KONEFFKE, Jan: „Im Schatten zweier Sommer“, Berlin 2024
Literaturveranstaltungen bringen leseinteressierte Menschen auf neue Bücher. So war es bei „Literatur & Wein“ im Stift Göttweig. Die Veranstalter hatten den bei uns weniger bekannten Dichter Jan Koneffke geladen. Er las aus einem Buch, das sich mit dem großartigen Schriftsteller Joseph Roth beschäftigt, wobei die Hauptfigur, die eben über Roth erzählt, die Tochter eines Wiener Schuhmachers – genannt Fanny – ist.
Koneffke stammt aus Deutschland, hat einige Jahre in Rom gewohnt und auf Grund seiner Ehefrau pendelt er zwischen Wien und Bukarest. Im Haus, in dem er in Wien wohnt, hatte Joseph Roth sein erstes Jahr verbracht, nachdem er aus Brody gekommen war. Das inspirierte Koneffke zu dem vorliegenden Roman. Ja, es ist ein Roman und es ist manchmal schwer zu unterscheiden, ob es sich um eine Dokumentation über Joseph Roth oder einen erfundenen Roman handelt. Die Schlüsselfigur, die den Zugang zu Roth herstellt, Fanny, ist ebenso erfunden wie ihre Familie.
Im ersten Abschnitt des Buches kommt ein Neffe von Fanny zu Wort, der seine Eindrücke und Erlebnisse über die Tante erzählt. Im zweiten Abschnitt bekommt man Tagebuchausschnitte von Fanny aus den Jahren, in denen Joseph Roth Untermieter bei ihren Eltern war, zu lesen. Sie hatte sich als junges Mädchen in den Neuankömmling aus dem Osten verliebt. Fanny kommt aus einer sozialistischen Familie. Der Vater war ein engagiertes Parteimitglied. Teile der Familie sind jüdisch, andere römisch-katholisch getauft. Roth kommt aus einem jüdischen Gebiet der Monarchie und schämt sich seiner Herkunft. Er verehrt den Kaiser und ist ein überzeugter Monarchist. Die Tagebuchaufzeichnungen enden, als des klar wird, dass Joseph Roth ein Frauenheld ist. Fanny muss das zur Kenntnis nehmen.
Im dritten Abschnitt treffen wir wieder auf Fanny. Hitler ist in Österreich einmarschiert und die Familie verlässt das Land. Die Eltern und eine Schwester wandern nach Israel aus und Fanny fährt noch in letzter Minute mit dem Zug nach Paris, wo sie von einer Verwandten des Kaisers eine Adresse einer französischen, adeligen Familie bekommt, die sie aufnimmt. Die Flucht, mit vielen Zwischenfällen, ist sehr spannend beschrieben. Bei der Gastfamilie wohnt sie in einem Gartenhaus und muss nach einigen Monaten dieses verlassen. Dann kommt wieder ein dichterischer Kunstgriff und der Autor des Buches lässt Fanny mit Joseph Roth zusammentreffen. Der Zeitpunkt könnte nicht besser getroffen worden sein: Sie trifft auf ihren Jugendfreund, der sich ebenfalls über Fanny freut und die alte Jugendliebe flammt wieder auf. Roth ist aber in schlechtem Gesundheitszustand. Fanny will das nicht wahrhaben. Sie wohnen beisammen. Die Beziehung bekam große Belastungen. Fanny musste viel Schmach auf sich nehmen. Ob Roth so war, kann nicht gesagt werden. Ob das die Romanfigur Joseph Roth oder der wirkliche Joseph Roth ist, bleibt dem Leser unbeantwortet. Aus der anfänglich wieder aufflammenden Liebe wurde am Ende aber Hass und Fanny musste weichen. Nach einem heftigen Streit packte sie ihren Koffer und zog in ein Untermietzimmer. Sie finanzierte ihr Leben als Ordinationshilfe bei einem deutschen Arzt, der mittellose Menschen gratis behandelte und so in den Bankrott rutschte.
Vom Tod Joseph Roths erfuhr Fanny aus der Zeitung. Ihr Chef, der Arzt brachte sie zum Begräbnis, wo sie völlig verstört zurückkam. „Ich blieb eine Weile ein seelisches Wrack … besaß keine Kraft mehr, das Bett zu verlassen, versagte bei simpelsten Alltagsverrichtungen, schaffte es nicht, mich zum Waschtisch zu schleppen oder beim Essen zu kauen und zu schlucken, alles Anstrengungen, die mir völlig sinnlos erschienen.“ (Seite 284) Der Arzt, den sie als Bruder betrachtete, verhalf ihr wieder auf die Beine.
Hitlers Besetzung von Paris stand bevor. Fanny hatte noch durch Roth einen amerikanischen Diplomaten mit galizischen Wurzeln – wie Roth – kennengelernt, dem sie Sprachunterricht in Deutsch gab. Der half dann zur Flucht, indem er Fanny und dem inzwischen mittellosen Arzt ein Visum für Amerika ausstellte und ein Schiffsticket besorgte. In letzter Minute verließen sie Frankreich. „Nicht mehr als einen Tag vor dem Angriff auf Frankreich nahm uns in Le Havre ein Frachtdampfer auf, der neben der Mannschaft nur zehn Passagiere an Bord hatte, Emigranten aus Österreich, Deutschland und Polen.“ (Seite 292)
Es ist ein spannendes und interessantes Buch. Es ist einerseits eine literarische Hommage an den Dichter Joseph Roth und andererseits eine Liebesgeschichte mit dem Hintergrund einer wechselvollen Geschichte Europas rund um den Ersten und Zweiten Weltkrieg. Politische Situationen aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg erinnern an die heutige Zeit. Ob die historische Beschreibung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem Wissen der Geschichte des 21. Jahrhunderts geschrieben ist oder ob es wirklich so viel Gemeinsames gibt?