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Da waren Tage

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Aras nimmt die syrische Revolution zunächst aus der Entfernung wahr, geboren in Aleppo, aufgewachsen in Deutschland, ist er 2011 im ersten Semester seines Jurastudiums. Doch mit der Entgrenzung der Gewalt in Syrien wird der Konflikt mehr und mehr zum Teil seines Alltags. Im Hörsaal und in der Ausländerbehörde, beim Praktikum in Jordanien oder als Gast einer politischen Talkshow erlebt er den Jahrestag der Revolution jedes Jahr aufs Neue als Wechselspiel zwischen Realität und Imagination.
In ihrem eindrucksvollen Debütroman erzählt Luna Ali, wie sich die Ereignisse in Syrien in das Leben, das Handeln und die Sprache ihres Protagonisten einschreibt. Und so stellt »Da waren Tage« drängende Fragen über die Bedeutung politischen Handelns und kollektiven Begehrens in unserer Gegenwart.

304 pages, Hardcover

Published March 13, 2024

7 people are currently reading
150 people want to read

About the author

Luna Ali

2 books
Luna Ali, geboren 1993 in Syrien, studierte Kulturwissenschaften und ästhetischen Praxis in Hildesheim, Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut und Anthropologie an der Universität Leipzig. Sie arbeitete als Autorin u. a. an Produktionen an den Schauspielhäusern Düsseldorf, Dortmund, Hannover sowie in Berlin. 2023 erhielt sie das Arbeitsstipendium für deutschsprachige Literatur der Berliner Senatsverwaltung. Sie lebt mit ihren fünf Mitbewohner*innen in Berlin.

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Displaying 1 - 4 of 4 reviews
Profile Image for Buchdoktor.
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March 14, 2024
Haare, Bartwuchs, Hautton – Aras kann jedes Mal darauf wetten, im Bahnhofsgebäude von der Polizei kontrolliert zu werden. Der junge Jura-Student ist mit Mutter und seiner jüngeren Schwester Lamia aus Syrien nach Deutschland geflüchtet und sollte sich aktuell um seine Hausarbeit kümmern. Sein Maileingang ähnelt eher dem eines beruflich selbstständigen Familienoberhaupts; denn in seinem Umfeld muss ständig etwas für Migranten übersetzt, erklärt oder organisiert werden. Aras hilft, weil Dinge erledigt werden müssen, aus politischem Engagement und familiärer Verpflichtung. Es ist ein Zustand dauernder Verantwortung, mit Schuldgefühlen, wenn etwas nicht klappt. Das Übersetzen aus dem Arabischen zwingt Aras zur Auseinandersetzung mit der Tonlage einer Hochsprache und der Sozialisierung seiner Mutter, die als Künstlerin aus wohlhabender Familie in kein Flüchtlingsklischee passt.

Im Studium eignet er sich deutsche Kultur und Sprache gerade an in der Auseinandersetzung mit Recht als Mittel zur Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung im Umgang mit Außenseitern. Bereits als politisch aktiver, sportlicher Schüler verwischte Aras das Bild, das Leute sich von „Seinesgleichen“ machten. In den 2010er Jahren nimmt Luna Alis Protagonist in Talkshows und Panels die Rolle eines Kulturvermittlers zum Thema Flucht wahr, hat nach Regieanweisungen das Vorbild des erfolgreich Integrierten darzustellen und die einfachsten Dinge zu erklären. Nicht provozieren lassen, keine Hintergründe erklären, keine Überforderung der Zuhörenden durch arabischen Eigennamen, lautet die Regieanweisung für ihn. Fragesteller zeigen selten Geduld genug, seine Antwort anzuhören und stehlen ihm zunehmend Lebenszeit. Als Jurist soll Aras präzise argumentieren, die Fachsprache beherrschen, sich als Aktivist und ehrenamtlicher Helfer jedoch auf einen Grundwortschatz beschränken.

Aras Auseinandersetzung mit drei Sprachen (in der Familie wurde auch Kurdisch gesprochen) lässt ihn schließlich im Experiment den deutschen Satzbau zu einer Yoda-Sprache umkehren und darin einen Bedeutungswandel suchen. Lamias Studium der Sozialen Arbeit und sein eigenes Praktikum in der deutschen Botschaft in Jordanien (wodurch Syrien gezwungenermaßen wieder Thema für ihn wird) zeigen die Geschwister, keiner Kultur mehr zugehörig, in einer Zwischenwelt. Am Ende wird Aras begreifen, dass für seine Vorfahren diese deutsche „Individualität“ und „persönliche Freiheit“ nicht gesetzlich geschützt war und ihnen nur ein Familienverband Schutz bieten konnte.

Luna Alis Debütroman zeigt einen jungen Einwanderer, der bereits in Deutschland aufgewachsen ist, im Übergang in den Beruf. Seiner Mutter z. B. die Deutschen erklären zu müssen und seine ehrenamtliche Betreuung einer neuen Einwanderer-Generation zwingen ihm Verantwortung auf, die ich als zu große Last empfunden habe. Sein Begreifen deutscher/europäischer Kultur auf dem Weg über die Rechtsprechung hat mich zur Auseinandersetzung damit gezwungen, wie Muttersprache unser Denken und unsere Haltung steuert. Aras Dekonstruieren des Deutschen zeigt Luna Ali in einem Kapitel in einer Art konkreten Poesie durch um 90° gedrehten Text. Sie mischt Wörter wie ein Kartenspiel neu. Am Ende lässt sich ein Absatz wie im Origami-Objekt "Himmel und Hölle" (auch Pfeffer und Salz genannt) falten, schließen, wieder öffnen, neue Sätze kombinieren und so neue Sichtweisen liefern.
Profile Image for Tobias.
86 reviews9 followers
April 27, 2024
Was hast du in den letzten Jahren am 15. März gemacht? Wieso am 15. März wirst du dich jetzt wahrscheinlich fragen, weil wir nicht daran denken, was am 15. März so alles in der Welt passiert ist.

Für Menschen aus Syrien, Menschen mit Freund:innen und/oder Verwandten in Syrien wird der 15. März wahrscheinlich immer ein Teil ihres kollektiven Gedächtnisses sein. Der Tag der syrischen Revolution gegen das Regime.

In „Da waren Tage“ erleben wir, was der Protagonist Aras am 15. März jedes Jahres erlebt und durchlebt und werden so nicht nur Teil von Aras, sondern ich stellte mir immer wieder die Frage, was ich denn am 15. März des jeweiligen Jahres wohl getan habe. Ich weiß nur, dass ich ähnlich wie Aras auf keiner der Solidaritätsdemos und -Kundgebungen war.

Luna Ali erzählt in ihrem Roman eine fesselnde Geschichte, welche einlädt zum bewusst machen und reflektieren - zum recherchieren und ungläubig den Kopf schütteln - zum Mut machen und versuchen Optimist:in zu bleiben.
Profile Image for Nora.
25 reviews1 follower
July 22, 2025
den 15. märz, tag der syrischen revolution, erlebt aras all die jahre aus der ferne, mal lernt er für seine jura-prüfungen, dann ist er in jordanien bei einem praktikum an der deutschen botschaft oder auf dem schiff der zivilen seenotrettung. aras verpasst immer wieder, am 15. märz auf eine soli-demo zu gehen. als leser:in begleiten wir aras auf seinem weg, jahr für jahr, immer am 15. märz. das buch ist poetisch anspruchsvoll geschrieben; immer wieder verschwimmen realität und imagination, satzrichtungen wechseln oder die seitenstruktur wird ganz aufgehoben (und hannah arendt kommt auch vor <3). diese sprachlichen und gestalterischen experimente sprechen mich sehr an, auch wenn ich das gefühl hatte, vieles nicht ganz zu verstehen. etwas störend fand ich den wiederkehrenden satzbau, der das objekt im satz an den anfang setzt ("an der wand lehnte sein vater..." oder "auf einen stuhl deutete aras...")
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