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Eine feine Linie: Roman | Von Prix Goncourt-Preisträgerin Maryam Madjidi | Eine beeindruckende Geschichte weiblicher Selbstermächtigung

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Maryam ist 13 Jahre alt. Die Teenagerjahre durchlebt sie in Wut, Wut auf die Langeweile im Pariser Vorort Drancy, wo sich ihre aus dem Iran stammenden Eltern mit ihr niedergelassen haben. Wut auf die Angriffe gegen ihren widerspenstigen Körper, den sie gern eintauschen würde. In inneren Auseinandersetzungen spielt sie Möglichkeiten durch, auszureißen. Sich einer der großen Schulen anzuschließen, die eine Zukunft ermöglichen, und somit den »Königswegweg« der Bildung einzuschlagen, wie ihr Onkel Massoud es ihr rät. Das Pariser Edelgymnasium Lycée Fénelon ist die Eintrittskarte zu einer Ecole Normale Supérieure. Wird das Gras dort wirklich grüner sein?

Maryam steht als Figur stellvertretend für eine Grenzgängerin. Für ihr Bemühen, sich zu verändern und sich dabei gleichzeitig die Treue zu halten, hat die Autorin eine bezaubernde Sprache gefunden, die Witz und Ironie nicht entbehrt, aber dabei keine Krise auf die leichte Schulter nimmt.

225 pages, Kindle Edition

Published October 22, 2024

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About the author

Maryam Madjidi

5 books40 followers
Maryam Madjidi is a French-Iranian writer. She was born in Tehran in 1980, and moved with her family to France at the age of six. Her parents were communists and had been forced into exile following the Iranian revolution. She studied literature at Sorbonne University and taught French in both Beijing and Istanbul.

Her debut novel Marx et la poupée (2017) was published to widespread acclaim, receiving the Goncourt prize for first novel as well as the Ouest-France Etonnants Voyageurs novel prize. She is currently working on her second novel.

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Displaying 1 - 4 of 4 reviews
Profile Image for Literatursprechstunde .
196 reviews96 followers
April 23, 2025
„Die Eintönigkeit der Schule. Die Langeweile zu Hause. Die Ödnis in der Stadt. Überall umgab mich dieses vage, unausgesprochene Gefühl, das mir die Luft abschnürte. Eine Möglichkeit, der Ödnis zu entgehen, war das Dazwischensein. Das Versteckspiel mit Etiketten, Identitäten, Rollen.
Eine gute Schülerin, aber befreundet mit den Versagern.
Ein Banlieue Mädchen, aber ständig in Paris unterwegs.
Eine sich entwickelnde Frau, aber in Jungsklamotten. […]
Dort sein, wo man mich nicht erwartet. Nicht dort sein, wo ich erwartet werde. Nie festgelegt , immer knapp daneben, ein treibendes Boot, das nicht weiß, wo es anlegen soll, das vergeblich dem Gesang der Sirenen folgt, den ich irgendwo in meinem Kopf selbst komponiert habe. […]
Odysseus ist wieder da. Zwischen Abreise und Anreise bin ich im Glauben, der Ödnis zu entfliehen, lediglich mir selbst entflohen.“

Einen autofiktionalen Roman hat Maryam Madjidi mit „Eine feine Linie“ verfasst, der von dem Aufwachsen einer Figur namens Maryam (wie der Name der Autorin) und den Tücken des elitären Bildungssystems erzählt, durch das sie sich als Migrantin mehr schlecht als recht kämpfen muss, denn bereits ihr Wohnort Drancy in Frankreich ist mit Vorurteilen behaftet, da er sich inmitten der Banlieue befindet. Geboren wurde die Autorin im Iran, in Teheran, und als Sechsjährige flüchtete sie gemeinsam mit ihrer Familie zunächst nach Paris.

Unsere Ich-Erzählerin Maryam hadert nicht nur mit ihrer Identität und ihrer gesellschaftlichen Rolle als Ausländerin, sondern auch mit ihrem Aussehen. Vor allem ihre Haare bereiten ihr Kopfzerbrechen und sie kämpft mit deren Struktur.

„Es war eine Qual, der ich mich freiwillig unterzog. Warum? Weil ich 13 war und aussehen wollte wie Brenda in Beverly Hills. Weil ich diese Kanakenwolle verabscheute, die meine ferne Herkunft verriet. Alle Rauheiten, Unebenheiten, jede Art von Rumpeligkeit der Ausländerin, für die dieses Haar der Inbegriff war, wollte ich abschleifen, glätten, polieren.“

Aber nicht nur das, auch der vermehrte Haarwuchs an Stellen, die sie sich als Frau lieber unbehaart wünscht tritt nun in der Pubertät vermehrt zu Tage.

„Auf einen Mund wie meinen Lippenstift aufzutragen war völlig undenkbar. Wie würde das aussehen? Wie ein Mann, der sich als Frau ausgibt? Beides zugleich? Wie eine missratene orientalische Androgyne? Dieser Damenbart konterkarierte meine entstehende, noch scheue Weiblichkeit, war ein Hemmschuh für meine sexuelle Entfaltung. Er musste weg. Ich war inzwischen fast 14 und wollte eine Frau sein.“

Mit der folgenden Rasur entdeckt sie sich selbst ganz neu, erlebt sie als Erweckungserlebnis und sieht sie als eine Art Neugeburt an, die ihre Libido wachsen lässt.

Nun kommen wir zu der Passage bzw. dem Umstand, auf den der Romantitel „Eine feine Linie“ zurückzuführen ist.

„So, wie ich gleichzeitig Französin und Iranerin war, und im Grunde keines von beiden. Dieses Dazwischen, dieser changierende, wabernde, unentschiedene Zustand machte mich verrückt. Ich war 16 und brauchte eine klare Trennlinie.“

Maryam struggelt mit ihrer eigenen Identität und Kultur, fühlt sich nirgendwo richtig zugehörig und ersehnt sich eine klarere Abgrenzung - aber eine feine Linie ist das, was sie abgrenzt von einer Französin zur Iranerin, denn sie vereint beide Kulturen in sich.

Auch gesellschaftlich fällt es ihr schwer sich zu positionieren, bzw. sich mit ihrer sozialen Rolle zu identifizieren und so macht sie ihren Vater in Gesprächen gerne vom Bauarbeiter, der er ist, gerne mal zum prestigeträchtigeren Innenarchitekten und ihre Mutter, eine Pflegehelferin, zur studierten Krankenschwester.

Maryam ist besonders intelligent und so darf sie auf eine Schule für speziell Begabte wechseln, allerdings auch nur aufgrund einer Quote, für die sie die Kriterien als Migrantin erfüllt, eigentlich ist diese Art Bildung den finanziell besser gestellten vorbehalten. Dort fühlt sie sich zum ersten Mal angekommen, denn hier verspürt sie Dank feinfühliger Lehrer, die sich ihr annehmen, Lust aufs Lernen und Weiterkommen, trotz ihrer sozialen Herkunft. Noten sieht sie lediglich als Mittel zum Zweck um irgendwann auf die andere Seite der Pariser Ringautobahn zu gelangen und teilt somit freigiebig ihre Lösungen und Hausaufgaben mit anderen Schülern.

„Ich war eine Robin Hood des Schulwesens. Eine Kommunistin des Wissens. Ich gab großzügig ab, verteilte es an jene, die es nötig hatten.“

Sie flüchtet sich gerne in Literatur, lebt in ihren Büchern und überträgt die Geschichten in Situationen ihres Lebens.

„Es war, als wäre ich in Zolas Totschläger oder in Hugos Elenden gelandet. Damals verschlang ich gerade die realistischen und naturalistischen Romane des 19. Jahrhunderts, und dies hier vor mir war die lebendig gewordene Lektüre.“

Ich könnte noch lange so weiterschreiben, noch viel mehr Zitate in meine Rezension einfügen, denn es gibt in diesem Buch unglaublich viele zitierungswürdige Stellen. Aber nun mache ich Schluss und kann Euch nur raten: Lest es, denn sowohl das Werk, als auch die Autorin haben viel mehr Aufmerksamkeit verdient. Für ihr Debüt „Du springst, ich falle“ bekam Maryam Madjidi 2017 den Prix Goncourt für den besten französischen Debütroman - ist klar, dass ich das Buch nun unbedingt lesen muss, oder?! Die Prix Goncourt Gewinner-Bücher haben mich bisher noch nie enttäuscht, ich freue mich drauf und werde Euch natürlich meinen Leseeindruck hier berichten.
Profile Image for Tobias.
86 reviews10 followers
June 9, 2025
Aus dem Französischen von Sophia Marzolff

Maryam Madjidi nimmt uns in ihrem autobiografischen Roman mit in die Außenbezirke Paris und ihr Erleben und ihr Großwerden in diesen Orten, die so wenig Hoffnung geben und so wenig Möglichkeiten bieten.

Maryam nimmt uns mit auf eine Reise von Herausforderungen bedingt durch den sozialen Stand, die Herkunft und dem Aufwachsen in einer migrantischen Arbeiter:innenfamilie.

Die Autorin spielt wundervoll mit ihren Worten in Härte und Sanftmut, in geradeheraus formulierten Wünschen und dem Chaos im Kopf einer Teenagerin.

Absolute Leseempfehlung von mir für dieses starke Buch.

„Es war eine Qual, der ich mich freiwillig unterzog. Warum? Weil ich 13 war und aussehen wollte wie Brenda in Beverly Hills. […] Alle Rauheiten, Unebenheiten, jede Art von Rumpeligkeit der Ausländerin, für die dieses Haar der Inbegriff war, wollte ich abschleifen, glätten, polieren.“ (Seite 22)

„Die Monobraue gehört zum Schönheitskanon der persischen Frau. Man findet sie bei den weiblichen Figuren in der Miniaturmalerei oder auch auf anderen Bildern. […] Frida Kahlo hatte ihr ganz neuen Ruhm verschafft, aber ich war nicht Frida Kahlo. Ich war ein junges Mädchen mit dem heftigen Wunsch, dem westlichen Schönheitsideal zu entsprechen, ein Opfer amerikanischer TV-Serien.“ (Seite 24)

„Vielleicht war ich das ja, androgyn. Gleichzeitig Mann und Frau oder auch: weder eins noch das andere. So, wie ich gleichzeitig Französin und Iranerin war und im Grunde keines von beiden. Dieses Dazwischen, dieser changierende, wabernde, unentschiedene Zustand machte mich verrückt. Ich war 16 und brauchte eine klare Trennlinie.“ (Seite 35)

„Du zwangst mich, mir ein Gegengift zur Langeweile zu suchen. Zwangst mich, die Leere zu füllen. Brachtest mir bei, meine Einsamkeit zu lieben und zu suchen. Ich schulde dir etwas.“ (Seite 39f.)

„[…] Sie war der Beweis, dass das Recht des Stärkeren, das gewaltvolle Recht der Männer, immer gewinnt. Dass Drohungen, Einschüchterungen und Angst den Sieg davontragen. Mich widerte das an.“ (Seite 62)

„Ich blieb die beiden Sommermonate in Drancy. In einem verlassenen, ausgestorbenen Drancy […]In dieser leeren Stadt blieben als Einzige die, für die Urlaub ein unerschwinglicher Luxus bedeutete.“ (Seite 73)

„Zwischen Abreise und Ankunft bin ich im Glauben, der Ödnis zu entfliehen, lediglich mir selbst entflohen.“ (Seite 157)
Profile Image for Lea.
232 reviews30 followers
January 12, 2025
In "Eine feine Linie" begleiten wir die 13-jährige Maryam, die mit ihrer Familie aus dem Iran nach Frankreich geflohen ist. In Drancy, einem trostlosen Vorort von Paris, erlebt sie die Herausforderungen des Aufwachsens zwischen zwei Kulturen. Maryam fühlt sich fremd – ihr Körper, ihre Herkunft und ihre Kleidung unterscheiden sie von ihren französischen Mitschüler:innen. Die Teenagerjahre sind geprägt von Wut, Selbstzweifeln und dem unermüdlichen Wunsch, gesellschaftliche Akzeptanz durch Bildung zu erlangen. Ihr Weg führt sie schließlich auf das Lycée Fénelon, eine angesehene Eliteschule, die sie aus ihrem sozialen Umfeld herauskatapultieren soll – doch auch hier prallen ihre Erwartungen und die Realität schmerzhaft aufeinander. 📖✏️

Maryam Madjidi erzählt die Geschichte mit einer klaren Sprache, die Witz und Ironie ziemlich gut mit tiefgründigen Themen verknüpft. Die episodenhafte Struktur ermöglicht es, verschiedene Facetten von Maryams Leben einzufangen – von schmerzhaften Momenten bis zu hoffnungsvollen Augenblicken. Besonders eindrucksvoll fand ich die Passagen, in denen die erwachsene Maryam reflektierend zu Wort kommt. Diese Perspektivwechsel verleihen dem Roman zusätzliche Tiefe und haben mich zum Nachdenken über Themen wie Identität, Integration und gesellschaftliche Ungleichheit gebracht. 🖋️✨

Maryam ist eine vielschichtige Protagonistin, deren Gedankenwelt und innere Konflikte realistisch und berührend dargestellt werden. Ihre Wut, ihr Ehrgeiz und ihre Selbstzweifel machen sie nahbar und glaubwürdig. Einige Charaktere, insbesondere aus ihrem Umfeld an der Eliteschule, bleiben leider etwas blass. 👩‍🎓💭

Diese Coming-of-Age-Geschichte setzt sich zentral mit den Themen Migration, Klassismus und Körperbild auseinander. Während der erste Teil des Romans, der Maryams Kindheit und Jugend in Drancy schildert, gut ausgearbeitet ist, wirkte der Übergang zu ihrer Zeit an der Eliteschule etwas gehetzt. Hier hätte ich mir mehr Tiefgang gewünscht, um die Diskrepanz zwischen Maryams Erwartungen und der Realität noch stärker mitfühlen zu können. 📚🕰️

Der Roman hat mich nachdenklich gestimmt und mir einmal mehr vor Augen geführt, wie prägend Herkunft und soziale Umstände für den Lebensweg eines Menschen sein können. Maryams Kampf um Selbstakzeptanz und die Suche nach einem Platz in der Gesellschaft sind Aspekte, die mich wirklich berührt haben. Besonders die Reflexionen der erwachsenen Maryam haben bei mir nachgeklungen, da sie eine Verbindung zwischen persönlicher Erfahrung und gesellschaftlichem Kontext herstellen. 🌍❤️

Fazit: Auch wenn einige Passagen etwas oberflächlich bleiben, hinterlässt die Geschichte einen bleibenden Eindruck. Das Buch empfehle ich Leser:innen, die sich für Geschichten über Migration, Identität und gesellschaftliche Ungleichheit interessieren – oder einfach für alle, die einen Blick in die Lebenswelt einer jungen Frau zwischen zwei Kulturen werfen möchten. ⭐⭐⭐⭐

Danke an HarperCollins für das Rezensionsexemplar.
Profile Image for Franziska Dreßler.
140 reviews
January 24, 2025
In diesem autobiografischen Roman erzählt Maryam von ihrem Aufwachsen in einer Welt, in der man immer der Außenseiter sein wird- durch ein anderes Aussehen, eine andere Kultur, eine andere Religion. Mit 6 Jahren kommt sie aus den Iran nach Frankreich und hat Zeit ihrer Jugend das Gefühl nie dazuzugehören, obwohl sie doch genau das will. Französischer aussehen, als eine Französin wahrgenommen werden und die gleichen Chancen haben.

Schnell bemerkt sie, dass diese Gleichheit nirgendwo gegebenen ist, besonders nicht in der Schulbildung. So berichtet sie von den verschiedenen Schulen, dem Mobbing, der Ausgrenzung- auch durch Lehrer- und dem Gefühl, dass auch das Niveau deiner Bildung von deinem gesellschaftlichen und finanziellen Status abhängt.
Dabei dringen wir tief in die Banlieues ein, den französischen Sozialsiedlungen, und hören den poetischen Ausführungen zu, die Tiefe und Emotion in diesen Roman bringen.

Ein kleiner Wermutstropfen ist aber für mich, dass Maryams Zeit auf dem Elite-Gymnasium gerade einmal die ca. 30 letzten Seiten ausmacht. Wird doch genau diese im Klappentext als Hauptinhalt suggeriert, hatte ich hier als Leserin die wenigstens Einblicke. Schade, denn genau das hätte mich doch sehr interessiert.

Trotzdem ein berührender coming-of-age Roman, der tiefe Einblicke in die feine Linie zwischen Herkunft und Wunschbild mit sich bringt.
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