Und wieder ein Roman, der sich mit Frauen und den Freundschaften zu anderen Frauen beschäftigt. Ein gedanklicher Spaziergang durch eine Midlifecrisis und europäische Sehnsuchtsorte dekorieren das Setting.
Iris, Anfang 40 weiß im Leben gerade nicht wo sie steht. Ihre Freundschaft zu Katja ist anstrengend geworden. Ela kann die kränkende Freundin nicht kompensieren. Und ihre Beziehung zu Männern - puuh, schwieriges Thema! Und so reist sie auf eine griechische Insel und versucht dort in herbstlicher Stimmung ihr zerbrechendes Selbst zusammenzuhalten. Während sie neuen Menschen begegnet, die unaufgeregt mit ihr umgehen, lässt sie uns in ihre Vergangenheit blicken, die permanente Suche nach Liebe und Anerkennung, die ungeschickte Art, mit der sie Menschen begegnet, die auf mich wirkt, als wäre sie immer einen Ticken zu spät - zu spät mit Komplimenten, zu spät mit der Pointe und zu spät mit Erkenntnis. Sie hinkt ihrer eigenen Entwicklung hinterher.
Alexandra Stahl, hat ein langsames Buch geschrieben, dass einem die Ereignisse nicht Schlag auf Schlag präsentiert. Wir müssen sie uns behutsam erlesen. Das Buch erinnerte mich mehr an ein Puzzle als an eine zusammenhängende Geschichte. Erst wenn man das letzte Teil eingefügt hat, erschließt sich einem die Persönlichkeit der Protagonistin.
Stahl wählt oft unkonventionelle Methoden. Wir finden Fragmente eines Textes, den die Protagonistin findet und erfahren erst später, was wir da lesen. Linearität lässt sich zwar erkennen, hat aber keine Priorität. Und die Beziehungen, die unsere Hauptfigur zu ihren Mitmenschen aufbaut, werden oft abrupt beendet und irgendwo neu wieder aufgenommen oder auch nicht. Die Schauplätze haben in mir Sehnsüchte geweckt, gerade wenn das Wetter draußen grau und kalt ist, würde man auch gerne den Winter auf einer griechischen Insel oder einem sizilianischen Institut verbringen. Die Gelassenheit steht in einem krassen Gegensatz zu Iris ungeordnetem Leben. Das war für mich kein Buch, was ich hintereinander weg lesen konnte, sondern was ich oft zur Seite gelegt habe, um es aber dann auch wieder motiviert aufzunehmen. Was mich nicht euphorisch hat werden lassen, mich abertrotzdem befriedigt hat. Ich fand Iris einfach entdeckenswert, auch wenn der Erzählstil manchmal so kratzig daherkommt wie die Protagonistin selbst.
Die Autorin wird in der Presse als deutsche Sally Rooney bezeichnet, was ich im Ansatz sogar verstehen kann. Für mich bringt sie aber nur die positiven Seiten der irischen Autorin mit sich. So anstrengend wie Rooneys Werke fand ich das Buch nicht. Es ist gekonnt mit Beobachtungen und Erkenntnissen gefüllt. Wer so etwas mag, dem sei dieses Buch empfohlen!
"Die Katzen hatten alle Durchfall. [...] Ich roch diese kleinen Katzen immer schon, bevor ich die sah. Sie hatten verklebte Schwänze vom Durchfall, den sie in hellbraunen Schlieren über den Terrassenboden verteilten [...]." (Seite 7)
So beginnt Alexandra Stahls "Frauen, die beim Lachen sterben" und ich hatte dabei sofort diesen spezifischen verklebten Fell-Kot-Geruch in der Nase, den ich während des Lesens nie wieder richtig los geworden bin. Dabei geht es in dem Roman gar nicht primär um Katzen, sondern um Iris, die sich auf einer griechischen Insel eine mehrwöchige Auszeit nimmt (woher sie das Geld dafür nimmt, habe ich nie richtig verstanden, aber egal), um über ihr Leben nachzudenken. Vor allem über die Beziehungen zu ihren beiden Freundinnen Katja und Ela, von denen sie sich irgendwie entfremdet hat. Aber auch über die Beziehung zu ihrer Schwester und vor allem zu ihrem Ex-Partner Simon, den sie schon lange vor der Trennung (er macht Schluss) ziemlich doof fand und noch zu Beziehungszeiten eine Affäre mit einem Italiener beginnt, anstatt sich zu trennen. Ich muss gestehen, mit dieser Storyline konnte ich nicht viel anfangen und auch die eher banalen Handlungsstränge auf Griechenland konnten mich irgendwie nicht abholen. (Ich habe schon verstanden, dass die dort Beziehungen knüpfen konnte, die ihr gut taten, aber trotzdem.) Dennoch mochte ich den Roman, weil Alexandra Stahl ziemlich klug über zwischenmenschliche Beziehungen schreibt und ich mich in ihren Sätzen ziemlich oft wiederfinden konnte. Die Reflexionen über ihre Freundschaften und überhaupt über soziale Zusammenkünfte fand ich wunderbar und hätte gerne mehr darüber gelesen. Ihren fluffig-auf-den-Punkt-genauen-Schreibstil mag ich eh und somit war das insgesamt ein angenehmes Leseerlebnis, das ich weiterempfehlen kann! Nur den Katzenfellkotgeruch muss ich jetzt irgendwie wieder aus meinem Hirn bekommen!
Und am Ende bleibt noch eine Frage: Wo genau ist diese ominöse Kultur-Villa zwischen Potsdam und Werder (Havel), von der im Buch die Rede ist? Oder ist sie reine Fiktion?
Eine Frau, die eine Geschichte wie ein Mosaik erzählt. In einer wundervoll klaren, prägnanten Sprache. Ich habe Alexandra Stahls „Frauen, die beim Lachen sterben“ sehr gerne gelesen.
Die Protagonistin Iris sinniert über ihre Wahlen: Freundschaften, Liebschaften, der Beruf. Neudeutsch könnte man sie als NPC bezeichnen. Sie lebt ihr Leben wie ein ewiges Warten auf einen verspäteten Zug. Stets ein Buch in der Hand und unauffällig die anderen Passagiere beobachtend, getrieben davon sich möglichst von ihnen abzugrenzen, ansonsten ambitionslos. Ihre Studienwahl trifft sie, um sich von ihren Klassenkamerad*innen abzuheben; ihre Ernährung verlegt sie auf die Qualitätsstufe Discounter, um sich von den Kund*innen eines Bioladens abzugrenzen. Iris bricht zwei Studiengänge ab und arbeitet ohne Abschluss oder Ausbildung 20 Jahre lang als Kellnerin und Mädchen für alles bei einer Stiftung für Stipendiat*innen der Künste. Angst vor der Zukunft hat sie keine, denn man dürfe sich nicht zu ernst nehmen.
Einen Sinn bekommt Iris‘ Leben erst als der Main Charakter Katja in ihr Leben tritt. Diese wird von ihr beinahe homoerotisch verehrt. Doch Iris ergründet ihre eigene Sexualität nie tiefer, stellt sie nicht mal infrage, denn man darf sich ja nicht zu ernst nehmen. Katja und Iris erzählen sich geschönte Geschichten über ihr Leben. Katja lacht jedoch viel über andere und wenig über sich selbst. Für sie ist Iris stets eine Option, nie die erste Wahl. Dennoch bedeutet sie Iris alles. Katja möchte im Mittelpunkt stehen, muss bewundert werden. Ihre größte Angst ist es, im Alter unsichtbar zu werden. Sie macht sich nichts aus den Gefühlen ihrer Mitmenschen und gibt bloßstellende, verletzende Ratschläge, um Gespräche zu beenden.
Katja hat einen weiteren NPC adoptiert: Ela. In dieser Dreierkonstellation wird Ela belächelt. Katja macht sich über ihren Liebeskummer lustig also tut Iris es ihr gleich. Ela ist verzweifelt auf der Suche nach Sinn in ihrem Leben, wenn auch nicht so unmotiviert und selbstgerecht wie Iris. Sie ist ein herzensguter Mensch, der Iris nach Katjas großem Verrat mit allen Kräften unterstützt und nicht loyal zu ihrer längeren Freundschaft steht. Diese Leistung erkennt Iris auch zweimal kurz an als sie feststellt, dass es wohl immer Ela war (die sich wirklich für ihr Wohlergehen interessiert hat). Dennoch beschließt Iris den Kontakt zu ihr abzubrechen, da sie Elas Lebensentwurf nicht respektieren kann. Den Feminismus sonst sehr beschwörend, gibt Iris sich nämlich Mühe not like the other girls zu sein. Keine Frau in einer Beziehung. Schade für Ela, sie könnte beim Studium der Düsseldorfer Tabelle sicherlich eine gute Freundin brauchen.
Die Protagonistin betont fortlaufend, dass Menschen sich eine Geschichte über das Ende ihrer Beziehungen erzählen müssen, um sie zu verarbeiten. In Kombination mit Iris Geständnis, dass sie des Öfteren geschönte Geschichten über ihr Leben erzählt, erscheinen ein paar Szenen, die sie schildert übertrieben. Zum Beispiel als sie sich darüber auslässt, wie furchtbar Elas Partner ist, das er eine dänische Fußsohlenmassagetherapie absolvieren würde. Oder eben der große Verrat von Katja. Entweder handelt es sich hier um einen plump gestalteten Twist der Autorin oder Iris fantasiert sich den Grund für das Ende ihrer freundschaftlichen Beziehung zu Katja zusammen, so an den Haaren herbeigezogen wirkt das Ganze.
Wirklich beängstigend an diesem Buch sind alle Szenen, in denen Tiere auftauchen - meist mehr tot als lebendig. Sie sind größtenteils obskur, brutal oder traurig. Und in einem solchen Ausmaß vorhanden, dass sie sicherlich ein Stilmittel darstellen, welches ich nicht begreifen kann. Vielleicht sollen sie uns Iris Verständnis von Empathie und Moral vermitteln.
Was ich sehr an diesem Buch mag sind die fantastisch ausgearbeiteten, lebendigen Charaktere. Ich verehre den Mittelpart mit den Kurzgeschichten einer Frau, die … jedesmal eine mir so herzerwärmend nahe Frau aus unserer modernen Gesellschaft ist. Weniger mag ich die entsetzlichen Bilder welche meinen Kopf nun entstehend aus manchen Tier-Szenen bevölkern.
Ich kann das Buch empfehlen, es ist spannend in eine gänzlich andere Lebenswelt einzutauchen und einer Protagonistin zu folgen, die eigentlich keine ist, sondern nur eine Nebenfigur. Wer sich allerdings Ratschläge zur Bewältigung eigener Freundschaftskrisen erhofft ist hier falsch aufgehoben. Das Buch hält nur eine Lektion für Leser*innen bereit: Sich selbst ernst nehmen und sein Leben nicht anderen Personen widmen.
This entire review has been hidden because of spoilers.
In “Frauen, die beim Lachen sterben” von Alexandra Stahl nimmt sich die Berlinerin Iris eine Auszeit auf einer griechischen Insel. Sie nutzt die Zeit, um über ihr Leben zu reflektieren: unter anderem über ihren ehemaligen Verwaltungsjob für eine Künstlerresidenz, aber besonders über ihre zwischenmenschlichen Beziehungen. Wie konnte es dazu kommen, dass sie und ihre beiden besten Freundinnen Katja und Ela sich so fremd geworden sind? Was zeichnete ihre Freundschaft eigentlich im Kern aus? Und dann ist da noch ihr Ex-Freund Simon, mit dem sie trotz aller Differenzen so lange zusammen blieb.
Die Zeit auf der Insel und die dadurch gewonnene räumliche Distanz zu ihrem Leben in Deutschland lassen Iris auch mit einem gewissen emotionalen Abstand auf ihre Existenz blicken. In lockerer und nicht immer chronologischer Reihenfolge erzählt sie uns Lesenden Episoden aus ihrer Vergangenheit. Dies geschieht zwar vorrangig auf ernste und nachdenkliche Weise, aber auch mit einem Augenzwinkern und einer gewissen Portion Situationskomik. So ergibt sich mit jedem weiteren erhaltenen Puzzlestück ein immer klareres Bild von Iris sozialen Beziehungen. Man sinniert nicht nur gemeinsam mit Iris über ihre Freundschaften, sondern - so erging es zumindest mir - auch über die eigenen und deren Entwicklung im Laufe der Zeit. So wurde ich selbst ein bisschen melancholisch angesichts der Umstände, die Freundschaften manchmal wieder auseinander driften lässt.
Iris Urlaub auf der Insel, die Menschen, die sie dort trifft und denen sie mit der Zeit näher kommt, fand ich besonders schön geschrieben. Was sie dort erlebt, ist ein wundervolles Beispiel dafür, wie man neue Verbindungen knüpfen kann, wenn man dem Leben nur offen genug gegenübersteht.
Fazit: “Frauen, die beim Lachen sterben” ist ein einfühlsamer, ein nachdenklicher Roman über das Ende einer Freundschaft und einen Neuanfang, den ich sehr gerne gelesen habe. (4/5)
Wir lernen die Protagonistin Iris sehr gut kennen und tauchen ein in ihre Gedankenwelt, begleiten sie ein Stück und verlassen sie dann wieder. Quasi eine "Geschichte aus dem Leben". Unaufgeregt, unangestrengt und mit trockenem Humor erfrischend geschrieben.