Etwas merkwürdig fand ich's, dass wohl alle Jugendliche, ob arm, ob reich, männlich, weiblich, Einzelkind oder Geschwister, die Ahnung, mit ihnen könnte was nicht stimmen, weil sie nach dem eigenen Geschlecht schauen, mit 13 Jahren und in der siebten Klasse anfällt. Mir ging's in dem Alter noch lange nicht so. Wobei ich seinerzeit genügend andere Begründungen, wieso ich kaum Anschluss fand, bei meiner Hand hatte: Ich war zu dick, ich trug eine schwere Hornbrille, ich war einer der besten Schüler meiner Klasse, meine Familie war nicht reich, hatte kein Haus, kein Auto, kein Tier, ich glaubte nicht an Gott. Kein Wunder, wenn man keine echten Freunde mehr hatte, seitdem die alte Crew im Hof unten, die für Sandburgen, Versteckspiele, Murmeln, Gummitwist, irgendwie verschwunden war. Schwul musste man nicht sein. Ich kam auch nie auf die Idee.
Etliche hier im Buch allerdings durchaus, wobei, das soll hier schon gemeldet werden, zu handfestem Sex kommt es dann nie. Das eben sollte für Herausgeber Chase wohl den springenden Punkt bilden: dass man als queerer Halbwüchsiger ein letztes Jahr noch ohne Sex (und fast ohne Selbstbefriedigung) verbringt, in dem es einen eher beunruhigt, wie alle anderen Geschlechtsgenossen auf einmal übereinstimmen, man müsste sich auskennen in sexuellen Sachen. (So etwas erlebte ich zwar auch, bloß war ich da 15.)
Aber in den USA – und leider, bis auf eine, gibt's in dieser Anthologie keine Geschichte, die nicht in den USA spielte – muss so etwas wie ein allgemeingültiger Ablaufplan bzw. Verhaltenskodex Volksgut geworden sein. Dass man, wenn man sich für Mädchen interessiert, endlich auch mal eins überzeugen muss, abends mit einem auszugehen, dass man sie nach Hause zu bringen und am Ende möglichst den ersten Kuss (nur auf die Lippen) zu bekommen hat, habe ich früher schon aus anderen Büchern gelernt. Hier in „Queer 13“ kommt das kaum vor, weil die meisten der queeren Thirteens noch so weit außen vor sind, dass sie zur Paarverabredung nicht gelangen können. Was dagegen ewig erwähnt wird, vor allem bei den Lesben, ist jenes Flaschendrehen, was ich von deutschen Jungs nur als Märchen vom allmählichen Zwang zum Strippen vor versammelter Mannschaft kenne, von mir nie erlebt, was unter US-Kindern aber wohl dazu dient, dass gemischtgeschlechtliche Kinder sich unschuldige Küsse auf verschlossenen Lippen geben, ohne dadurch erotisiert zu werden. Solche vorgedachten Entwicklungsschablonen existieren in Deutschland aber kaum. Somit auch nicht, was im Buch mehrmals wichtig wird: das Summer Camp. Ich war nie in so etwas. Ich war nicht bei den Pfadfindern. Die gehörten bei uns zur katholischen Kirche und ich glaubte nicht an Gott, musste das auch nicht, von meinen Eltern aus.
Jedenfalls gibt es auch noch schwule Storysammlungen, wo die Leute „die reine Wahrheit“ über ihre erste Liebe, ihren ersten Sex oder so etwas erzählen und man nach zwei Seiten weiß, das ist auf keinen Fall jemals wirklich so gewesen, der fantasiert da eine Story, die Schwule gerne lesen, weil sie so was geil finden. Geschichten zum Geil-Finden gibt es hier aber keine. Dafür glaubt man allen Autoren, dass sie ehrlich berichten, was sie noch wissen. Und was meist so heiter nicht war, da man sich mit einem Mal von anderen entfremdet und ausgeschlossen vorkam – und seien es die eigenen Eltern oder Geschwister. Etwas scheint verloren und man weiß noch nicht, dass auch was gewonnen wird. Diese Unsicherheit und Unheimlichkeit wird von mehreren Autoren gut eingefangen.
Das Team scheint mit Leuten wie Andrew Holleran, Etel Adnan, Paul Russell, Eileen Myles, Robert Glück, Jacqueline Woodson, Michael Lowenthal, Rebecca Brown, Justin Chin und Robert Marshall hervorragend besetzt. Aber.
Aber: Ob weiß oder schwarz, sie sind fast alle aus der Mittelschicht und aus den US-Küstenstaaten, haben studiert, sind alle Schriftsteller, zumindest Publizisten geworden. Sie sind etwa gleich alt. 13 waren sie in etwa zwischen dem „Weißen Album“ der Beatles und Donna Summer und Blondie. (Inzwischen sind sie also Boomer geworden und haben den Anspruch, von Jugend was zu wissen, für die derzeit Jugendlichen verloren.) Und, logisch bei 13-Jährigen, viele Fernsehserien werden erwähnt. Aber das ist alles oft recht ähnlich. Es sind Originalbeiträge, auf Bestellung hin geschrieben. Man wusste nicht, was die anderen gerade schreiben. Man wusste nicht, wie ähnlich man einst lebte (und wahrscheinlich als US-Gay-Autor der Clinton-Zeit auch wieder). Wie voller Wiederholungen das Buch 25 Jahre später heauskommen würde.
Jene heimlich eingesteckten Magazine mit den nackten Frauen, die man als angehender Schwuler - gerade deswegen - kennerhaft kommentieren musste. Jene unsportlichen, kieksenden, die Arme abwinkelnden, mit den Händen wedelnden Klassenkameraden, die man als Freaks zu behandeln hatte, um selbst den Gruppenrückhalt nicht zu verlieren. Reihenweise Mädchen, die sich in ihre klügste Lehrerin verknallen, es aber nie jemand sagen, heute überzeugt sind, diese Frau damals, eine Lesbe, die habe es gespürt und genau darum so vieles für einen getan. Zuletzt der Dank: „Falls du noch lebst, ich werde dich nie vergessen, du warst wunderbar.“
Es ist alles gut gemeint, sehr gut und genau geschrieben, voll mit Herz und sanfter Wehmut. Aber radikal erschütternd oder aufregend ist hier wirklich nichts.