3,5
Auf jeden Fall sehr spannende und faszinierende Einblicke. Klingt zwar klischeehaft, aber es kommt einem wirklich vor wie aus einem Märchen - ich hätte ehrlich gedacht, dass ein großer Teil erfunden ist, wenn die Autorin nicht am Anfang betont hätte, dass diese Erlebnisse der Wahrheit entsprechen. Dieser heftige Reichtum, die Menge an luxuriösen Dingen und die schiere Masse dieser ganzen Dinge ist unglaublich. Aber angeblich soll all das wahr sein. Die Vorstellung ist sehr spannend und interessant. Das Buch selbst war zwischendurch etwas langweilig und träge (trotz der faszinierenden Schilderungen), es waren zwar immer andere Situationen, aber am Ende wiederholte sich viel: zehn Tonnen Parfum, Essen, wunderschöne Stoffe, Autos, Gemälde - jeweils zehn Tonnen, wohlgemerkt. Aber ich vermute, dass es der Autorin genauso gegangen sein muss nach einiger Zeit - dass ihr irgendwann innerlich unglaublich langweilig wurde. Und gleichzeitig hat sie so wundervolle Einblicke bekommen und so viel über die Kultur gelernt und ja… ich fand’s auf jeden Fall faszinierend darüber zu lesen.
So oder so: ich appreciate den sehr nahen, intimen Einblick in die arabische (Adels-) Kultur und die historischen + kulturellen Wissenssnippets, ich bin aber auch froh, mit dem Buch durch zu sein, aber ich fand den kompletten Einblick wundervoll
Aber was ich noch erwähnen will: ich finds unglaublich süß und schön wie sehr sie und Amir sich gegenseitig ins Herz geschlossen und was sie für eine Beziehung zueinander aufgebaut haben. Sehr cute
Ach und es wäre cool gewesen zu erfahren wann genau sie in Saudi Arabien war. Ich vermute aber durch ein paar kleine Hints, dass es Anfang der 90er Jahre war - vielleicht vor oder während 1992/93. Diese Info (nicht) zu haben macht schon einen Riesenunterschied aus, meines Erachtens. (Und, etwas Off-Topic: Es wäre auch richtig interessant zu sehen, wie diese Situation in der heutigen Zeit aussehen und ablaufen würde…)
(Und mal am Rande: ich finds ganz ganz schrecklich dass es 1999 (!!!) (als das Buch zum ersten Mal erschienen ist) noch Gang und Gäbe war, das N-Wort zu benutzen?? Dude…)
Und hier noch ein Part, den ich irgendwie superschön fand:
“Das extrem salzige Meer trägt und umarmt mich wie eine Mutter. Das ist kein Wasser, das ist Leben. Später setze ich mich in meinen Bademantel gehüllt in den Sand und lasse meine Gedanken schweifen. In einer so schönen Nacht ist es leicht, sich dem Willen Allahs zu unterwerfen. Morgen macht Muhammad sich auf den Weg nach Mekka. Seltsame Dinge gehen mir durch den Kopf. Ich beneide diese Leute um ihren Glauben und die Kraft, die sie daraus schöpfen. So, wie die Pilger seit Jahrhunderten in Mekka um die Kaaba kreisen, so kreist das Leben jedes Einzelnen von ihnen um Allah. Das gibt ihnen ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl und eine Sicherheit, die uns fehlt. Das im Westen herrschende Überangebot an Möglichkeiten, Theorien und Perspektiven verwirrt letzten Endes nur und hinterläßt oft genug ein Gefühl der Machtlosigkeit. Eins steht jedenfalls fest: Die Sicherheit der Orientalen ist tiefer verwurzelt als unsere, auch wenn sie logisch weniger begründbar ist. Der Anblick der nach Mekka strömenden Pilger ist mindestens so überwältigend wie der Anblick des Meers, vor dem ich sitze. Ich hatte geglaubt, meine modernen Wertmaßstäbe an diese Leute anlegen zu können, aber hier, unter dem Sternenzelt des Roten Meers, rührt mich ihre jahrhundertealte Unterwerfung unter den Himmel zu Tränen. Ich empfinde Sehnsucht nach etwas, das ich nie besessen habe oder doch nur in Form einer Ahnung, einer verschütteten Erinnerung, einer verwischten Spur, die meine Vorfahren hinterlassen haben. Wie gerne würde ich mich so völlig Allah unterwerfen können, wie sie es tun, und in ihrer Gemeinschaft aufgehen.
Wenn ich die Pilger im Fernsehen stundenlang die Kaaba umkreisen sehe und stundenlang das Scharren ihrer Füße auf dem Boden höre, spüre ich, daß eine ungeheure Kraft von ihnen ausgeht - eine Kraft, die mir völlig neu ist. Ich kann nicht erklären, was ich dabei empfinde. Ich versuche es schon gar nicht mehr, es ist zwecklos. Der Kontrast zwischen den beiden Welten ist zu ausgeprägt, als daß man irgendwelche Vergleiche anstellen könnte. Ich kann nur sagen, daß es sich um eine sehr, sehr starke Empfindung handelt. Ich, die »Ungläubige«, empfinde die Kraft ihres Glaubens, und ich habe großen Respekt davor. Es ist etwas Heroisches an dieser ausnahmslosen Unterwerfung aller unter ein und denselben Himmel. Und vielleicht sind meine Tränen ein heimlicher Ausdruck der Bewunderung für ihren Glauben - ein paar Tropfen Wasser in der Wüste, das ist nicht viel, aber es ist alles, was ich geben kann.
Als der Muezzin im Morgengrauen zum Gebet aufruft, kehre ich ins Haus zurück. Ich nehme einen Koran zur Hand und schlage ihn aufs Geratewohl auf: »Gott macht, daß die Nacht den Tag verdrängt und der Tag die Nacht. Wahrlich, keine menschliche Tat ist ihm fremd.«”
Und hier noch ein Part, den ich spannend fand:
“Im Harem und überhaupt im ganzen arabischen Kulturraum hat man völlig andere Vorstellungen von Anstand und Sitte als im Westen. In unserem Harem beispielsweise werden viele sogenannte Untugenden geduldet: Trägheit, Unpünktlichkeit oder Schlamperei etwa, auch Notlügen, wenn sie einem guten Zweck dienen, falsche Bescheidenheit, Engstirnigkeit, Ignoranz usw. Dagegen ist es verpönt, über andere herzuziehen oder sie auch nur zu kritisieren, ungeduldig oder nervös zu sein, schnell und laut zu sprechen.
Wenn man schlecht aufgelegt ist, hat man sich gefälligst in den eigenen vier Wänden aufzuhalten, bis die Laune wieder besser ist. Wer mit Arabern ein Gespräch führen möchte, muß sich ihrem Rhythmus anpassen und ihre Geduld angewöhnen, Eile wird als große Unhöflichkeit empfunden. Sie selbst widmen ihrem Gesprächspartner volle Aufmerksamkeit und tun alles, damit er sich wohl fühlt. In der Kunst des Gästeempfangens und in der Inneneinrichtung des Hauses hat Vorrang, was zur Gemütlichkeit und Entspannung des Gastes beiträgt, der heilig ist. Der Überfluß an Speisen auf ihren Tafeln ist gewollt, er soll dem Gast signalisieren, daß er wirklich ungeniert zugreifen darf, und das ist bei den Armen nicht anders als bei den Reichen. Zuneigung wird dadurch zum Ausdruck gebracht, daß man sich umarmt, auf die Wangen küßt, beim Plaudern die Hände hält und eingehakt spazieren geht - Männer mit Männern und Frauen mit Frauen, versteht sich. Großzügigkeit, Wohlsein und Bequemlichkeit werden im arabischen Alltagsleben groß
geschrieben.”