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Gabriele Tergit. Zur Freundschaft begabt

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Die erste umfassende Biographie über die große wiederentdeckte jüdische Schriftstellerin

Wer war Gabriele Tergit, der zu Lebzeiten der literarische Erfolg verwehrt wurde und die heute als große wiederent­deckte jüdische Autorin gefeiert wird? Mit ihren so politisch mutigen wie journalistisch brillanten Gerichtsreportagen er­regte sie in der Weimarer Republik Aufsehen. Tergit war nicht nur eine couragierte Journalistin, sondern vor allem eine leidenschaftliche Schriftstellerin, die über ihr Leben und ihre Zeit berichten wollte. Das tat sie in drei großen Roma­nen, am bekanntesten davon Effingers. Sie wurde von den Nationalsozialisten gehasst, entging in der Nacht des 4. November 1933 nur knapp einer Verhaftung und musste fliehen. Doch auch im Exil, erst in Palästina, später in Lon­don, blieb sie Optimistin und baute sich mit viel Energie ein neues Leben auf.

Die Tergit­-Herausgeberin und ­-Expertin Nicole Henneberg zeichnet auf Grundlage von Hunderten von Briefen der Autorin, die glücklicherweise bis heute erhalten sind, die Biographie dieser beeindruckenden Frau nach.

423 pages, Kindle Edition

Published February 22, 2024

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April 5, 2024
REZENSION – Seit etwa zehn Jahren befasst sich die Literaturwissenschaftlerin Nicole Henneberg mit Werk und Leben der zeitlebens um ihren Erfolg gebrachten und zu Unrecht vergessenen jüdischen Schriftstellerin Gabriele Tergit (1894 bis 1982), die in jungen Jahren in Berlin als Gerichtsreporterin bekannt war. Mit der kommentierten Neuausgabe des satirischen Romans „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ (erstveröffentlicht 1932) ließ uns Henneberg im Jahr 2016 die Berliner Schriftstellerin wiederentdecken. Nach weiteren Neuausgaben wie Tergits Erinnerungen „Etwas Seltenes überhaupt“ (2018) oder ihres inzwischen zum Bestseller gewordenen zweiten Romans „Effingers“ (2019) sowie der Erstausgabe des dritten Tergit-Romans „So war's eben“ (2021) war Hennebergs Veröffentlichung einer ersten umfassenden Biografie „Gabriele Tergit. Zur Freundschaft begabt“, erschienen im Februar beim Verlag Schöffling & Co, nicht nur folgerichtig, sondern sogar notwendig, um der literarischen Gesamtleistung Gabriele Tergits erstmals umfänglich gerecht zu werden.
Nach intensiver Recherche und Sichtung von fast 50 Materialkästen im Deutschen Literaturarchiv Marbach mit umfangreicher Korrespondenz Tergits, Originalmanuskripten und wieder verworfenen Texten bringt uns Henneberg auf 400 Seiten einschließlich eines 30-seitigen Anhangs mit Quellen-, Literatur- und Namensverzeichnissen nicht nur das Leben Gabriele Tergits näher, sondern schildert auch eindrücklich deren in Flucht, Emigration, lebenslänglicher Heimatlosigkeit und fehlender Anerkennung als Schriftstellerin begründete Verzweiflung und letztlich auch Resignation.
Noch zu Kaisers Zeiten in einem Berliner Fabrikantenhaushalt geboren, arbeitete Elise Hirschmann ab 1924 unter dem Pseudonym Gabriele Tergit als Journalistin und heiratete 1928 den jüdischen Architekten Heinz Reifenberg (1894 bis 1968), Nachkomme wohlhabender Fabrikanten- und Bankiersfamilien. Deren Leben und Lebensumfeld bildete später die Grundlage ihrer stark autobiografisch geprägten Werke. Nach der Machtergreifung der Nazis konnte sich Tergit im November 1933 nur knapp ihrer Verhaftung entziehen und nach Prag entkommen. Noch im selben Jahr emigrierte sie mit ihrem Mann widerwillig nach Palästina, das für die deutsche Bildungsbürgerin kein „gelobtes Land“ war, und zog 1938 nach London, wo sie bis zu ihrem Tod (1982) lebte, nur schlecht als Journalistin und Schriftstellerin arbeiten konnte, vor allem aber viele Jahre als Sekretär (Geschäftsführerin) des Exil-PEN aktiv war, des Verbands deutschsprachiger Autoren im Ausland. Henneberg: „Die Mitglieder des Clubs bildeten ihren Freundeskreis und ersetzten zumindest ein bisschen das, was sie durch die Vertreibung verloren hatte.“
In der Nachkriegszeit besuchte Gabriele Tergit mehrmals ihre alte Heimatstadt („Der erste Zug nach Berlin“, 2000/2023), wurde aber häufig durch antisemitistische Äußerungen verschreckt. Tergit: „Hitler schwebt immer noch wie ein dunkler Geist über Deutschland.“ Dennoch versuchte sie wiederholt, als Schriftstellerin in Deutschland Anerkennung zu finden, war dies doch trotz jahrelangen Exils ihre Heimat geblieben: „Mein Leben in Berlin, das hat mich lebenslänglich geprägt.“ Doch ihr endlich veröffentlichter Roman „Effingers“ kam 1951 zur Unzeit und wurde kaum beachtet. Henneberg: „Nur wenige Buchhändler nahmen ihn überhaupt in ihr Sortiment, und die Menschen wollten von einer jüdischen Familie nichts lesen.“ Von einer Berliner Kulturdezernentin musste Tergit sich sogar sagen lassen: „Wer sind Sie überhaupt? Habe den Namen noch nie gehört.“
Auch 20 Jahre später bleibt trotz positiver Resonanz auf die Neuausgabe ihres Käsebier-Romans die erhoffte Anerkennung aus. Als sie 1977 einem Verlag das Manuskript ihres dritten Romans „So war's eben“ über die Blütezeit jüdischen Lebens anbietet, dem Deutschland viele Geistesgrößen und Mäzene verdankte, lehnt dieser eine Veröffentlichung ab: Dies sei ein „Buch für Insider, aber das werden nicht mehr sehr viele sein“. So kam es, dass dieser dritte Roman Tergits erst ein Jahr nach ihrem Tod nur in gekürzter Fassung und endlich 40 Jahre später (2021) durch Tergit-Expertin Nicole Henneberg in seiner originalen Fassung veröffentlicht wurde.
Mit den Neu- und Erstausgaben der Werke Gabriele Tergits, vor allem aber jetzt mit ihrer akribisch erarbeiteten, literarisch und historisch interessanten Tergit-Biografie hat Nicole Henneberg die jüdische Schriftstellerin nicht nur der Vergessenheit entrissen, sondern ihr das verdiente literarische Denkmal gesetzt. Wer Tergits Bücher inzwischen kennt, kommt um diese Biografie nicht herum, trägt sie doch viel zum besseren Verständnis ihrer Romane bei. Wer ihre Bücher noch nicht kennt, wird nun zweifellos zum Lesen ihrer Werke animiert. Die Biografie „Gabriele Tergit. Zur Freundschaft begabt“ ist also in jedem Fall eine unbedingt empfehlenswerte und zweifellos lohnende Lektüre.
Profile Image for Johanna Berger.
146 reviews6 followers
June 12, 2024
Wenn man Nicole Seiferts Buch „Einige Herren sagten etwas dazu“ über die Gruppe 47 gelesen hat, fällt es nicht schwer zu verstehen, warum Gabriele Tergit kein Mitglied dieser Gruppe sein wollte. „In dieser Vereinigung der prominentesten deutschen Schriftsteller mit ihrem autoritären selbstgefälligen Gestus sah sie einen Schlüssel zu Hitler“, schreibt ihre Biographin Nicole Henneberg. Nicht nur den Schriftstellern im Nachkriegsdeutschland gegenüber war sie misstrauisch. Auch in der Politik, in der Rechtsprechung, im Literaturbetrieb erkannte sie noch die alten Strukturen und blieb ihr Leben lang „moralisch dünnhäutig“, wollte auch nicht in Deutschland begraben werden.

Henneberg erzählt vom Weg Tergits entlang ihrer Werke (der drei Romane, der Sachbücher, der Feuilletons und Reportagen). Sie konnte die vielen Briefe der Autorin einsehen, die sie aus ihrem Exil an Freunde, Verwandte und Redaktionen geschrieben hatte – mit Durchschlag auf der Rückseite alter Rechnungen. Papier war auch im Londoner Exil knapp und teuer.
In der 2024 erschienen Biographie folgt man Tergit (1894-1982) vom Berlin der Kriegsjahre und der Weimarer Republik über das Exil in Palästina bis zum Exil in London. Es ist das tragische Schicksal einer unbeugsamen deutschen Journalistin und Schriftstellerin im 20. Jahrhundert.
Aufgewachsen in einer begüterten jüdischen Familie trotzt sie dem Vater das Abitur und das Studium ab. Gegen Widerstände kann sie sich in Berlin als Gerichtsreporterin und Feuilletonistin etablieren und wird mit dem satirischen Großstadtoman „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ 1931 berühmt. Dramatisch der Überfall der SA 1933, der sie dann sofort veranlasst, aus Deutschland zu fliehen, zuerst in die Tschechoslowakei, dann mit Mann und Kind nach Palästina. Sie ist keine Zionistin und fühlt sich dort als liberale deutsche Jüdin nicht wohl gelitten. Deutschsprachige Kultur fehlt ihr. Dort beginnt sie ihren berühmten Roman „Effingers“ zu schreiben. 1938 kann die Familie nach London übersiedeln. Tergit bleibt dort bis zu ihrem Tod, schreibt unermüdlich, arbeitet für den PEN, schlägt sich durch.

Im Nachkriegsdeutschland werden sie und ihr Roman abgelehnt, die Verlage wollen sie nicht. Exilschriftsteller erinnern wohl zu sehr an die deutsche Vergangenheit, die man schnell vergessen will. 1951 wird der Roman dann doch veröffentlicht und geht unter. Erst 2019 kommt der große Durchbruch. Und der ist auch ihrer Biographin und Herausgeberin Nicole Henneberg zu verdanken. Inzwischen ist der jüdische Generationenroman „Effingers“ auch im Theater angekommen.

Hennebergs Biographie ist eine spannende und informative Lektüre!
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