Horváths berühmtes, 1937 uraufgeführtes Stück um den Stationsvorsteher Hudetz und dessen Beteiligung an einem Zugunglück ist nach »Geschichten aus dem Wiener Wald«, »Kasimir und Karoline« und »Jugend ohne Gott« der vierte Horváth-Text, der in der Universal-Bibliothek in einer anhand der Originale revidierten, verlässlichen Textgestalt erscheint – in Zusammenarbeit mit dem Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek, an dem zur Zeit die neue historisch-kritische Ausgabe entsteht. Der Abdruck ausgewählter Vorstufen, Notizen und Strukturpläne ermöglicht es, die Entwicklung der Arbeit Horváths am Stück genau nachzuverfolgen. Ein detaillierter Zeilenkommentar sowie ein einführendes Nachwort bieten zusätzliche Verständnishilfen.
1982 verschwindet in der Eifel ein 18-jähriges Mädchen. Der Fall erregt Aufsehen, Medien nehmen ihn auf. 2019 wird dieser Fall in einer Folge des "Zeit Verbrechen"-Podcasts vorgestellt. Was die Redakteure, die davon erzählen, erstaunt, ist, dass sich das Dorf in der Eifel anfühlt wie aus dem 19. oder 18. Jahrhundert. "Gott weiß alles, aber die Nachbarn wissen mehr" ist ein Spruch, der zitiert wird. Ein herrischer Vater, der Sohn eines "Zugezogenen", der eine Tochter aus armer Familie schwängert, jeder hat im Nachhinein alles und nichts gewusst; wie ein moderner Ganghofer hört sich das alles an.
Ich habe beinahe parallel zum Hören dieser Podcast-Folge Ödön von Horváths Stück "Der Jüngste Tag" gelesen, und die Beziehungen zwischen diesen beiden Eindrücken empfand ich als durchaus erstaunlich. Die Aktualität der beißenden Gesellschaftskritik des 1937 entstandenen Stücks ist heute wie 1982 wie 1937 und wahrscheinlich in vielen Jahren zuvor auch gegeben - ein Unglück geschieht in einem kleinen Ort, und man benötigt, um den Dorffrieden wieder herstellen zu können, einen Schuldigen. Bei von Horváth ist es der Bahnhofsvorsteher Thomas Hudetz, unglücklich verheiratet, der sich in einem schwachen Moment von einem hübschen jungen Mädchen ablenken lässt, und dadurch ein Zugunglück mit vielen Toten verursacht. Das Mädchen verteidigt ihn, und wird dadurch, zusammen mit dem gesamten Dorf, in ein Drama gezogen, bei dem am Ende alle verlieren - das Mädchen wird tot aufgefunden. Wer ist schuld, juristisch, moralisch? Erstere ist schwer vermittelbar, letztere diffus konstruiert, und meist durch den Mob oder das betroffene Individuum definiert. Ein winziger Moment verändert alles, und die Beurteilung durch die Beteiligten erfolgt schnell und ohne die Wahrheit zu kennen. Die moderne Medienlandschaft müsste sich, ebenso wie der einfache Nachbar, der alles wusste, und trotzdem seine Meinung ändert wie er will, ertappt fühlen.
Es war Schullektüre, damals im Deutschunterricht, und ich konnte nicht viel damit anfangen, wie bei vielem, was man gezwungenermaßen lesen muss. Heute sehe ich gewiss die Schwachstellen in einer Ausarbeitung eines Themas, das die Menschheit schon immer fasziniert - doch ich sehe auch die Kunstfertigkeit, auf eine einfache, sehr prägnante und stilistisch auf der Bühne aufgeführt sicher extrem wirksame Weise ein Thema aufzurollen, ohne sensationalistisch und verurteilend zu werden. Kühl betrachtet von Horváth seine Personen aus der Distanz und lässt den Leser durch viel eingearbeitete Pausen und Stillemomente mitarbeiten.
This peaked my interest, as it seemed a timely subject with what is going on in the US politically currently, since this was intended as an indictment against those complacent about the rise of fascist Germany in the late 30's. It doesn't really correlate, since the guilt faced by the protagonist is more personal than political, and it's both terribly old-fashioned and melodramatic ... and Hampton's translation is, unusually, rather staid and clunky sounding.