Dass der Roman, den ich während der Buchmesse gelesen habe, ausgerechnet in Frankfurt spielt, ist reiner Zufall. Das hat mich aber sehr gefreut, denn so war die Lektüre auf den „place to be“ prima abgestimmt. Außerdem behandelt er Themen, die in der deutschen Literaturszene präsenter geworden sind, z.B. die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität als Frau, als POC, als Mutter.
Ihr merkt, hier wird ein ziemlich großes Fass auf. Im Zentrum all dieser Themen stehen Dieo und Zazie, zwei Schwestern, Kinder, der deutschen Ulrike und des Senegalesen Papis. Obwohl gemeinsam aufgewachsen, könnten sie vom Wesen unterschiedlicher nicht sein. Dieo, die ältere lebt ein bürgerliches Leben mit Simon, der in einem Startup sehr gefordert ist. Sie hat drei Söhne und der komplette Mental Load lastet auf ihr. Sie macht eine Ausbildung zur Kinder-und Jugendpsychologin, kümmert sich aber in weiten Teilen um die Kinder und die Verknüpfungen in der Familie.
Zazie hingegen struggelt mit ihrer Rolle als Sozialarbeiterin in einem Jugendzentrum, in dem sie anzüglichen und rassistischen Bemerkungen ausgesetzt ist, die wahlweise „nur gut/nett/als Kompliment/lustig“ gemeint sind. Sie ist sich desden sehr bewusst und lässt es auch entsprechend raus - konsequent schmeißt sie die Brocken hin. Auch ihre Beziehung zu Max stellt sie immer wieder infrage. Möchte sie mit einem Mann zusammen leben und gegebenenfalls in einer traditionellen Rolle enden? Weitere Themen beschäftigen Sie und führen zu impulsiven und emotional gesteuerten Reaktionen.
In diesem Gesellschaftsroman begegnen wir an jeder Ecke, dem Zeitgeist. In feministische Fragen mischt sich die Erfahrungen und Auseinandersetzung mit Alltagsrassismus. Dabei stehen wir als Leser zwischen den Schwestern, die zwei Seiten der Gesellschaft vertreten. Richtig glücklich wirkt keine von beiden. Die Angepasste, die von Perfektionismus getrieben immer wieder ruft, dass sie es nicht mehr alleine schafft, ist genauso orientierungslos wie die Aufmüpfige, die sich mit allen anlegt, ihre Ansichten vertritt und sich nichts gefallen lässt. Die Dynamik der Schwestern ist interessant und trotz aller Differenzen immer liebevoll.
Die Nebenfiguren halten den Plot zusammen. Sie lassen manchmal ein wenig an Tiefe missen, sind aber gut gezeichnet und man hat sofort Bekannte in seinem eigenen Umfeld vor sich. Papis hat mir dabei am besten gefallen, strahlt er doch am ehesten ein bisschen Ausgeglichenheit und Weisheit aus. Es gibt einen Ausflug in die Heimat des Vaters, der aber nur minimal Einfluss auf die Geschichte nimmt. Es handelt sich also nicht um eine klug konstruierte Reise in die Kultur der eigenen Familie, sondern mehr um ein literarisches Mindmap, an dem Marginalisierung sichtbar wird und sich neu sortieren lässt…und leider etwas trivial wirkt, da es zwar den Zeitgeist bedient, aber uns nicht richtig reinzieht, weder wehtut noch Leichtigkeit hinterlässt.
Meinem Empfinden nach, hätte die Handlung noch viel intensiver die angesprochenen Probleme bearbeiten können.
Ich habe die Geschichte gerne gelesen. Sie reißt die Themen an und bietet eine gute Diskussionsgrundlage, aber sie vertieft sie nicht. Zum Ende hin sortiert sich vieles, aber auch das geht zu schnell und war für mich sogar vorhersehbar. Trotzdem bleiben einige Fragen offen. Ein gutes Buch, das man leicht und schnell lesen kann, welches mich aber unbefriedigt zurücklässt.