel, der sich hierher verirrt hatte. Ihr Mann Davy hatte sich abgesetzt, als sein Bauprojekt Hawthorne Close scheiterte. In der titelgebenden Kurzgeschichte traut sich Sarah aus Scham nicht mehr auf die Straße, wo jeder sie erkennt und niemand David gesagt hatte, dass er einer Schnapsidee nachläuft. Louise Kennedys 15 Kurzgeschichten rücken Umbrüche im Leben von irischen Frauen in den Mittelpunkt und suchen nach der Ursache, warum Männer Entscheidungen treffen und Frauen oft lebenslang die Konsequenzen zu tragen haben. Kennedy führt uns in eine Welt, in der Klassenzugehörigkeit und Sprache den Platz im Leben definieren, in der man sich für eine Seite entscheiden muss und in der archaische Werte von eifrigen Erfüllungsgehilfen durchgesetzt werden.
Die Protagonistinnen sind Bäuerin, Schülerin, Rechtsanwältin, Pflegehelferin oder einfach Ehefrau. Kinderwunsch, Elternschaft und schwere Erkrankungen prägen die Biografien, aber auch Jahrzehnte zurückliegende Gewalttaten. Dem allein verantwortlichen Vater Peter bleibt nichts anderes übrig, als sein Kind gegen das ausdrückliche Verbot seines Chefs mit zur Arbeit zu nehmen, weil seine an Depressionen erkrankte Frau sich nicht um Clary kümmern kann. Die Schülerin Róisín wird in der katholischen Schule ausgrenzt, weil sie aus dem Norden stammt und verstrickt sich in ein fatales Abhängigkeitsverhältnis zur Nachbarfamilie, in der sie sich zum ersten Mal gesehen fühlt. Zwei Freundinnen, die bisher meinten, dass es ohne sie zuhause nicht geht, verreisen gemeinsam nach Tunesien und erkennen, dass sie als willkommene Einnahmequelle junger Männer dienen ...
Verbindende Themen der Storys sind u. a. „falsche“ Akzente, starre Rollenbilder, verbotene Liebe, Zugezogene, die auch nach 30 Jahren noch nicht zur Dorfgemeinschaft gehören, und generell die Situation von Frauen, die allein lebenslang die Folgen unkontrollierter männlicher Impulse zu tragen haben. Bewegend fand ich u. a. die Geschichte, in der Familienfotos aus Jahrzehnten sich zu Zeitverläufen auslegen lassen – und besonders die letzte Story, in der ein jahrzehntealtes Manuskript preisgibt, was alle wissen und sich niemand zu erzählen traut. Die abschließende Story lässt ahnen, warum ihre Vorgängerinnen sich auf alles Falsche konzentrierten: falsche Entscheidungen, Beziehungen und Urteile. Doppeldeutigkeiten als Basis von Doppelmoral setzen hier Insiderkenntnisse voraus, z. B. in welcher Bedeutung in Irland der Begriff Reisefreiheit gebraucht wird.
Fazit
Die Storys sind harter Tobak – und einige lassen sich zunächst schwer einordnen, weil Leerstellen bleiben.