Im Zuge einer nächtlichen Privatfeier stürzt der Dichter Traugott Neimann, Mozarts »Deutsches Kriegslied« (KV 536) singend, aus einem Fenster im dritten Stock. Einzig der außergewöhnlichen Qualität seines Rausches hat es Neimann zu verdanken, dass er weder zu Tode noch sonstwie körperlich zu Schaden kommt; lediglich jedweder Drogenkonsum ist ihm von Stund an verwehrt – ein Umstand, der nicht ohne Konsequenzen bleiben kann für jemanden, der siebzehn Jahre ausschließlich unter dem Einfluss stimulierender Mittel geschrieben hat. Und gedichtet muss sein! Verleger Bramm in Zürich wartet auf den groß angekündigten Roman. In seiner Not begibt sich der verhinderte Dichter und Verfasser der seinerzeit vielbeachteten Novelle »Hartlaub hat den Katalog« in Thalia Fresluders Universalhilfe-Institut und geradenwegs in ein transdimensionales Abenteuer: mit Mona Zwanzig, dem Ex-Kinderstar, Vesica Güterbock, der geschaßten Agentin des Innenministeriums, mit gestörten Ganghofer-Wesen und dubiosen Doppelgänger-Puppen, ja, Neimann setzt bei der einen oder anderen Reise durch Zeit (einmal Kindheit und hoffentlich ganz schnell zurück) und Raum (China!) seine zunehmend fragwürdigere Existenz ernstlich aufs Spiel und riskiert am Ende gar – wer weiß – den gefürchteten Universums-Stulp.
obgleich eugen egner im impressum anmerkt, dass motive dieses buches aus der sammlung prinzhorn entnommen sind, sollte man daraus nicht den schluss ziehen, dass dieses buch der versuch ist, in die welt von geistig verwirrten menschen einzudringen. "Der Universums-Stulp" ist vielmehr eine fulminante reise in regionen der imagination, die unterhaltsam und spannend eine geschichte erzählen. egner improvisiert fulminant mit worten, ebenenverschiebungen und handlungsknoten, die zunächst beiläufig wirken und sich dann mehrere seiten oder kaptitel weiter erst aufdröseln. nichts scheint festgestellt zu sein - und dennoch hat alles eine innewohnende scharfe logik, die aufeinander abgestimmt ist: darin kann man eine parallele zu den weltbildern geistig kranker entdecken, nichtsdestotrotz schafft es egner hier, den leser liebevoll zu foppen - auf manchen seiten bis zu zehn mal! - um ihn dann doch wieder an der hand zu nehmen und zum nächsten wahnsinnsknoten des buches zu führen. ich wurde, ich gebe es zu, nach wenigen seiten süchtig nach dieser mir geistig so verwandten art des fabulierens, die ich auch gerne in meinen textimprovisationen anwende. ich fühlte mich in diesem buch wie zu hause. egner ist ein meister dieser frei fabulierenden kunst und "Der Universums-Stulp" rutschte beim ersten lesen ganz selbstverständlich ganz nach oben in meiner favoritenliste, in einem kategorieregal mit der "Luftdichten Garage" von Moebius, den "Merowingern" von Heimito von Doderer und meinem eigenen comic "Senseless Screen", der das auch visuell versuchte, was egner hier mit worten gelang. zum immer wieder lesen geeignet!