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Im Moralgefängnis: Spaltung verstehen und überwinden

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Wieso enden unsere Meinungsverschiedenheiten in bitteren Fehden, die uns entzweien? Warum können wir nicht mehr gesittet streiten? Woher rührt das peinliche Schweigen in Familien, unter Freunden und Kollegen, sobald es um Politik geht? Ob Coronakrise, Zuwanderung oder Dass die Gesellschaft wahlweise "polarisiert" oder "gespalten" sei und das Diskussionsklima "vergiftet", hören wir seit Jahren. Doch bisher fehlte eine überzeugende Erklärung dieser verbreiteten Überzeugungen, die nicht einfach solche Floskeln wiederholt.
Der Philosoph Michael Andrick zeigt, dass unser Diskurs-Elend aus einer Verhaltensweise entsteht, die wir alle Spaltung ist eine Infektion der Kommunikationswege mit dem Virus der Moralisierung. Dieses Buch klärt auf, wie wir uns derart voneinander entfremden konnten, wohin dies die Gesellschaft führt - und wie neue Verständigung gelingen kann.

197 pages, Kindle Edition

Published February 12, 2024

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Profile Image for Frank.
665 reviews131 followers
April 6, 2025
Andrick hat eine Mission und die dürfte am Ende des Buches als erfüllt angesehen werden. Völlig zu Recht führt der Autor zum Wesen des "Moralismus" aus, dass Moralisieren spaltet, weil es dabei nicht mehr um das bessere Argument unter Mitbürgern, sondern darum geht, dem jeweils anderen als "dem Bösen" das Mitbürger- Sein abzusprechen. In diesem Sinne sei, so Andrick, unsere Gesellschaft nicht gespalten, da es keine gespaltene Gesellschaft geben könne (das wären dann zwei Gesellschaften), sondern sie werde permanent aufs Neue gespalten durch alltägliche Handlungen, die auf Gruppenbildung und Feindschaft unter denselben hinauslaufen. Dabei seien Politiker zwar besonders einflussreich, aber kaum hauptschuldig. Schuldig seinen wir alle, denn der Virus der "Moralitis" sei ansteckend und befalle (wenigstens gelegentlich) einen jeden von uns. Sei eine Gesellschaft aber erst einmal davon angekränkelt, schaffe sich in ihr die Demokratie selbst ab, denn demokratisches Miteinander brauche als Basis die gegenseitige Anerkennung als Bürger. Wo die fehlt, muss Demokratie versagen, da sie diese ihre unabdingbare Voraussetzung nicht selbst schaffen kann (vgl. Böckenförde).

Wenn aber die Demokratie diese Voraussetzung ihres Funktionierens schon nicht schaffen kann, kann sie sie nicht wenigstens erhalten? Hier gibt es gegen Schluss des Buches bedenkenswerte Überlegungen dazu, warum gerade Deutschland sich zum "Moralweltmeister" aufschwingen konnte. Auch hier wirke das Paradoxon, dass bestimmte Erfolge sich selbst aufheben können: In dem Maße, in dem anerkannt werden musste, inwieweit der Nationalsozialismus als "Kollektiv" auf dem Ausschluss und der Entmenschlichung anderer basierte, wuchs das berechtigte Bestreben, es nie wieder dazu kommen zu lassen. Deshalb die Empfindlichkeit von progressiv- linksliberaler Seite, wenn gemutmaßt wird, dass hinter irgendeiner Handlung Menschenverachtung oder mangelnde Achtsamkeit etc. stehen könnte. Sofort wird das mit "dem Bösen" (=faschistisch) assoziiert, womit Auseinandersetzung regelmäßig verunmöglicht (und der Faschismus- Vorwurf inflationär) wird. An die Stelle einer heißen Debatte, von der Demokratie lebt, insofern an deren Ende ein Kompromiss (und keine Übereinstimmung!) stehen muss, tritt nun die Denunziation. Andrick beschreibt sehr schön, wie die Sehnsucht nach einer moralisch "sauberen" Gemeinschaft zum Ausschluss anderer Meinungen (nicht der Argumente) führt, weswegen man das kontrollieren zu müssen meint, was man weder kontrollieren noch überhaupt wissen kann: Welche "Meinung" jemand zu einem bestimmten Sachverhalt hat, wenn er ein bestimmtes Wort nutzt oder jemand anderen beleidigt usw. Für Beleidigungen, Hassreden etc. sei denn auch das Justizwesen zuständig, dass entsprechende Sachverhalte definiert und bewertet, und nicht eine Gesinnungspolizei, die akribisch beobachtet, wer sich wodurch betroffen fühlt oder auch nur betroffen fühlen könnte. Oftmals fühlten sich ja Dritte oder sonst wie Unbeteiligte verpflichtet, eine Entgleisung zur Anzeige zu bringen oder den Verursacher zur Rede zu stellen, obwohl der eigentlich Gemeinte darüber stillschweigend hinweg gehen wollte. Kurz: In einer "moralinverseuchten" Gesellschaft ist der Weg hin zu einer Gesinnungsdiktatur kurz, weil hier nicht einmal mehr die Gedanken frei sind, sondern der Erforschung und der Verdächtigung mit Bekenntniszwang ausgeliefert werden.

Das Ganze illustriert Andrick mit Beispielen aus der Sprachpolizei- Ecke: Klar, wer geflüchtet ist, ist nicht mehr da, weshalb man eben doch von "Flüchtlingen" sprechen sollte, wenn die halt im Land anwesend sind, und selbstverständlich ist man auf einer Wanderung immer noch Student, aber kein (gerade) Studierender mehr. Man sollte seine Sprache erst einmal beherrschen, ehe man sie instrumentalisiert (was natürlich immer nur eine Elite kann, die sich dadurch zu einer Art Volkserzieher aufschwingt, was nicht im Sinne der Souveränität aller Bürger in einer Demokratie ist). Nicht neu und wenig originell, aber zur Illustration des Gemeinten dennoch gut geeignet.

Das ist also alles richtig und bedenkenswert. Allerdings kennt man das meiste bereits unter Labeln wie "Moraltheater" (Hübl) und anderen. Andrick bietet also nicht wirklich etwas Neues, aber er gewinnt der Sache durchaus eigenständige Aspekte ab und spitzt zu, wo andere noch ausgleichend sein wollten. Damit reagiert er auf die sich weiter zuspitzende Lage, an der bisherige Analysen und Warnungen wenig bis nichts geändert haben. Allerdings wird dieser Schreibgestus, fürchte ich, dazu führen, dass das Buch als polarisierend wahrgenommen wird und dann auch polarisiert (womit der Text u.U. an Einfluss und Überzeugungskraft einbüßt). Diejenigen, die den angesprochenen Thesen wohlwollend gegenüber stehen (wie ich), werden sich bestätigt fühlen; andere werden es vielleicht aus der Hand legen, wenn z.B. der staatliche Umgang mit unseren Freiheitsrechten zu Corona- Zeiten aus philosophischer Sicht problematisiert wird. Das wäre schade, denn entfaltet wird eine Logik, die mehr als "Meinung" ist, weil sie Argumente bietet, die für die behaupteten Sachverhalte sprechen.

Es wäre dem Buch (und uns) zu wünschen, wenn es möglichst viele Menschen lesen und doch ein bisschen darüber nachdenken, was jedoch denen ein bisschen schwer gemacht wird, die sich so oder so nicht überzeugen lassen wollen. Der einzige kleine Mangel, den man freilich auch als Stärke auslegen kann. Die Resonanz wird zeigen, wie die Rezeption verläuft.
12 reviews
September 18, 2024
In dem Buch von Michael Andrick geht der Autor auf Strömungen in unserer Gesellschaft ein, die durch ihre Moralvorstellung Zwang auf Menschen mit anderen moralischen Einstellungen ausüben.



Es ist ein Aufruf für uns alle, sich miteinander zu Unterhalten und andere Meinungen zu akzeptieren, ihnen sogar zuzuhören und zu verstehen und vielleicht falsche Annahmen auch einmal zu reflektieren und zu überdenken. Was als objektiv in einer Gesellschaft richtig gilt, kann auch mal falsch sein oder zumindest in Teilen Fehler aufweisen. Wir sollten daher den Menschen, die dem kollektiven Verständnis entgegen stehen dankbar sein.
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