Ein schüchterner Neunzehnjähriger, Dienst in der Psychiatrie; überraschend langweilige Psychosen, echte Risiken und Elektroschocks. Und dann kommt Anne Schmidt auf die Station. Die Patientin ist gefährlich wie ein Sturm, aber sie zieht den jungen Pfleger in ihren Bann. Es sind die Tage der Tschernobyl-Katastrophe im April 1986, da läuft Anne bei einem Spaziergang davon. Als der Junge sie einfängt, fleht sie ihn an, sie laufen zu lassen, beschwört in seinen Armen ihre Genesung. Gegen alle Regeln lässt er sie gehen, um sie gleich am Abend wiederzusehen. Der kurze Frühling ihrer verbotenen Liebe beginnt.
Markus Berges erzählt von der Freiheit und ihren Exzessen, vom Jungsein als dem Ort des ersten, größten Glücks – und dessen Preis.
Wenn einem ein guter Freund, mit dem man schon in Jugendjahren literarische Erlebnisse geteilt hat ein Buch empfiehlt, dann liest man es ohne Wenn und Aber. Wie schön, dass dieses Buch genau in der Zeit spielt, in der wir im Religionsunterricht ein Pult geteilt haben.
Allein der Protagonist ist ein wenig älter, als wir damals waren. 19 ist der nicht näher benannte, stark übergewichtige junge Mann, und in einer Umbruchszeit seines Lebens angekommen. Nach dem Abitur sind alle Klassenkameraden versprengt, und er entscheidet sich ein FSJ in der „Hülle“ zu absolvieren, der ansässigen psychiatrischen Klinik. Dort lernt er eine Patientin kennen, die eine unheilige Faszination auf ihn ausübt. Die schwer erkrankte junge Frau, ist ein Magnet mit zwei Polen: Sie zieht ihn an und stößt ihn wieder weg. Doch unser Protagonist ist sehr verliebt und macht vieles, was auf den ersten Blick sehr dumm erscheint. Aber Hormone und Schmetterlinge im Bauch lassen Menschen nicht besonders klug handeln.
Berges lässt uns ins Jahr 86 herein blicken, das Jahr der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, dass Leute meines Alters nur zu gut nachfühlen können. Man ist noch Kind und schon erwachsen. Die Eltern mutieren zu lächerlichen Hinterwäldlern und man strebt nach Neuem, Anderem, irgendwas, mit dem man sich abgrenzt von der piefigen Familie. Dabei versucht man Fuß zu fassen, im Reich der Erwachsenen und trotzdem cool zu bleiben. Der Alltag der Klinik ist für die damaligen Verhältnisse realistisch dargestellt und überhaupt, die 80er sind so atmosphärisch getroffen, dass man sich zurückgebeamt fühlt. Der schwer verliebte AntiHeld der Geschichte wandelt sich vom nicht ganz so hässlichen Entlein zum nicht ganz so hübschen Schwan, macht aber in dem einen Jahr eine außerordentliche Entwicklung durch. Und das ist sehr realistisch, denn viele Menschen haben sich in einem sozialen Jahr vom pubertierenden Schüler zum Erwachsenen gewandelt
Die Hilflosigkeit, mit der er seiner Verliebtheit begegnet, hat, sich sehr intensiv angefühlt und ist jederzeit nachvollziehbar auch wenn man heute manchmal nur mit dem Kopf schütteln möchte. Mit 19 war man aber so blöd! Die Abnabelung von den Eltern fühlt sich ebenfalls sehr realistisch an. Ein gelungener Coming of Age Roman, voller Kindheit und Jugend, Musik und Orientierungslosigkeit, gespickt mit ein bisschen Levis Werbung, Desinfektionsmittel und dem Geschmack von süßem Wein und verrückter Liebe.
Berges verschenkt hier eine Reihe von Chancen, dieser Coming-of-Age-Geschichte gewichtigere Substanz zu geben. Dies hätte z.B. die Psychiatriereform der 70er und 80er Jahre sein können, die aber nur an einer Stelle kurz anklingt. Ein tieferer Einblick in psychiatrische Erkrankungen wäre auch interessant gewesen. Stattdessen bleiben eigentlich alle Patienten sehr blass. Eine motivierte Analyse der Machtverhältnisse und der Verantwortung in solchen Einrichtungen. Oder mehr zur deutschen Gesellschaft während des Tschernobyl-Unglücks. Ernstere (oder überhaupt) Konsequenzen für problematisches Verhalten des Protagonisten mit der Chance für eine menschliche Entwicklung.
Pluspunkte hat der Roman gesammelt, weil Berges zwei beliebte Fehler vermeidet:
Ich finde, dass Buch zeigt einen guten Einblick in die teilweise sehr verworrene Liebeswelt. Man kann sich sehr gut in die Welt des Protagonisten versetzen und fühlt wie sich die eigenen Erfahrungen und das Buch verschmelzen.