"Du hättest zur Brücke kommen sollen heute Nacht, Johanna. Dann wäre das alles nicht passiert. All diese unschuldigen Opfer – ein Jammer! Aber wir können es ja noch einmal versuchen….Johanna!" Superspannend und topaktuell! Der neue Jugendthriller von Klaus-Peter Wolf mit den Protagonisten Leon und Johanna handelt von einem anonymen Anrufer, der Johanna zu einer Marionette seines Willens machen will. Der mysteriöse Anrufer hatte Schlimmes angekündigt, für den Fall, dass Johanna seinen Forderungen nicht nachkäme. Da glaubte sie aber noch an einen dummen Scherz eines Klassenkameraden. Doch am nächsten Morgen ist es die Verheerender Unfall mit mehreren Toten unter der Havenbrücke. Spätestens jetzt wurde ihr klar, dass der nächtliche Anruf kein böser Traum gewesen war. Das war volle Realität. Doch was wollte der Typ von ihr? Gemeinsam mit ihrem Freund Leon versucht Johanna, dem anonymen Anrufer auf die Spur zu kommen.
Verhalten der Protagonistin UND Buch hirnrissig bis gefährlich
Absoluter Flop. Und das ärgert mich. Ich lese gerne Klaus-Peter Wolfs Ostfriesen-Krimis. Das hier ist nun eher für Jugendliche geschrieben, was aber nicht wirklich im Vordergrund steht, wenn man vom Alter seiner Protagonisten absieht. Das Buch ist gut geschrieben, lässt sich flüssig lesen. Warum trotzdem ein Flop? Na ja, weil der rote Faden der Haupthandlung total hirnrissig ist bis gefährlich.
Da bekommt Schülerin Johanna Rosen geschenkt, anonym, dann ruft ein Unbekannter an, um sich mit ihr zu verabreden. Sie hält das ganze für eine Art „Treuetest“ ihres Freundes, der wegziehen musste, und ignoriert die Aufforderung entsprechend. Am nächsten Tag erfährt sie, dass es nachts nahe des Treffpunktes Todesfälle gab, weil jemand Mülleiner auf die Fahrbahn warf. Der Unbekannte ruft wieder an und bekennt sich zu der Tat. In der Folge fordert der anonyme Anrufer immer wahnwitzigere Aktionen von der Gymnasiastin, droht mit Konsequenzen (immer ohne Beweise für seine Behauptungen) für die Allgemeinheit, dann auch für ihre Familie – und die, mit Verlaub, komplett dusselige Trine lässt sich weitgehend darauf ein. Wie idiotisch ist das? Wir reden hier nicht von Mobbing in einer Gruppe, der man schwer entfliehen kann, wir reden von EINEM Anrufer gegenüber einer als intelligent geschilderten Oberstufenschülerin. Wir reden von teils gefährlichen, teils kriminellen „Liebesproben“ wie nackt nur einen Mantel anzuziehen und eine Straße entlang zu laufen und den Mantel bei jedem Anruf zu öffnen oder Lebensmittel zu stehlen. Johanna vertraut sich zwar ihrem Freund an, aber keiner kommt auf den Gedanken, die Polizei hinzuzuziehen, einen Lehrer, Eltern, Freunde, Beratungsstellen, die Patentante,…
Ja, die Eltern sind hier eher mit sich beschäftigt, von den Polizisten (es gibt Tote, die der Stalker für sich beansprucht) ist maximal einer zu ertragen, mit Lehrern sprechen Teenager vielleicht eher nicht (Beratungslehrer? anonyme Hotline?) – aber Freund Leon hat zum Beispiel einen netten Chef, den er schätzt und das auch noch bei der Presse. Vielleicht hätte ich die Geschichte geglaubt, wenn die Herleitung etwas langsamer gewesen wäre, also erst mehr Geschenke, mehr Schmeicheleien, dann eine langsame Steigerung von Mutproben? Denn genau dieses Vorgehen scheint sowohl für Islamisten als auch für Pädophile zu funktionieren, was mich aber auch nicht tröstet.
Selbst zum Schluss, als Leon klar ist, dass Johanna konkret in Gefahr ist, als er weiß, wer der „Verehrer“ ist und wo sich die beiden befinden – selbst da postet seine Begleitung, deren Schwester das gleiche passiert war, lieber auf Facebook, als die Polizei zu rufen? Nicht einmal mit einer Art Notlüge, dort brenne es, Einbrecher, Drogen oder was auch immer? Nein, KEINE Aufforderung zu Fehlalarmen, hier ist die Gefährdung eindeutig (die Schwester von Leons Begleitung hat Selbstmord begangen, weil sie die Anrufe nicht mehr aushielt).
Leider auch kein Schlusswort mit Hinweisen zu Stalking, einer Telefonhotline für Schüler, Beratungsstellen, irgend etwas - nichts.
Nach „Nachtblauer Tod“ habe ich mich auf „Neongrüne Angst“ sehr gefreut, leider konnte mich die Geschichte jedoch nicht ganz so sehr begeistern wie der erste Band. Zunächst einmal fragte ich mich, wieso der Cliffhanger aus dem ersten Teil überhaupt nicht mehr aufgegriffen wurde. Am Ende der Geschichte befanden sich Leon und Johanna immer noch in einer misslichen Lage und es wurde angedeutet, dass sie sich bei einem Gerichtspräsidenten Hilfe suchen wollten, um die Unschuld von Leons Vater zu beweisen, „Neongrüne Angst“ begann allerdings direkt einige Monate danach und der Mord an Leons Mutter wurde nur ein paarmal in einem Nebensatz erwähnt, darauf, wie Maiks Schuld bewiesen werden konnte, wurde gar nicht eingegangen. Abgesehen davon war Wolfs Schreibstil wieder angenehm (das „Äi“ habe ich mittlerweile so oft gelesen, dass es fast schon ikonisch ist) und es war schön, Johanna und Leon noch einmal zu begleiten. Das Spannungsniveau war vielleicht etwas geringerim ersten Teil, dafür der Täter nicht so vorhersehbar. Kommissar Büscher hat es tatsächlich geschafft, dieses Mal ein noch größerer Idiot zu sein als vorher, seine Partnerin Kommissarin Schiller blieb sympathisch. Dass er nur Fleisch aß, sie auf Obst-Diät war, war aber schon sehr klisscheehaft. Die beiden wirkten teilweise fast wie eine Satire, unter anderem, da es ihnen nicht gelang, der Lösung des Falls näher zu kommen. (SPOILER) Johanna ging auf die Aufgaben, die ihr der „Flüsterer“ immer wieder stellte, ein, erfüllte sie teilweise allerdings dennoch nur halb, was mich irgendwann irre machte. Zum Beispiel trug sie Unterwäsche, als sie nackt unter einem Mantel eine Straße hinablaufen sollte oder kaufte Einkäufe, die sie eigentlich hätte stehlen sollen, obwohl sie zuvor merhmals gesehen hatte, wie wichtig es ihrem „Verehrer“ war, dass alles genau so geschah, wie er es wollte – er hatte sich sogar aufgeregt, nachdem sie elf Minuten später als vereinbart Achterbahn gefahren war. Genauso fand ich es unglaubwürdig, dass Johanna ihrem Bruder Ben und ihrem festen Freund Leon völlig misstraute, nur um dann mit einem dahergelaufenem Typen, nämlich Pit, hunderte Kilometer auf einem Motorrad nach Norddeich zu flüchten. (SPOILER ENDE) Dem wahren Täter kam ich nach 300 Seiten auf die Schliche (SPOILER), als man erfuhr, wie Pit sich seine Kopfverletzung, welche angeblich von einem Baseballschläger stammen sollte, in Wahrheit zugezogen hatte – nämlich selbst. (SPOILER ENDE) Kurz darauf wurde er dann ja auch enttarnt, das Ende riss mich jedoch nicht wirklich vom Hocker. (SPOILER) Es war eben die typische „Irrer entführt Mädchen und bildet sich ein, dass sie ihn lieben könnte“-Geschichte. (SPOILER ENDE) Gerade unter Berücksichtigung des interessanten Klappentextes fand ich es schade, dass alles auf so eine banale Sache hinauslief, das Potenzial der Idee wurde für mich damit nicht ausgeschöpft. Irgendwie hatte ich mir auch ein Maik-Comeback gewünscht, zumindest einmal im Gefängnis.