Der Versuch einer Tochter, am Erbe der Mutter nicht zu ersticken
Als Marlen Hobrack sich daranmacht, den Nachlass ihrer Mutter zu bewältigen, winkt ihr kein Einfamilienhäuschen, keine hübsche Altbauwohnung. Sondern ein Berg von Schulden und Dingen, die am Lebensende einer Arbeiterin Steppdecken, Vitaminpräparate, Putzmittel, Fotos. Wie in Chiffren hat sich ihre Mutter in sie eingeschrieben.
Analytisch und radikal ehrlich legt Marlen Hobrack die Tiefenschichten ihrer Mutter frei – auch in sich selbst – und stellt gesellschaftliche Fragen, die uns alle Was verraten die Dinge, die Menschen horten, über das, was sie im Leben wirklich brauchen? Bewältigen Frauen ihre Traumata durch Konsumsucht? Wie schreibt sich das Trauma unserer Eltern durch ein Erbe in uns fort?
Dieses Buch ist ein doppelter Verrat. Ein Verrat an der Ikone der Mutter und an den Ikonen der Konsumgüter, die uns ein Leben lang begleiten – um uns nach unserem Tod auf gemeinste Weise bloßzustellen.
Wahnsinnig eingängiger Text, der im Wesentlichen von der Mutter-Tochter-Beziehung der Autorin in der Rolle der Tochter handelt. Flankiert von sehr lesenswerten Überlegungen zu Erben, Körper, Kapitalismus und Klassenkampf. Wie von Marlen Hobrack üblich mit vielen Referenzen zu Literatur und Autor:innen. Das Buch hat mich absolut vereinnahmt. Eine Debatte wert ist für mich die Frage, inwieweit es in Ordnung war, dieses Buch zu schreiben. Der Schluss des Buches ist extrem stark und super gut gelungen.
„Das Erbgut ist diese Angst: Wie viel meiner Mutter steckt in mir? Werde ich sein, wie meine Mutter gewesen ist?“
Ich beende dieses Buch und muss tief durchatmen. Marlen Hobrack ist ehrlich, direkt und bringt mich mit „Erbgut“ zum Weinen, denn viele der von ihr beschriebenen Situationen kommen mir äußerst bekannt vor und so habe ich Angst, dass sie Dinge ausspricht, die ich schon lange vermeide.
Hobrack schreibt von ihrer komplizierten Mutter-Tochter-Beziehung, der Parentifizierung und von der damit zusammenhängenden Abgrenzung im Erwachsenenalter. Nach dem Tod ihrer Mutter muss sich Hobrack all diesen Gefühlen, aber vor allem den Dingen, die ihre Mutter zurückgelassen hat, stellen. Die Überforderung der Mutter mit ihrem Kindheitstrauma, der eigenen Vergangenheit, der Lieblosigkeit ihrer Mutter und auch der räumlichen Ordnung überträgt sich nach dem Tod auf Hobrack. Sie ist wie eine Last, die sie Schicht für Schicht zu bewältigen versucht. Dabei fragt sie sich immer wieder, ob ihre Art des Trauerns falsch, nicht ausreichend ist oder ob sie sie zu einem späteren Zeitpunkt einholen wird.
Sie beschreibt ganz deutlich, welche Last auf einem parentifizierten Kind liegt, und das nicht nur ein Leben lang, sondern auch darüber hinaus. Die Wut über das Verhalten und das nicht existierende Verständnis wird bei Hobrack sehr deutlich, aber sie muss sich auch eingestehen: mit der Beerdigung der Mutter wird auch die Möglichkeit einer harmonischen Beziehung begraben. Und diese Erkenntnis sitzt tief.
Jedes Wort in diesem Buch von Marlen Hobrack ist sorgfältig gewählt. Mit ihrer direkten Art, ihrer Ehrlichkeit und großem Maß an Selbstreflexion regt sie mich zum Nachdenken an und schafft es gleichzeitig, mich sprachlos zu machen. Es ist ganz deutlich: die nicht vorhandene Liebe oder emotionale Nähe, auch nur eines Elternteils, wird sich bei einem Kind in einer Form bemerkbar machen.
Dieses Buch ist ein absolutes Highlight und ich empfehle es ausdrücklich jeder Person, die ein schwieriges Verhältnis zur eigenen Mutter hat.
Dieses Buch hat mich dazu gebracht, meine Kleiderschränke auszusortieren und gnädiger mit meinen Eltern zu sein, zu zuhören statt alles besser wissen zu wollen.
Sehr lesbar geschrieben, lehrreich, dicht … und dennoch habe ich mich bei der Lektüre unwohl gefühlt … weil mich der Text zur Voyeurin macht? weil er uneindeutig changiert zwischen kultursoziologischer Analyse, psychoanalytischer Deutung und akademischer Referenz, zwischen Erzählung und Reflexion? – Erst fragte ich mich, ob es daran liegt, dass ich aus einer anderen sozialen Schicht stamme, aus einer anderen Klasse (dem Bildungsbürgertum, in dem nicht wie im beschriebenen Fall unnütze Dinge in sinnlosen Mengen gehortet werden, sondern erlesen Wertiges vererbt wird, über Generationen), einem anderen Land und einer anderen Generation und ich so gar nicht kenne, wovon die Rede ist. Dann erkannte ich in der Mutter der Autorin meinen Vater, der zwar nicht im selben Ausmass, aber in der Art doch vergleichbar, vor allem in seinen letzten Jahren Dinge bestellt und angesammelt hat, ohne sie zu brauchen. Diese Erkenntnis hat mich traurig gemacht. Vielleicht doch vier Sterne? Weil es ein Buch ist, das schonungslos hinschaut und gleichzeitig mit grösster Sorgfalt über das Sichtbare (und das Unsichtbare) nachdenkt.
"In unserer Gesellschaft kann die Mutter es niemandem recht machen, sie ist zu viel oder zu wenig, zu fürsorglich oder zu sorglos, sie arbeitet zu viel oder zu wenig. Endet jedoch die aktive Phase des Mutterseins, sollen wir die Mutter verehren, als Heilige auf einen Sockel hieven; nun ist sie unantastbar, weil sie sich für uns aufgeopfert hat. Die Zuerkennung des Status de Heiligen soll sie rückwirkend entschädigen für Jahrzehnte der Prüfung."
"»Wenn in drei Überkreuzungen von Ideen, die dem Subjekt kommen, ein und dasselbe Wort anzutreffen ist, werden Sie erkennen, dass genau dieses Wort und kein anderes wichtig ist.«“
"Nach Roland Barthes besitzt eine Fotografie ein punctum, ein bestechendes Detail, das Bedeutung trägt und die spezifische Bedeutung dieses Bildes transportiert, ohne das klar wäre, auf welches symbolische System es sich bezieht: »Es ist eine Zutat, es ist das, was ich dem Photo hinzufüge und was dennoch schon da ist.« Das punctum eröffnet den Wahrnehmungsraum des Bildes, weg von der schieren Ikonizität, der Spur, dem Zeichen, dass etwas da gewesen ist, das nun abgebildet ist. »Das punctum weckt in mir ein großes Wohlwollen, fast Rührung.« Oder ein Unbehagen?“
"»Tragischerweise sind die Wohlhabenden und die Armen oft durch ihre gemeinsame Obsession für Konsum innerhalb der kapitalistischen Kultur verbunden. Häufig sind die Armen stärker von exzessivem Konsumverhalten betroffen, weil sie am anfälligsten für die mächtigen Botschaften der Medien und unseres Lebens im Allgemeinen sind, die suggerieren, dass der einzige Weg, der Schande einer bestimmten Klassenzugehörigkeit zu entgehen, in unübersehbarem Konsum liege«, schreibt bell hooks in Die Bedeutung von Klasse. "
"Zu einem der wichtigsten therapeutischen Instrumente bei der Therapie der Kaufsucht gehört die 24-Stunden-Regel: Jeder Konsumimpuls soll 24 Stunden aufgeschoben werden. Je mehr Zeit zwischen Impuls und Handlung vergeht, desto mehr Zeit bleibt den Betroffenen, den Kauf rational abzuwägen. Mehr noch: Verhaltenssüchte dienen ja gerade der Ad-hoc-Regulierung unangenehmer Gefühlszustände; ist etwas Zeit vergangen, konnte das Gefühl womöglich anderweitig abreagiert werden."
"YouTuber Wolfgang M. Schmitt und Soziologe Ole Nymoen staunen in ihrem Buch Influencer: »Es ist, als hätten Millionen junge Zuschauer Teleshopping-Kanäle zu ihren liebsten Fernsehsendern erkoren.« Darüber kann man sich wundern; allerdings nur, wenn man ausblendet, dass die Shoppingkanäle Milliardenumsätze machen (allein 2,1 Milliarden in 2022). QVC verfügt nach eigenen Angaben über 1,7 Millionen aktive Kunden. Was Influencer und die Verkäufer im TV gemein haben, ist ihre tägliche Präsenz (im Falle des Fernsehens sind es feste Zeiten, zu denen man einschalten oder besser noch: aufnehmen kann, so wie es meine Mutter tat). Der Influencer steigert die Sache noch, wenn er rund um die Uhr sendet."
"Soweit ich es überblicken kann, gibt es für das Teleshopping keine vergleichbaren kulturwissenschaftlichen oder soziologischen Untersuchungen, wie sie für die Werbung im Allgemeinen oder die Influencer existieren. Diese Phänomene werden stets als Symptom oder Ausdruck der allgemeinen Konsumkultur gelesen und in diesem Sinne kritisiert. Gut möglich, dass das Desinteresse am Homeshopping mit dem Kundenstamm zu tun hat: der Gruppe der älteren Frauen. Die konsumieren ja in aller Regel in der häuslichen Einsamkeit, so wird das Phänomen eher als amüsante Tatsache am Rande wahrgenommen."
"Es entsteht ein Konsumdreieck, bei dem die Werbefigur als Verkörperung des Produktes erscheint und eine symbolische Tauschbeziehung entsteht: Wer dasselbe Produkt konsumiert, wird das begehrte Objekt. Das begehrte Objekt ist aber nicht die Ware, sondern die Person."
„Im Sinne Judith Butlers gibt es kein Geschlecht ohne Geschlechterperformance: Geschlecht ist Performance, artikuliert und stabilisiert sich täglich aufs Neue durch ungezählte Handlungen, Symbole und Botschaften. Es ist in diesem Sinne kein bloßes körperliches Faktum, sondern das Produkt von Diskursen."
"Gegenstände wie Keramikkatzen, Porzellanpuppen und Plastikkerzen haben zwar keinen Nutzen, erfüllen aber die menschliche Sehnsucht nach Schmuck, dem Nicht-Nützlichen, das lediglich dekorativ ist (obwohl das, was der eine dekorativ findet, für den anderen nicht schön sein muss), auch nach »Cuteness«. Die Kulturwissenschaftlerin Annekathrin Kohout verweist darauf, dass Cuteness ein spezielles Gefühl auslöst: dass man den süßen Gegenstand umarmen, küssen, sich symbolisch einverleiben möchte.“
"Die Anwesenheit der Dinge und die Abwesenheit des Körpers. Die ungeheure Fülle und schiere Masse der Dinge, die mich umgeben, im Vergleich zur Leere, die ihre Abwesenheit erzeugt. Ihre Anwesenheit in der Abwesenheit - hat der Hort damit bereits seine Absicht erreicht?"
"Schöner Körper, schöner Geist. Schöne Familie, schönes Haus. Schönheit, Erfolg und Güte - Dünnsein ist ein Glücksversprechen."
Als ihre Mutter stirbt, ist Marlen Hobrack mit dem Nachlass allein. Ihre Geschwister ziehen sich wie früher schon aus der Verantwortung zurück. Schon als Kind und später als Jugendliche war sie es, die sich um die Mutter gekümmert hat, Jetzt kümmert sie sich um die Dinge, die die Mutter jahrelang angehäuft hat.
Eine Wohnung von einem geliebten Menschen aufzulösen, ist eine schwere Aufgabe. Aber wie ist es, wenn das Verhältnis zu diesem Menschen alles andere als leicht war? Die ihr dazu noch eine Wohnung voller Krempel hinterlässt? Die Mutter hat jahrelang immer wieder Dinge gekauft, die sie nie verwendet hat. Selbst als das Geld knapp war, hat sie immer weiter bestellt und sich in Verträge reden lassen. Aber wie groß das Ausmaß war, erkennt Marlen erst jetzt.
Es geht in diesem Buch nicht darum, dass die Mutter jahrelang gehortet hat. Das war nur ein Symptom für etwas, über das sie sich nie klar werden konnte oder wollte. Auch Marlen will diese Gründe nicht verstehen. Sie kann die Jahre nicht ungeschehen machen, aber sie hofft, sich so mit der toten Mutter versöhnen zu können.
Während sich Marlen Hobrack Stück für Stück durch die Sachen ihrer Mutter arbeitet, arbeitet sie sich auch durch ihre Erinnerungen, denn vieles von dem, was sie findet, erinnert sie an eine bestimmte Situation in ihrem Leben. Dadurch erkennt sie, wie ähnlich sie ihrer Mutter in manchen Dingen ist. Aber bei allen Gemeinsamkeiten lebt sie doch ein ganz unterschiedliches Leben. Das Aufräumen ist zwar keine Versöhnung, aber zumindest ein Abschluss.
Als Marlen Hobrack den Nachlass ihrer Mutter ordnet, steht sie nicht nur vor der Aufgabe, eine Wohnung voller angesammelter Dinge zu entrümpeln, sondern auch vor der Herausforderung, sich mit einer komplizierten Mutter-Tochter-Beziehung auseinanderzusetzen. Schon in ihrer Jugend war sie es, die Verantwortung übernommen hatte, während ihre Geschwister sich zurückzogen. Nun, Jahre später, wird ihr das ganze Ausmaß des Lebens ihrer Mutter deutlich – ein Leben geprägt von unkontrollierten Käufen und einem Drang, Dinge zu horten, auch als die finanziellen Mittel längst nicht mehr ausreichten.
Doch das Buch ist weit mehr als eine bloße Beschreibung von Entrümpelungsarbeiten. Hobrack nutzt den Prozess des Aufräumens, um tief in die Vergangenheit einzutauchen. Sie reflektiert nicht nur die Käufe ihrer Mutter, die als Symptom einer inneren Leere erscheinen, sondern setzt sich auch mit sozialen und ökonomischen Mechanismen auseinander – Themen wie Konsumzwang, Klassenkampf und die Spätfolgen der DDR-Zeit spielen dabei eine zentrale Rolle. Gleichzeitig wird deutlich, wie ähnlich sie ihrer Mutter in einigen Aspekten ist, obwohl ihr Leben einen ganz anderen Verlauf genommen hat.
Mit scharfsinnigen Beobachtungen und literarischen Referenzen angereichert, wird das Buch zu einem introspektiven Werk, das sowohl als Selbstfindungsgeschichte als auch als gesellschaftskritische Analyse gelesen werden kann. Besonders beeindruckend ist der Schluss, der kraftvoll und meisterhaft gestaltet ist und den Leser zum Nachdenken anregt. Trotz gelegentlich redundanter Passagen – die möglicherweise als Stilmittel dienen – bleibt Hobracks Werk durchgehend fesselnd.
Vergleiche mit ähnlichen Büchern wie Susannah Walkers „Was bleibt“ zeigen, dass dieses Thema eine universelle Dimension hat, die viele Leser berührt. Es lädt dazu ein, über den Umgang mit Erbe und Hinterlassenschaften nachzudenken und sich der Frage zu stellen, wie diese Prozesse unser eigenes Leben beeinflussen. Ein Buch, das nicht nur emotional bewegt, sondern auch auf intellektueller Ebene überzeugt.
Ein intelligenter, belesener Freund verblüffte mich einmal mit der Aussage, Romane seien für ihn nur gut, wenn er sich mit dem Helden identifizieren könne. Vielleicht wollte er ja auch nur ein bisschen provozieren. Jedenfalls fiel mir das wieder ein, als ich mich entschloss, Marlen Hobracks Buch, in dem sie beschreibt, wie sie den Nachlass ihrer Mutter auflöst, fünf Sterne zu spendieren. Ich nahm das Buch nämlich sehr persönlich. Die ganze Zeit über war ich beim Lesen total aufgewühlt, ich habe danach sofort eine Schublade aufgeräumt und die Bankauszüge von 2017 weggeworfen! Aber 'Spaß' beiseite. Ich las das Buch gewissermaßen aus zwei Perspektiven – aus der der Tochter und der der Mutter, wobei ich Mutter im übertragenen Sinne meine, denn ich bin keine, bin nur, tja, eben - alt. Ich habe keine Tochter, die mir hinterherräumen wird, Wenn ich's mir recht überlege, habe ich sogar überhaupt niemanden, der das freiwillig erledigen wird, also muss ich selber ran. Death Cleaning nennt man das. Leider überkommen mich die Aufräum-Anfälle nur so halbjährlich, und Schubladen gibt’s mehr als mir noch verbleibende halbe Jahre. Aber ich schweife ab. Marlen Hobrack lässt uns nicht nur am Verlauf des Ordnung-Schaffens teilhaben, sie beschreibt diese Zeit auch als einen Prozess der Selbstfindung. Ihre Mutter war kein Messie, sie war eine Horterin, sie war, aus der DDR stammend, nach der Wende dem Konsumangebot des Westens hilflos ausgeliefert, was natürlich auch einer Disposition bedarf. Manchmal neigt die Autorin vielleicht zu etwas redundantem Erzählen, aber wer weiß, vielleicht ist es sogar als Stilmittel gedacht, was bei dem Thema nicht so abwegig wäre. Mir fiel gerade ein ähnliches Buch ein, das ich vor zwei Jahren ebenfalls mit großer Anteilnahme las – von Susannah Walker "Was bleibt: Über die Dinge, die wir zurücklassen“. Da geht’s aber richtig zur Sache, wir begeben uns nämlich in eine echte Messie-Hölle. Ich bezichtigte die Autorin auch der Redundanz, das Thema scheint tatsächlich dazu herauszufordern.
Was ich erwartet habe: Option A) Eine analytische Auseinandersetzung mit Mutters Horten oder Option B) Eine literarische Annäherung an das Thema mit entsprechenden Brechungen oder Option C) Eine Mischung aus A und B.
Was ich gelesen habe: Ungeordnete persönliche Erlebnisse, Gefühle, Charakterzüge des Ichs, Erklärungen für Mutters Verhalten in Form von persönlichen Erlebnissen, Gefühlen und Charakterzügen. Irgendwie alles auch in den falschen Schubläden.