Geoffroy de Lagasnerie liest Kafkas „Der Prozess“ (und andere Erzählungen) als kritischen Zugang zur Analyse von Macht, Justiz sowie polizeilicher und sozialer Willkür. Er fragt, was Kafkas Bilder über unsere Gegenwart aussagen und wie sie dazu beitragen können, Polizei- und Staatsgewalt zu begreifen. Nicht allein die Willkür als Abwesenheit von Regeln, sondern ebenso das Regelsystem selbst, innerhalb dessen die Dispositive von Macht und Gesetz verhandelt werden, gilt es zu hinterfragen.
Sehr bereichernd fand ich die Verbindung von literarischem Verständnis und soziologischer Perspektive, insbesondere nachdem ich erst kürzlich den Band „Verurteilen. Der strafende Staat und die Soziologie“ (dt. 2016) desselben Autors gelesen hatte, in dem er bei seiner Kritik an der modernen Justizpraxis und staatlichen Machtausübung kein Blatt vor den Mund nimmt. Insgesamt für mich ein sehr lesenswertes Bändchen, auch wenn die Kritik, klassische literaturwissenschaftliche Deutungen würden zugunsten zeitgenössischer soziopolitischer Lesarten zurückgedrängt, nicht von der Hand zu weisen ist.