Ausgehend von Franz Kafkas großmeisterlichem Vorbild sind Thomas Lehrs Miniaturen dieses Bandes entstanden, als Variationen und Hommage, als Ergänzung und Erweiterung des Spektrums superber Alpträume und humorvoll-grotesker Visionen. Ganze Tage werden hier ohne Kopf verbracht, die sensible Schere setzt an, die den Menschen von Gott und vom Tier trennt. Mythische Sagengestalten treffen auf bizarre Zivilisationen aus anderen Galaxien, aberwitzige Fortpflanzungstechniken zeitigen haarsträubende Ergebnisse. Vom grimmigen Regime im Turm zu Babel bis zum Post-Orwell`schen Überwachungsstaat ist der Weg nicht weit in diesen auf äußerste Knappheit gebrachten sprachlichen Vexierbildern. Miniaturen aus dem 21. Jahrhundert, die den Geist Kafkas in sich tragen.
Einige nette Bilder und prinzipiell eine schöne Idee, doch leider weder ein guter Einstieg in Lehrs Prosa noch war viel von Kafkas Kraft und Humor zu spüren. Das ist zwar eine unfaire Vergleichsgröße, und als "kafkaesk" werden ja ohnehin oft scheinbar wahllos Bücher beschrieben bzw. vermarktet, doch bin ich dem Klappentext zum Kafka-Jahr 2024 wohl in die Falle getappt.
Fast jede der zehn Etüden ist vom Duktus her so stark an Erzählungen wie Schakale und Araber oder Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse angelehnt (allerdings dabei zwanglos in der Nähe des Essayistischen schwebend), dass das Lesen am Stück ermüdet und man lieber direkt zum Original greift. War ja auch irgendwie zu erwarten, naja. Lehr bekommt trotzdem noch eine Chance mit seinen größer angelegten Romanen.