Als Helene ihre Eltern kurz vor Weihnachten besucht, wirken die Räume des vertrauten Hauses seltsam hohl, als ließen sie sich trotz aller Bemühungen nicht mit Leben füllen. Der Anlass für ihren Besuch ist die Scheidung der Eltern. Irritiert beobachtet die Tochter jede ihrer Regungen, seziert sie voller Sprachwitz und zerlegt sie in ihre Einzelteile, die sich zu einem Familienbild bürgerlicher Prägung zusammensetzen: Thomas, der Vater, ist Arzt, aber weil er keine Menschenkörper mag, berät er lieber ein Pharma-Unternehmen. Die Mutter Irene hat Lehramt studiert, um nach der Geburt der einzigen Tochter doch Haus und Herd zu ihrem Arbeitsfeld zu machen. Und Helene selbst ist erfolgreiche Künstlerin mit Einzelausstellungen in London und Kopenhagen, einer Assistentin und einem Galeristen. Jetzt soll sie dabei helfen, den Besitzstand genauso wie den emotionalen Ballast der vierzig Ehejahre zu sortieren. Doch dann stürzt die Mutter die Treppe hinunter, bricht sich die Hüfte und plötzlich taucht auch die verschwunden geglaubte Kindheitsfreundin Molly wieder auf. Humorvoll und in starken Bildern erzählt Hohle Räume von der Familie nicht mehr als einem Ort psychologischer Abgründe, sondern als kleinstmöglicher sozialer Einheit, in der die Aufstiegsgeschichte der Babyboomer genauso zu erkennen ist wie der Klassenumstieg ihrer Kinder – und wo Sofas, Töpfe und Fensterläden nicht bloß Alltagsgegenstände sind, sondern subtil über Werte, Überzeugungen und Sicherheiten Auskunft geben.
Nora Schramms Debütroman lässt sich am ehesten als eine Buddygeschichte zweier Fast-Schwestern bezeichnen, von Helene und Molly, die sich aus den Augen verlieren, dann aber wiederfinden und einen labilen Neustart versuchen, denn das gesamte Familienkonstrukt wackelt an allen Enden und Kanten. Der Roman beginnt mit der fünfunddreißigjährigen Helene, die ihre über sechzigjährigen Eltern in Findelheim besucht und mit deren bevorstehender Scheidung konfrontiert wird:
Ich spüre das Bett feucht unter meiner Hüfte, rolle mich weg, aus dem Fleck heraus, und es riecht wieder nach Badreiniger, stärker, und da wird mir klar, dass ich ins Elternbett gepinkelt haben muss, auf die geruchsneutrale Vaterseite. Für einen Moment denke ich, dass ich liegen bleibe, bis es um mich herum getrocknet ist, die Decke so lange nicht anhebe, bis alles eingezogen ist, restlos versickert, meine Finger klammern sich an die Decke, panisch, dass die Mutter hereinkommt und sie mir wegzieht.
Das eigentliche Drama des Buches lässt sich als verspätetes Coming-of-Age bezeichnen. Helene sieht sich den Problemen der Erwachsenenwelt in keiner Weise gewachsen. Sie lebt in einer Kunstwelt und vergisst so ziemlich alles: das Brot aus dem Backofen zu nehmen; ihrer Assistentin den Lohn zu überweisen; die Nummer des Vaters oder der Mutter zu speichern; und sogar nach einem Treppensturz, den Notarzt zu rufen. Sie lässt ihre Mutter lieber mit schmerzverzerrten Gesicht im Wohnzimmer hocken und in eine Kaffeetasse pinkeln:
Die Mutter hat sich rasiert. Ich weiß nicht, wann ich sie zuletzt nackt gesehen habe, ich versuche, auch in diesem Moment nicht die nackte Mutter zu sehen, sondern an ihrer Nacktheit vorbeizuschauen, aber dass sie sich die Schamlippen rasiert hat, das bemerke ich einfach und finde es irgendwie pervers. Ich halte ihr die handgetöpferte Tasse vom Weihnachtsmarkt hin und sage, okay, jetzt. Wir stehen eine Weile stumm und warten, bis die Mutter pinkelt.
Die Ich-Erzählerin verurteilt, bewertet, ignoriert und entzieht sich allen sozialen Prozessen, ohne über sich und ihre Welt auch nur im geringsten nachzudenken. Fast phänomenologisch-abstrakt zieht die Welt an ihr vorbei. Teilnahmslos, passiv lässt sie das Geschehen ablaufen. Exakt in diesem Duktus bleibt die Erzählstimme in einem gruseligen Limbo schweben, nämlich präsentisch-erzählt aus der Ich-Perspektive, die sich aber uneingeschränktes Wissen über die Eltern erlaubt und sich aus dem Off heraus ein- und ausschaltet (seltsame Zeitsprünge). Glaubwürdigkeit bleibt da auf der Strecke. Die Erzählstimme entspricht einer verstörenden, unzusammenhängenden, beliebigen Sicht auf Dinge, die gewöhnlich an die Essenz des Zusammenlebens gemahnen: Tod, Krankheit, Trauer, Schmerz. Doch Helene erreicht nichts. Sie bleibt außen vor:
Ich nehme meine Hand von ihrer, greife nach dem dünnen Stil des Weinglases, schwenke die rote Flüssigkeit darin, ohne es anzuheben, rotiere es auf der Tischplatte und sage, du hast meine Mutter im Stich gelassen. Molly hebt die Augenbrauen. Du auch, sagt sie. Ja, sage ich, aber ich habe von Anfang an klargemacht, dass sie mit mir nicht zu rechnen braucht. […] Sie ist erwachsen, sagt Molly, und als ich nicht antworte, schiebt sie hinterher, sie ist alt geworden. Findest du, sage ich. Du bist erwachsen geworden, sage ich. Du nicht, sagt Molly.
Zwar ergibt sich eine intensive Dynamik zwischen Molly und Helene am Ende, aber auch diese bleibt nur skizziert und erinnert an das erste Viertel von Bettina Wilperts Herumtreiberinnen sowie an das Wiedertreffen der Schwestern in Dana von Suffrins Nochmal von vorne. Die Familienproblematik hat Doris Wirth in Findet mich viel überzeugender herausgearbeitet, und das Passiv-Nervige einer Hauptfigur ist in Nele Pollatscheks Kleine Probleme zwar immer noch nervig, aber wenigstens stellenweise tolpatschig-amüsant.
--------------------------------- --------------------------------- Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich): --------------------------------- ---------------------------------
Inhalt: ●Hauptfiguren: Helene Michels, Bildende Künstlerin, 35, unverheiratet, wahrscheinlich Single, vielleicht zusammen mit Kolja, hat eine Assistentin namens Katja, wohnt in Berlin und besucht ihre Eltern in Findelheim, in der Nähe von Stuttgart. Irene Michels, Mutter von Helene, 62, Hausfrau mit Hochschulabschluss, aber ohne Referendariat, gibt Nachhilfeunterricht, und will sich von ihrem Mann scheiden lassen. Thomas, Tommy, Vater von Helene, hat Affäre mit Svenja, arbeitet als Pharmaberater, vormals als Arzt und Tierarzt auf dem Land. Molly Nowak, Ziehschwester von Helene, aus prekären Verhältnissen, die von Irene bei Nachhilfe entdeckt, die mit 18 Jahren aber, nach sieben Jahren, aus dem Leben der Familie verschwand; hat zwei Kinder, Mattea und Ella mit Frieder, einem Journalisten und Musiker. ●Kurzplot: Helene besucht ihre Eltern in der Vorweihnachtszeit auf Wunsch der Mutter wegen der akuten Ehekrise, denn die Eltern wollen sich scheiden lassen. Sie bleibt bei ihrer Mutter, während der Vater bald verschwindet, sich zurückzieht. Die Mutter stürzt und bricht sich die Hüfte. Helene trifft ihre verschollene Schwester wieder, Molly, die ihr bei der Pflege der Mutter hilft, die ins Krankenhaus und dann in die Reha nach St. Peter-Ording kommt. Sie besuchen die Mutter zusammen und verleben Heiligabend bei McDonald’s. ●Plot: Familienprobleme im Hause der Michels. Der Vater, schweigsam wie die Tochter, hat seit langem eine Affäre. Die Mutter lebt unglücklich neben ihn her und wünscht sich die Erfüllung durch die Kunst. Eines ihrer Projekte, eine Schülerin namens Molly im selben Alter wie ihre Tochter Helene, sollte groß als Musikerin, Sängerin in Erscheinung treten. Für Molly hat Irene die eigene Tochter in den Hintergrund gestellt, die aber im Windschatten Mollys Künstlerin wurde, indes Molly vor der Musikschulenprüfung verschwindet und zurück zu ihrer leiblichen Mutter zieht. Nun lebt die Mutter vor sich hin und überlegt nach Berlin zu ziehen und will mit ihrer fünfunddreißigjährigen Tochter alles bereden, die ebenfalls in Berlin lebt. Der Vater will damit nichts zu tun haben. Die Tochter auch nicht. Sie verhält sich abwesend, abweisend, wenig begeisterungsfähig. Sie wird eingeladen von ehemaligen Schulfreunden, die stolz darauf sind, eine so berühmte Künstlerin in der Klasse gehabt zu haben. Dort trifft sie auf Molly, die sich mit der Mutter wieder versöhnt hat. Der Schmerz sitzt tief. Sie sprechen sich aus. Die Mutter stürzt und bricht sich etwas. Molly hilft Helene mit den Dingen im Leben klar zu kommen, denn offenkundig hat Helene sich noch nicht wirklich abgenabelt. Es handelt sich im Ganzen eher um eine Art Potpourri aus Schichtproblemen, Künstlerproblem, Familienproblem, insgesamt ein Persönlichkeitsproblem, das sehr an Nele Pollatscheks Kleine Probleme erinnert, durch die Schwesternproblematik auch an Nochmal von vorne von Dana von Suffrin; und mit dem Verschwinden des Vaters auch an Doris Wirths Findet mich. Thematisch aber stark angelehnt an die Aussteigerphantasien von Magdalena Saiger Was ihr nicht seht. … der Plot benötigt lange um in Fahrt zu kommen, denn im Grunde geht es um die beiden (Fast-)Schwestern, die wieder zusammenfinden. Das letzte Viertel besitzt eine emotionale Intensität, die den ersten Dreiviertel gänzlich abgehen, langatmiges Beschreiben von Allerweltvorgängen. Es könnte als Künstlerkritik durchgehen, die Künstler, die weltfremd vor sich hinbasteln; die Mutter wollte keine Bauerntochter bleiben, wurde Lehrerin, und die Tochter oder Ziehtochter sollte noch höher hinaus und Künstlerin werden, Standesdünkel, bezahlt aber mit einiger Lebensunfähigkeit. Leider bleibt das alles unausgearbeitet und die Psychologie völlig im Dunkeln. Die Hauptfigur besitzt keinerlei Antrieb. Der Plot vermag deshalb nicht zu fesseln, besitzt sogar einiges an Nervpotential. Pluspunkt nur die Schwesterndynamik am Ende. --> 2 Sterne
Form: Einfallslose Sprache, einfallslose Sätze, einfallslose grammatische Wendungen, permanente Wiederholung von „Vater“, „Mutter“, … immer wieder Bestärkung und Verstärkung durch tautologische Wendungen. Sprachlich zäh, gewollte Metaphern, Wortfeldvermischungen, Abstraktionshöhenvermengung, Katachresen … Totalausfall --> 1 Stern
Erzählstimme: Präsentisch erzählte Ich-Erzählerin, die sich nicht reflektiert, nicht verortet, nicht im Zusammenhang sieht. Das präsentische Erzählen dürfte keine Lücken haben (wie erklären sich diese anders als durch einen anwesenden Regisseur, jemand, der das Bewusstsein für das Publikum an- und ausschaltet), d.h. die Erzählposition bleibt unreflektiert. Es existiert jemand, der nicht in Erscheinung tritt, weder durch Kommentar noch durch Selbstbezug. Es ist ein gruseliges aus dem Off-Erzählen, ohne klaren Raum- und Zeitverlauf. --> 1 Stern
Komposition: Der Handlungsrahmen bezieht sich rein auf: wo ist die Molly geblieben? Was ist mit Molly geschehen? Wo ist der Vater? Mit dem Spannungsbogen, dass Helene nicht mehr „Maus“ genannt werden will, und am Ende die Mutter auch nicht mehr „Mutter“ oder „Mama“, sondern „Irene“. So endet das auch damit, dass nun ständig „Irene“ gesagt wird, statt „die Mutter“, womit die Emanzipation aus der Rolle illustriert, aber nicht plausibilisiert wird. Es bleibt eine Andeutung. Spannungsbögen gibt es nicht, und unnötige Passagen en masse. Pluspunkt nur diese Benamsungsdynamik. --> 2 Stern
Leseerlebnis: Dröge, und sehr nervig, Hauptfigur erscheint kalt und abwesend, kaltherzig, unempathisch und asozial. Über weite Strecken kaum auszuhalten, erst mit der Schwester kommt Schwung in den Text, aber nur durch diese. Sehr zäh. Keine Freude. --> 1 Stern
„es ist eher so, dass mich etwas befällt, die reine Lethargie, die geballte Egalheit meiner und jeder anderen Existenz… …vielleicht kommt später noch ein Kind und spielt etwas auf einer Querflöte vor.“
Nora Schramm ist eine Kölner Debütautorin, deren Roman „Hohle Räume“ 2024 im Matthes & Seitz Verlag erschienen ist.
Die Protagonistin Helene ist eine begabte junge Künstlerin und fährt aufgrund der anstehenden Scheidung ihrer seit 40 Jahren verheirateten Eltern in die Heimat, welche sich in einer fiktiven schwäbischen Kleinstadt befindet. Das Elternhaus, in dem bislang alles einer gewissen familiären Ordnung folgte, ist seit der Trennung nicht mehr das Gleiche wie zuvor und raubt Helene alle Kräfte. Sie nimmt ihre Eltern verändert wahr, sie sind nun nicht mehr ein Ganzes, sondern zwei Individuen, was bei Helene zur Irritation führt: der Arzt-Vater scheint nun noch weniger nahbar für Mutter und Tochter und die Mutter sucht sich sinnlos anmutende Beschäftigungen. Das Haus wird durchforstet, alles umgestellt, bis es zum großen Treppensturz kommt und sie sich die Hüfte bricht. Helene spürt nun eine Konfrontation mit der Vergangenheit und Herkunft, inklusive der verschwunden geglaubten Pflegeschwester Molly, aber stellt sich der Situation nur mit großem Widerwillen. Die Kleinfamilie bricht auseinander.
Die Mutter braucht nun plötzlich Hilfe, die der Vater nicht geben möchte. Für Helene ergibt sich eine Rolle, und damit Pflicht, die sie nie erfüllen wollte. Die Situation erscheint in einem neuen Licht, als eine Freundin aus Kindheitstagen vor der Tür steht. Zu guter letzt wird das Elternhaus eine Kunstinstallation, in der die Vergangenheit mitsamt ihrer aufkeimenden Hoffnungen, unter Sandbergen vergraben werden.
„Hohle Räume“ möchte ein bürgerliches Familienideal anprangern, mitsamt der Anstrengungen und Opfer, die besonders für Frauen damit einhergehen. Es geht um die Hohlräume, die Leere, die diese permanente Arbeit in den Menschen hinterlässt. Was auch der verletzte Körper der Mutter ausdrückt.
Alltagsgegenstände werden hier zu bürgerlichen Symbolen, welche über Werte, Sicherheiten und Überzeugungen Auskunft geben. „Hohle Räume“ ist ein treffender Buchtitel, da er auf die fehlende Dimension hinweist und die Banalität des Alltags einfängt. Nora Schramm seziert literarisch die bürgerliche deutsche Familie und das in einer unverwechselbaren humoristischen Poesie.
Das hat wirklich Spaß gemacht. Einige der schönsten Sätze und Beobachtungen und Vergleiche, die ich seit einiger Zeit in deutscher Gegenwartsliteratur gelesen habe. Eine unglaublich gewitzte Auseinandersetzung mit der deutschen Bürgerlichkeit und familiären Verstrickungen, bei der ich viel gelacht und viel genickt habe. Zum Ende hin ging dem Buch etwas die Puste aus, sonst wären es wohl 5 Sterne gewesen, aber absolute Empfehlung für alle, die Kinder von Eltern sind.
Sprachlich auf jeden Fall das beste Buch was ich je gelesen hab. Deswegen habe ich auch so lange daran gelesen, weil die Sprache so sehr zum Inhalt beiträgt und man einfach genau lesen muss. Inhaltlich sehr schmerzhaft, aber für jeden, der sich für Familien-/Beziehungsdynamiken interessiert ein Muss.
was soll ich sagen, ich habs geliebt. von der ersten bis zur letzten seite überzeugt mich nora schramm mit ihrer sprache, mit der art, wie genau sie hinsieht, wie für die alltäglichsten Situationen metaphern gefunden werden, die ich so noch nie gehört habe. für mich war „hohle räume“ eine innovative art über die bürgerliche familie zu schreiben, über einsamkeit und entfremdung, klassen und stillstand. ich habe viel gelacht, war gleichzeitig gefangen in der leere und auch traurigkeit, egal was nora schramm noch schreibt, ich werde es lesen.
Sehr gut geschrieben und sehr gut beschrieben, wie es sich anfühlt und/oder anfühlen kann, als von zu Hause ausgezogenes Kind zurück ins Elternhaus zu kommen, wenn auch nur für kurz und in diesem Fall für besondere Umstände. Der Schreibstil macht das Innere der Erzählerin sehr gut deutlich und die ganzen Bilder beschreiben die Situation unheimlich genau.
Ich habe selten ein Buch gelesen und dabei so oft das Bedürfnis gespürt, Freunden bestimmte Sätze oder Textpassagen zu teilen. Sprachlich werden zum einem Teil sehr schöne, zum anderen sehr kreative Vergleiche und Metaphern erzeugt, die sehr erfrischend Momente und Gefühle beschreiben, die viele von uns beim Heranwachsen im Umgang mit Familie, ähnlich gespürt haben werden. Um den Plot oder eine großartige Protagonisten geht es in diesem Buch weniger. Viel mehr um sprachliches Erleben.
"Da ist meine Mutter sofort hineingetaucht, sie streckt den kleinen Po in die Luft und wühlt mit dem Schnabel den Teichboden auf. Die Mutter gründelt, die Mutter sucht nach etwas Verwertbaren in der gesunkenen Scheiße der anderen". Seite 74
"... aber ich brauche eine durchlässige Person, eine, in die es hineinregnet". Seite 161
Man muss die Charaktere eines Buches nicht mögen, um sich ein Buch beschreiben und bewerten zu können, aber es hilft ungemein ;) Und das ist hier das Problem. Aber der Reihe nach. Die Eltern lassen sich scheiden und Helene fährt aus der großen Stadt (aka Berlin) zurück in die Provinz (hier: Findelheim) auf Besuch, um zu helfen. Helene ist Künstlerin, macht irgendwas mit Räumem und ist genauso wie man sich das klischeehaft vorstellt: seltsam teilnahmslos, beobachtend und ziemlich weltfremd. Die Mutter freut sich auf ihr neues Leben in Freiheit oder vielleicht auch nicht. Und der Vater, der all die Jahre durch emotionale Abwesenheit geglänzt hat, dehnt das jetzt auch auf eine physische Abwesenheit aus. Klingt fantastisch, oder? Besuche bei den Eltern sind für Helene mit einer Zeitlosigkeit oder vielleicht auch einer Art Zeitverschmelzung verbunden und das Buch verdeutlicht das sehr schön. Es gibt keine Kapitel, die Tage und Nächte gehen ineinander über, man verliert selbst den Überblick. Zwischendurch werden Jalousien hochgezogen und wieder heruntergelassen, denn was sollen denn die Nachbarn sonst denken. Das ist der Rahmen der Geschichte, es geht aber auch ums Neuerfinden, Wiederfinden und Zueinanderfinden.
Bevor ich dieses Buch gelesen habe, wusste ich nicht, was man mit Sprache alles ausdrücken kann - also ich dachte, ich würde es annähernd wissen, aber wurde nun eines besseren belehrt. Die Sprache ist wirklich unfassbar gut gelungen, eine so hohe Präzision und Kreativität ganz viele Schichten gleichzeitig zu erfassen. Trotz dessen fand ich die Sprache nicht anstrengend komplex und konnte richtig toll in einen rasenden Lesefluss reinfinden (ein bisschen gegenteilig zu einer anderen Rezension hier - ich verstehe den Wunsch, die Sprache Satz für Satz langsam auszukosten - aber irgendwie hat mich das Buch dazu bewegt, es rasend zu lesen, weiß auch nicht genau.) Und auch der Hauptcharakter gefällt mir großartig - das Kunstwerk gegen Ende des Buches, ich mein, wie kann man das nicht lieben?! Wirklich riesige Leseempfehlung, das Buch ist ein Kunstwerk für sich, finde ich.
Mit einem Lesekreis gelesen, sonst hätte ich es nach ca. einem Drittel aus der Hand gelegt.
Man weiß gar nicht, welche der Protagonist:innen man am wenigsten mag. Der Mutter möchte man sehr bald für jedes "Maus" eine runterhauen, der Tochter für ihr Phlegma, dem Vater für sein Ignorieren und Weggehen, aber all das hat ja seine Geschichte. Schrecklich zu lesen. Alle betteln irgendwie um Liebe, die einzige, die Liebe empfindet und gibt, gehört eigentlich gar nicht zur Familie. Ein Buch, das keine gute Laune macht. Sprachlich mit vielen Highlights, inhaltlich zum Gruseln.
Die seltsame (Nicht)Formatierung der wörtlichen Rede macht es mitunter schwierig und anstrengend herauszufinden, wer was sagt oder nicht sagt. Das alleine wäre schon abtörnend genug gewesen...
Oh weh, mit diesem Buch habe ich mich ganz schön schwer getan. Die Sprache war etwas holprig, die Charaktere insgesamt eher unsympathisch, besonders Helene. So viel es mir doch sehr schwer, ihre Handlungen nachzuvollziehen. Stellenweise war es auch einfach nur zäh.