In der ersten Ausgabe von Delfi haben wir den Tempel betreten, seine Türen und Tore geöffnet, jetzt suchen wir nach den Opfergaben, wir suchen nach glänzendem Stoff. In den meisten Sprachen gibt es nicht nur eine, sondern zwei Bedeutungsvarianten für Fleisch. Die scheinbar zivilisierte, die sezierende, die kulinarische: viande/meat. Und die zweite, die körperliche, die niedere, die kreatürliche: chair/flesh. Fleisch ist keine Kategorie, kein Konzept, Fleisch ist in Wort und Substanz fossilisiertes Begehren. Es ist Verführung und Projektionsfläche. Fleisch schafft Sinnlichkeit, es macht die Welt für uns in Klängen, Haptik, Optik, Gerüchen und Geschmäckern wahrnehmbar.
Mit Beiträgen u.a. von Daniel Schreiber, Sasha Marianna Salzmann, Lea Schneider und Mely Kiyak.
Naja, über eine Zeitschrift eine Rezension schreiben ist vielleicht auch unnötig, weil ja so viel verschiedenes Material drin ist. Manches spricht einen eben mehr an, manches weniger. Diese Texte sind mir besonders in Erinnerung geblieben/kann ich empfehlen:
- der von Sascha Marianna Salzmann über eine Affäre, Theater, Unterwasserwesen (und das Radisson Blue) - das Joan Nestle Interview, was mich dazu inspiriert hat, mich mehr über die Feminist Sex Wars/Lesbian Sex Wars zu belesen; während ich mich bei der Prostitutions- und Pornographiedebatte dieser Auseinandersetzung immer stark auf der radikalfeministischen Seite verortet habe (und dies weiterhin tue!), habe ich gemerkt, dass die ganze Debatte, was Sexualität per se angeht, vielleicht doch komplexer ist und auch die “Gegenseite” vielleicht teilweise legitime Argumente hat? In dem Interview wurde zB thematisiert, dass zu dieser Zeit Radikalfeministinnen Butch-Femme-Beziehungen stark kritisiert hätten. Das wusste ich nicht und will mich mehr dazu belesen, weil Butch-Femme-Beziehungen als patriarchal labeln finde ich saupeinlich - Die Geschichte über Trauer, den Garten einer Großmutter und Liebe von Burçin Tetik - Die Erzählung von Mely Kiyak über Herrn Friedrichs Obsession mit der Möwenapotheke und der dort arbeitenden Apothekerin
Drei dieser Texte erzählen über lesbische Liebe oder Begehren. Ich finde es cool, dass die so viel Raum bekommen und es nicht nur ein, zwei Quoten Queer Texte oder so gibt. Die lyrischen und dramatischen Texte fand ich nicht direkt schlecht, aber super abgeholt oder in mein Gedächtnis eingebrannt haben sie sich nicht.
Ich bin gespannt aufs nächste Delfi Heft und finde dieses Projekt eine Bereicherung für den deutschen Literaturbetrieb