Der in der Publikationsreihe 'theorie . org' erschienene Band liefert eine knappe Einführung in die Kritische Theorie, für die keine besonderen Vorkenntnisse nötig sind. Es wird erstmals der Versuch einer Bilanz der Kritischen Theorie zu Beginn des 21. Jahrhunderts unternommen – das Dilemma politischen Engagements in der Gegenwart immer im Blick. Der Autor zeichnet die Geburt der Frankfurter Schule infolge der Krise des Marxismus nach, positioniert diese im Verhältnis zu orthodoxem Marxismus und bürgerlicher Wissenschaft und erklärt zentrale Begriffe wie etwa instrumentelle Vernunft, autoritärer Charakter und Dialektik der Aufklärung. Daran anknüpfend stellt er die Spannweite möglicher Antworten der Kritischen Theorie auf das Praxisproblem heraus: Wie soll, wie kann sich politisch verhalten, wird diese Welt aus tiefstem Herzen ändern will, aber erkennen muss, dass die Chancen dazu verschwindend gering sind? Dieser Frage wird anhand einer Gegenüberstellung der Positionen von Adorno und Marcuse nachgegangen, die wegen ihres ganz unterschiedlichen Bezuges auf die politischen Bewegungen ihrer Zeit oft als Antipoden wahrgenommen wurden.
Einspruch gegen das Bestehende, das Negative als argumentative Form und die Grundsätzlichkeit des Einspruchs. Michael Schwandt beschreibt das, was Kritische Theorie ausmacht, zu Beginn ganz treffend. Dabei sind die Texte der Kritischen Theorie nicht zusammenzufassen oder, wie Schwandt mit dem Verweis auf Pohrt sagt, auf Formeln herunterzubrechen.
Schwandt legt den Fokus neben allgemeinen Informationen zu dem Hintergrund und der Entstehungsgeschichte der Kritischen Theorie auf das Verhältnis von Marcuse und Adorno zur politischen Praxis. Er legt dar, wie sich die unterschiedlichen Positionen theoretisch bei den einzelnen Autoren begründen lassen. Dass etwa die Praxisaffinität Marcuses auf seine Annahme zurückzuführen ist, die Individuen seien durch die materielle, physische Sphäre an die bestehende Gesellschaft gebunden und nicht durch die geistige. Dazu werden Konflikte Adornos mit der Studentenbewegung aufgeführt, die sich aufgrund der „Wandlung [...] von einer kritischen zu einer praktischen“ (179) Bewegung ergaben. Die Protestbewegung weigerte sich, ihre eigene Ohnmacht, Pseudoaktivität und politische Schwäche einzugestehen. So stiftet im späteren Verlauf „Aktionismus die Gruppenidentität, die an die Stelle individueller Mündigkeit der Gruppenmitglieder tritt“ (187). Und auch die theoretischen Überlegungen verlieren ihren kritischen Gehalt, sobald sie funkitonalistisch einer Praxis dienen sollen. Deshalb und da das Denken der Individuen im Bestehenden verhaftet ist, hat Adorno auf das Ausmalen einer konkreten Utopie verzichtet.
Schwandt thematisiert auch die für die Kritische Theorie wichtige Darstellungsform der Dialektik und liefert einen Exkurs zu Psychoanalyse.
Abschließend wird auf Habermas eingegangen, der gemeinhin mit der nachfolgenden Generation der Kritischen Theorie verbunden wird. Schwandt zeigt, wie sehr sich sein Denken von dem Adornos und Horkheimers unterscheidet. Sorgt Habermas doch für den linguistic turn der Kritischen Theorie, verabschiedet er sich systemstabilisierend von der Vorstellung einer ökonomisch vermittelten gesellschaftlichen Totalität und wendet sich von einer subjektzentrierten zu einer kommunikativen Vernunft. Lediglich einen Begriff von Wahrheit verteidigte er noch gegen Vertreter der Postmoderne.