Dieses Buch ist keine einfache Kost. Der ehemalige Moskau-Korrespondent der SZ und mittlerweile freischaffende Journalist Julian Hans geht in insgesamt sechs Kapiteln der Frage nach, welche Rolle Gewalt in Russland spielt und wie diese Gewalt gesellschaftliche Strukturen, Autoritäten und staatliche Institutionen beeinflusst und geprägt hat. Die russische Bevölkerung wird aus deutscher Perspektive oft als passiv, duldsam, devot wahrgenommen, man fragt sich, wieso denn nichts passiert, warum es keine Massenproteste gibt, warum dieses Volk gegen die Autokraten und Despoten nicht aufbegehrt. Wer dieses Buch gelesen hat, versteht, warum dem nicht so ist und leider, so viel kann gesagt werden, weil es auf der Hand liegt, erscheint ein Umdenken in der Staatsregierung oder ein Regimewechsel unwahrscheinlich.
Julian Hans nimmt uns mit in entlegene Winkel Russlands und zeigt anhand von Kriminalfällen, die medial in Russland großes Aufsehen erregt haben, wie die russische Bevölkerung tickt. Im Kapitel "Angst" terrorisiert eine Bande etwa eine ganze Ortschaft und profitiert von Beziehungen in Regierungskreise und zur Polizei, in "Wut" lehnt sich eine Gruppe junger Partisanen gegen die Obrigkeiten auf, in "Vergeltung" wird die Aufarbeitung der Vergangenheit und ehemaliger Kriegsverbrechen thematisiert, die bis zum Ersten Weltkrieg zurückreichen. Es schmerzt wahrlich beim Lesen, dass sich zunehmend eine pessimistische Stimmung breitmacht, dass diese festgefahrenen Machtstrukturen, der propagierte Aufopferungswille im Dienste des Staates, Korruption und Vertuschung dieses Land zu dem gemacht haben, was es heute ist. Julian Hans hat mit Künstler*innen, Forscher*innen und Expert*innen gesprochen und zeichnet ein zugängliches, aufklärendes, wenn auch erschreckendes Bild Russlands.