Die Erzählerin Özlem reist als Erwachsene mit ihrem Ehemann in das ostanatolische Dorf, in dem sie als Kind unbeschwerte Sommerferien bei den Großeltern verbrachte. Beiläufig erwähnt ihr Onkel, dass der Ort einst von Armenier:innen bewohnt war. Erst jetzt wird ihr bewusst, dass ihre Großeltern, selbst Angehörige einer Minderheit, nicht schon immer in diesem Dorf lebten. Doch wie hängt ihre Familiengeschichte mit dem Genozid an den Armenier:innen zusammen? Wie aus einem tiefen Schlaf erwacht, beginnt sie zu forschen, bis sie endlich den Mut fasst, ihren Vater mit der Vergangenheit zu konfrontieren. Die vagen Ahnungen der Kindheit – die unerklärbare Melancholie der Menschen im Dorf, die Geschichten über den roten Fluss – verdichten sich zunehmend zu einer schrecklichen Erkenntnis über Verfolgung und den Verlust von Sprache und Kultur. Subtil und berührend verwebt Özlem Çimen dabei Vergangenheit und Gegenwart zu einer einzigartigen Geschichte über Unschuld, Unterdrückung und Überleben.
Özlem Çimen, geboren 1981 und aufgewachsen in Luzern, lebt mit ihrer vierköpfigen Familie in Zug. 2012 schloss sie den Master in Education in Special Needs an der Pädagogischen Hochschule Luzern ab und ist als Heilpädagogin im Kanton Luzern tätig.
Das schmale Büchlein lässt mich mit mehr Fragen als Antworten zurück. Wohl feinsinnig erzählt, wählt die Autorin das Ende ihres Textes zu einem Zeitpunkt, an dem ihre Nachforschungen und die Auseinandersetzung mit ihrer Familie über deren Vergangenheit erst begannen und für mein Dafürhalten leider viel zu früh enden. Dennoch gibt das Buch einen kleinen Einblick in die Vielschichtigkeit des Genozides an den Armenier:innen anhand der Familiengeschichte der Autorin.
Die innerschweizer Autorin Özlem Çimen begibt sich in ihrem Debüt «Babas Schweigen» auf eine Reise in die Vergangenheit eines ostanatolischen Dorfes. An ihrem Ende steht eine Erkenntnis, die gleichermassen belastend und befreiend ist.
Die Erzählerin Özlem wächst in den 1990er Jahren in der Schweiz auf, verbringt ihren Sommerurlaub jedoch regelmässig im Dorf ihrer Verwandten. Erzincan liegt im Osten der Türkei; hier sieht sie nicht nur ihre Grosseltern wieder, sondern auch allerlei Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen. Die Menge an Verwandten scheint endlos, ebenso die der Geschichten, die sie zu erzählen wissen. Doch alle scheinen sie von einer unerklärlichen Melancholie befallen.
Mit Erzincan verbindet Özlem dennoch mehrheitlich schöne Erinnerungen: Heisse Sommertage am Fluss, wie sie mit den anderen Kindern durch die Felder streunt und unreife Melonen stibitzt, wie sie das erste Mal ihren Kaffeesatz gelesen bekommt.
Eine Kaffeesatzleserin ist es auch, die ihr bei einem Besuch im Jahr 2013 voraussagt, dass sie hier etwas erfahren wird, das sie noch sehr lange beschäftigen wird. «Versuch, nicht alles so ernst zu nehmen» sind die Worte, die sie ihr mit auf den Weg gibt.
Und tatsächlich: Eher zufällig erfährt sie, dass das Dorf einst von Armenier:innen bewohnt war. Plötzlich ist sich Özlem nicht mehr sicher, woher sie eigentlich kommt. Ist ihre Familie tatsächlich türkisch, wie sie immer geglaubt hat? Haben ihre Grosseltern schon immer in diesem Dorf gelebt, schon immer diese Sprache gesprochen? Wieder zu Hause in der Schweiz, beginnt sie zu forschen. Schliesslich traut sie sich, ihren Vater danach zu fragen. Aber wird Baba sein Schweigen brechen?
Özlem Çimens Roman erzählt nicht nur von einer komplexen Familiengeschichte, die geprägt ist von Krieg und Vertreibung. Er erzählt auch von der Scham darüber, die über Generationen weitergegeben wird und im titelgebenden Schweigen mündet. Erzincans Vergangenheit ist blutig, und erst als Erwachsene kann Özlem hinterfragen, welche Rolle ihre Vorfahren darin gespielt haben. Die Erinnerungen an eine schöne, friedvolle Kindheit stehen plötzlich in krassem Kontrast zu den Gräueln, die auf dem gleichen Boden stattgefunden haben.
«Babas Schweigen» benennt diese, bleibt dabei jedoch subtil. Die Erkenntnis baut sich in Özlem Bruchstück für Bruchstück auf, bis sich das grosse Bild aus Unterdrückung, Vertreibung, Verlust von Kultur und Sprache und von schlichtem Überleben zusammenfügt. Um als Leser:in die Geschichte genau zu erfassen, reichen die schmalen 120 Seiten nicht aus; die Autorin gibt einem aber weiterführende Lektüre an die Hand, mit der das Thema vertieft werden kann. Und es gelingt ihr, zum Abschluss den Kreis ins Heute zu schliessen – berührend und versöhnlich.
"Wir sind noch nicht weit gefahren und trotzdem lassen der karge Munzur und der Fırat eine tiefe Sehnsucht entstehen. Sehnsucht wie Özlem. Jetzt weiß ich, warum ich so getauft wurde. Ich bin das Kind, das in der Sehnsucht entstanden und geboren ist." - Buchzitat (S.91)
Özlem Çimen entfaltet in ihrem Debütroman "Babas Schweigen" eine zutiefst emotionale Reise durch die Identität einer Familie. Die Geschichte wird aus der Sicht der Protagonistin aufgeblättert, die sich unerwartet der eigenen Vergangenheit stellen muss.
Die Autorin, selbst aufgewachsen in der Schweiz, begibt sich als Erwachsene zurück in das ostanatolische Dorf ihrer Kindheit. Die Sommer, einst von unbeschwerter Freude geprägt, werden zum Schauplatz einer schmerzhaften Enthüllung. Durch einen beiläufigen Kommentar ihres Onkels erfährt Çimen, dass das Dorf einst von Armenier:innen bewohnt war – eine Tatsache, die sie nie zuvor in Erwägung zog. Dieser Moment des Erwachens setzt eine intensive Forschungsreise in Gang, die sie schließlich dazu bewegt, das lang gehütete Schweigen ihres Vaters zu brechen.
Das Buch, obwohl kurz, entfaltet sich immer aus der Perspektive der Protagonistin in drei Zeitebenen: der Kindheit in den 90ern, der Erkenntnis im Jahr 2013 und der endgültigen Konfrontation im Jahr 2022. In knappen Kapiteln verwebt Çimen Kindheitserinnerungen mit gegenwärtigen Stimmungsbildern und schafft so ein facettenreiches Bild ihrer Familiengeschichte.
Die Erzählung ist geprägt von subtilen Hinweisen, die sich nach und nach zusammensetzen. Die Protagonistin durchlebt eine Achterbahn der Gefühle, von der Unschuld der Kindheit bis zur schmerzhaften Wahrheit über den Völkermord an den Armenier:innenn. Dabei werden nicht nur persönliche Familiengeheimnisse, sondern auch die kollektive Geschichte einer Minderheit enthüllt. Die kulturellen Elemente, eingewoben in die Geschichte, verleihen dem Werk eine besondere Authentizität. Çimen beschreibt mit Liebe zum Detail die aprikosenbestandenen Landschaften, kulinarische Genüsse und traditionelle Bräuche. Die Verwendung der zazakischen Sprache in den Kapitelüberschriften (hêkete, cirestiş ...) trägt zur kulturellen Tiefe bei und vermittelt einen Einblick in die Vielschichtigkeit der Erzählung. Die Sprache ist einfühlsam und poetisch, ohne dabei an Präzision zu verlieren. Besonders gelungen ist die Integration von humorvollen Momenten, die die Schwere des Themas auflockern. So hat mich die kurze Sequenz mit den Sonnenkernen erheitert, weil ich mich selbst auch in der Situation von Felix gesehen hab, als ich mich zum ersten Mal an die Kerne gewagt habe: "Das Knabbern von Sonnenblumenkernen ist so etwas wie ein Nationalsport. Die Schalen werden auf einen Haufen gespuckt. Dabei geht es darum, den größeren Haufen zu produzieren als die anderen" (S. 16)
Die finale Konfrontation des Vaters und die darauffolgende Friedensschließung der Protagonistin mit der Familiengeschichte hinterlassen einen starken Eindruck: "Wir werden viele Geschichten hören, die wir nicht immer verstehen werden. Vielleicht werden wir eines Tages alle Zusammenhänge begreifen, die für uns im Moment noch im Verborgenen sind." (S.90) Für mich war er allerdings zu kurz gegriffen und zu aprubt.
"Babas Schweigen" ist eine literarische Perle, die Geschichte, Kultur und persönliche Entdeckungen in einem harmonischen Geflecht verbindet. Als Leser:in wird man mit auf eine emotionale Reise genommen, die nachdenklich stimmt und zum Verständnis transgenerationaler Traumata beiträgt. Özlem Çimens "Babas Schweigen" verdient 4 Sterne (einen Stern Abzug wegen dem Ende) für seine tiefe Emotionalität, kulturelle Authentizität und subtile Enthüllung familiärer Geheimnisse. Ein Buch, das trotz seiner Kürze nachhaltige Eindrücke hinterlässt.
Das Buch ist ein Rezensionsexemplar. Dies hat die Meinung jedoch nicht beeinflusst.
Babs Schweigen ist ein schmales Buch dass von einer verschwiegenen Familiengeschichte handelt. Oder besser gesagt, um ein Teil der Geschichte, womit der Familie in Berührung gekommen ist. Und im Buch wird eigentlich die Frage nachgegangen, „Was ist passiert?“ und „Welche Rolle hat die Familie darin gespielt?“.
Wer hofft hier eine Immigrationsgeschichte zu finden, ist fehl am Platz. Obwohl die Hauptperson (vermutlich die Schriftstellerin) in der Schweiz als Einwanderin aufgewachsen ist, handelt es hier um eine Spursuche in die Vergangenheit ihrer Grosseltern.
Die Geschichte wird als Episoden die teilweise hier und teilweise während Besuchen in der Türkei erzählt. Und so bekommt sie in kleine Puzzleteile Einsicht in erstens die Geschichte von Dersim, eine Region oder Stadt in der Osttürkei. Dort sind zuerst die Armenier vertrieben, und später die Aleviten, die sogar eine eigene Sprache (Zazaisch) haben. Irgendwann könnte die letzte Gruppe zurückkehren, aber die Gegend wird Türkisch gemacht. Keine eigene Sprache usw. Und zweitens in die Rolle ihrer Familie, und hauptsächlich das Schweigen darum herum. Man hat sich mit der neuen Situation abgefunden und das Vorher „vergessen“. Etwas das sehr verständlich ist, und vermutlich öfter passiert als wir wahrhaben möchten. Einfach überlebenswichtig. Trotzdem gibt es noch kleine Hinweisen
Mich hat die Lektüre sehr gut gefallen. Es ist sehr fragil und auch schön geschrieben. Und dreht sich eigentlich nur um diese Geschichte. Und genau das gefällt mich. Obwohl ich auch Kommentare gelesen habe, die scheinbar mehr erwartete, und deshalb enttäuscht waren. Schade. Für mich war es einfach schön zu lesen.
Und hoffentlich für anderen auch. Özlem Cimen war an den Solothurner Literaturtagen. Ihre Lesung habe ich dann leider nicht besuchen können, aber ich werde es im Herbst 2024 irgendwo in der Schweiz mal nachholen.