Zuerst nimmt Gabriel Pfeiffer den schüchternen Geistlichen nicht ernst, der ihn auf der Buchmesse anspricht: »Es geht um Gott!" – möglicherweise habe er eine bedeutende Entdeckung gemacht. Was soll der erfahrene Literaturagent damit anfangen? Erst als er Tage später in einer Zeitungsnotiz liest, dass ebenjener Seminarist Matthias tot in einer bayerischen Dorfkirche gefunden wurde, zieht ihn die Geschichte in den Bann: in ihrem Zentrum ein geheimnisvolles Manuskript, das schon um 1780 den Wissenschaftler Charles Burney elektrisierte. Auf seiner Suche bereiste der Gelehrte halb Europa, bis ihm das kostbare Stück in Bologna endlich in die Hände fiel. Das Aufsehenerregende ist: Es zog eine Spur des Todes hinter sich her, ein jeder Besitzer verstarb auf mysteriöse Weise. Diese Geschichte lässt Gabriel nicht mehr los. Er recherchiert in den Archiven von London und in dem bayerischen Dorf. Was er findet, ist mehr als eine gute Story: Es geht um Gott, wie prophezeit. Es geht um den Glauben, um Gewissheit und Liebe - und am Ende um Leben und Tod.
Buchtitel und Buchcover hätten mich kaum angesprochen – wenn mich nicht vor kurzer Zeit Edgar Rais „Nächsten Sommer“ gut unterhalten hätte. In der Gottespartitur traf ich nun auf einen ausgebrannten Literaturagenten im Hamsterrad der Frankfurter Buchmesse. Gabriel Pfeiffer hat offenbar persönlich und beruflich seinen Tiefpunkt erreicht. Die Literaturagentur wird inzwischen von seiner Assistentin Leonore allein vermutlich erfolgreicher geleitet als von Gabriel selbst. Wenn Manuskripte aufgrund eines Autorenfotos gekauft werden und Buchtitel nach Beerenobst genannt werden, besteht für Gabriels einzigartigen Instinkt für erfolgreiche Manuskripte offenbar kein Bedarf mehr. Auch in Gabriels Privatleben herrscht Trostlosigkeit; sein einziges Kind hat Gabriel noch nie getroffen. Der ernüchternde Lauf von Gabriels beruflichem Hamsterrad auf der Messe wird unterbrochen mit dem Auftritt eines Schülers im karierten Hemd, der eine wichtige Entdeckung ankündigt. Doch noch ehe Gabriel sich mit dem Rätsel um die Entdeckungen eines Musikwissenschaftlers im 18. Jahrhundert befassen kann, wird der junge Mann in einem katholischen Seminar (Internat) in Gödelsburg bei Altötting tot aufgefunden. Gabriels Jagdinstinkt ist geweckt; er lässt Buchmesse Buchmesse sein reist sofort an den Tatort. Dort ist der Tote ohne Obduktion in unchristlicher Hast bereits beerdigt worden. Nach einer Phase der Unschlüssigkeit, ob die Handlung sich evtl. Gabriels wenig glücklicher Kindheit zuwenden könnte, fängt Edgar Rais Hauptfigur endlich Feuer und ermittelt in der British Library in London. Im letzten Abschnitt zeigt sich Gabriel von seiner professionellen Seite, nutzt sein berufliches Netzwerk und untersucht die Originalmanuskripte des Charles Burney.
Wenn der Roman für meinen Geschmack auch im mittleren Teil etwas an Tempo verlor, hat mich Edgar Rai mit seinen höchst ironischen Betrachtungen des Buchmarkts, seinem Blick für schrullige Gestalten und erneut mit seiner leichten Hand für die Figurenzeichnung begeistert. Grundsätzliches Interesse an Büchern, Orgelmusik, Neurophysiologie und ungewöhnlichen Typen vorausgesetzt, wird das Buch mit Sicherheit wieder ein Erfolg für Egar Rai werden – Autorenfoto hin oder her.
^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^ Zitat „Er muss ein Idiot sein. Anders ist schwerlich zu erklären, weshalb er in einem dreizylindrigen Hühnerkäfig sitzt und auf der Autobahn Richtung Süden juckelt, während Leonores A 320 über seinen Kopf hinwegdröhnt und formvollendet nach Norden abdreht. Wer denkt sich dreizylindrige Motoren aus? Ein Typ mit drei Nieren? Würde jemand auf die Idee kommen, ein Flugzeug mit drei Turbinen zu konstruieren? Die Natur jedenfalls kann ein dreizylindriges Auto nicht gewollt haben. (S. 123)
Nach einem gesundheitlichen Schreckschuss ist sich der sowieso schon ziemlich desillusionierte Literaturagent Gabriel Pfeiffer seiner eigenen Sterblichkeit nur zu sehr bewusst. In diesem Zustand hat er auf den üblichen Zirkus der Frankfurter Buchmesse überhaupt keinen Bock und quält sich nur durchs jeweilige Tagesprogramm, weil seine stets kompetente Assistentin Leonore mit Agenda, Überredungskunst und wohldosiertem Coffee to go dafür sorgt, dass er seine Pflichten erfüllt.
Gleich zu Beginn der Messe tritt Matthias Göttker, ein etwas unbeholfen auftretender Theologiestudent, mit diffusen Andeutungen und einem Dokument im Umschlag an ihn heran. Zu dem vereinbarten Treffen, bei dem Göttker ihm Näheres erläutern wollte, kommt es aus schwerwiegenden Gründen nicht. Gabriels Neugier ist geweckt, zumal er selbst einmal Klosterschüler war und mehr mit Matthias gemeinsam zu haben scheint, als er gerne wahrhaben möchte. Und auf einmal sieht sich der Berufszyniker mit der Frage konfrontiert, ob es wohl einen Beweis für die Existenz Gottes geben und ob es sich dabei womöglich um ein Musikstück handeln könnte.
Das klingt für Gabriel, der erst einmal an Dan Brown und seine Kirchenthriller denken muss, ziemlich absurd, lässt ihn aber dennoch nicht los, und er fühlt sich förmlich gezwungen, der Sache nachzugehen.
Die Midlife Crisis hat Gabriel voll im Griff, er sich selbst dafür so gar nicht - der Whiskey ist sein bester Freund, ohne seine (ein bisschen zu tolle) Assistentin wäre er beruflich schon längst erledigt (was ihm aber auch schon fast egal wäre), zu seinem Sohn hat er kein großartiges Verhältnis, und beziehungstechnisch beschränkt er sich auf ein, zwei mehr oder minder heiße Nächte am Rande der Buchmesse, was aber auch schon fast zur Routine geworden ist. Sein Zynismus und ein Hauch von Überheblichkeit machen ihn nicht gerade zu einem Sympathieträger, und wäre es ausschließlich um ihn und den Literaturbetrieb gegangen, wären das Buch und ich sicher keine Freunde geworden, obwohl die eine oder andere Szene auf der Messe schon schön mit spitzer Feder aufgespießt wurde und bestimmt nicht völlig frei erfunden ist.
Als Gabriel aber auf den Spuren von Matthias Göttkers Entdeckungen unterwegs ist und dafür seinen sowieso öde gewordenen Alltag sausen lässt, hat es mich doch gepackt. (Man muss sich natürlich auf die abstrus wirkende Prämisse, dass eine solche "Gottespartitur" existieren könnte, einlassen wollen.) Die Darstellung kirchennaher Figuren empfand ich allerdings als etwas überzogen, vor allem die auch optisch bis oben hin zugeknöpfte Betschwester war schon fast ein bisschen lächerlich.
Von diesem Kritikpünktchen abgesehen gefiel mir Gabriels Recherchereise gut, auf der er sich auch eigenen Erinnerungen stellen muss, die er lange Zeit verdrängt hatte. Ein bisschen erinnert das Ganze tatsächlich an einschlägige Mysterythriller, allerdings ohne allgegenwärtige Bedrohungen durch fiese Gegner und den unvermeidlichen Showdown, wobei auch dieses Buch mit einem Knalleffekt zum Schluss aufwartet (der mich zwar ein wenig ratlos zurückgelassen hat, mir aber deutlich mehr zugesagt hat als das aalglatt-klischeehafte Ende, dass ich zwischendurch einmal befürchtet hatte).
Las sich flüssig und unterhaltsam, der gewohnte Rai'sche Humor brachte mich oftmals zum Grinsen. Die Literaturbranche wird, wenn auch in der Story eigentlich nur Nebenschauplatz, auf amüsante Weise durch den Kakao gezogen - gleichzeitig war es gar nicht uninteressant, über die Mechanismen zu lesen, die da so hinter den Kulissen ablaufen. Die eigentliche Story um die Suche nach dem göttlichen Musikstück verblasste dahinter fast ein wenig...Dennoch war auch dieser Teil der Handlung faszinierend. Lediglich das Ende geriet für meinen Geschmack etwas unspektakulär.
Ich gehe hier nicht näher auf den Inhalt ein, das erklärt sich aus dem Buchbeschrieb. Die Idee ist nicht neu, aber der Autor hat sie sehr humorvoll und spannend umgesetzt. Interessant ist, die Geschichte handelt im Verlagsmilieu das der Autor wohl sehr gut kennt. Edgar Rai hat einfach einen guten Humor und eine frische Sprache, die ich schon in zwei seiner früheren Bücher sehr geschätzt habe.
Amüsant, nicht ganz so, wie der Klappentext und der Umschlag versprechen allerdings, aber durchaus unterhaltsam. Nur schade, dass dieser "englische Musikforscher" die Geografie nicht beherrschte und Genf zu Frankreich geschlagen hat..