»Behalte für dich, was du gesehen hast, und sprich nicht über Dinge, die du nicht gesehen hast«, besagt ein alevitisches Sprichwort. Als der 29-jährigen Alev klar wird, dass auch ihre Familie, Angehörige der unterdrückten religiösen Minderheit der Aleviten in der Türkei, lange nach diesem Sprichwort gelebt hat, möchte sie das Schweigen brechen – und beginnt zu fragen. Warum migrierte ihr Vater als linksaktivistischer Student in den siebziger Jahren nach Köln? Was zerschlug das erfolgreiche Textilunternehmen ihres Onkels Cem in Istanbul? Alev, die in Köln wohnt, und bisher jeden Sommer beim türkischen Teil ihrer Familie verbracht hat, fragt und sammelt die O-Töne ihrer Verwandten, während sich zeitgleich die politische Lage in der Türkei nach dem gescheiterten Putschversuch 2016 zuspitzt.
Wie meine Familie das Sprechen lernte ist der Beweis dafür, dass das Unmögliche sich beschreiben lä Die Gefühle und Verletzungen einer Familie. Leyla Bektas begibt sich in die Leerstellen, die Fragen, den Schmerz und die Rätsel. Ihre Sprache ist klar und nimmt sich Stück für Stück den nötigen Raum für eine Geschichte, die erzählt werden muss.
Als Alev von ihrem Vater hört, dass ihr Onkel Cem in der Türkei im Koma liegt, ist sie zutiefst bestürzt. Sie kann sich ihren immer so fröhlichen, unternehmungslustigen Onkel nicht in einem Krankenhausbett liegend vorstellen. Ihr Vater reist zu seinem Bruder in die Türkei, in der sich die politische Lage 2017, kurz vor dem Verfassungsreferendum, gerade zuspitzt. Alev beginnt, die Geschichte ihrer Familie zu recherchieren - und trifft auf viel Schweigen, auch durch die Sprachbarriere, denn Alev hat als Tochter einer deutschen Mutter und eines türkischen Vaters nie Türkisch gelernt. Ihre Familie gehört in der Türkei der religiösen Minderheit der Alevit*innen an, die Diskriminierung und Verfolgung erlitt und bis heute erlebt. Alev möchte mehr erfahren, über ihren Vater, der als linksaktivistischer Student in den siebziger Jahren nach Köln kam, ihren Onkel, der ein erfolgreiches Textilunternehmen führte, bis er inhaftiert wurde. Sie begibt sich auf Spurensuche, immer in der Hoffnung, dass ihr Onkel aufwachen wird.
Die Protagonistin Alev in Leyla Bektaş Debütroman "Wie meine Familie das Sprechen lernte" steht zwischen zwei Kulturen, versucht ihren Platz zu finden, ihre Wurzeln zu verstehen - und scheitert immer wieder insbesondere daran, dass sie Türkisch, die Sprache ihrer Familie, nicht kann. Sprache nimmt in diesem vielschichtigen und berührenden Roman viel Raum ein, sie ist Mittel der Verbindung, aber auch Barriere. Die Handlung im Buch wechselt zwischen Gegenwart und Vergangenheit, außerdem werden verschiedene Perspektiven von Familienmitgliedern eingenommen, was ich sehr interessant fand. Das Alevitentum spielt in Bektaş Roman eine zentrale Rolle, die Autorin beleuchtet innerhalb der individuellen Geschichte Alevs die Traditionen und Traumata dieser religiösen Gemeinschaft. So erhalten die Lesenden Einblicke in eine oft wenig bekannte Kultur und ein Stück Zeitgeschichte, das selten erzählt wird.
"Wie meine Familie das Sprechen lernte" hat mich vor allem auf inhaltlicher Ebene überzeugt, auch den Schreibstil der Autorin mochte ich. Allerdings bleibt der Roman trotz seiner Stärken bei mir nicht nachhaltig im Gedächtnis haften, ich hätte mir insbesondere noch mehr Textstellen aus Alevs Sicht gewünscht, etwas mehr Berichte aus ihrem Leben. Wer politische Familiengeschichten und Erzählungen über die Suche nach Identität mag, wird ganz sicher Gefallen an diesem Buch finden!
Man muss nicht Alevi sein, um zu sehen, wie unterrepräsentiert alevitische Perspektiven in der (deutschen) Literatur sind (obwohl wir so viel zu erzählen haben), deswegen war ich so froh, ein Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten zu haben! Das Buch kam am Samstag an, habs direkt in die Hand genommen und in einem Rutsch durchgelesen, was vor allem an dem Schreibstil von Bektaş lag, der mich so durch die Seiten fliegen ließ - trotz der teilweisen Schwere der Themen.
Alev ist eine junge alevitische deutsch-türkin, auf den Spuren ihrer Familiengeschichte. Dabei spiegelt die Geschichte nicht nur ihre individuelle Geschichte wider, sondern auch die Erfahrungen vieler Menschen mit alevitischem Hintergrund, die in vielen Familien aus einem großen Fragezeichen besteht, weil viele Familien irgendwann entschieden haben, dass schweigen einfacher - vor allem überlebenssicher ist. Das Buch ist nicht nur Fiktion, sondern behandelt auch reale historische Ereignisse, die bis heute eine offene Wunde in unserer Community sind, weil diese Verbrechen bis heute kaum/gar nicht aufgeklärt wurden. Alev und ihre Familie sind zwar Fiktion, stellen dennoch die Realität vieler alevitischer Familien dar. Obwohl ich mit Alev nicht ganz relaten konnte (anders als sie bin ich mit dem Alevitentum aufgewachsen und wusste auch immer, dass ich Alevitin bin) und finde, dass sie bis zum Ende hin aufgrund ihrer Passivität überhaupt keine Persönlichkeit hat, fand ich ihre Reise zu sich Selbst und ihrer Familiengeschichte sehr spannend. Das Buch wechselt zwischen Alevs Gegenwart und der Vergangenheit ihrer Familie, zu denen ihr Vater Mithat, ihre Onkel Hüsnü und Cem und ihre Oma Hatun gehören. Vielleicht ist es gerade ihre Passivität, die so eine gute Balance schafft zwischen der Vergangenheit und der Spurensuche in der Gegenwart. Vor allem die Einblicke in die Vergangenheit haben es mir sehr angetan, weil ich in vielem davon auch meine eigene Familie bzw meinen Vater gesehen habe, der Jura Student in Ankara war und am eigenem Leib erfahren musste was es bedeutete, in der Türkei alevitisch, kurdisch, links zu sein. Besonders das Kapitel von Saatci („Uhrenmacher“) hat mich sehr berührt, obwohl es so kurz war. Saatci, der das Leben in Deutschland nicht mehr aushielt und zurück in seine Heimatstadt ging - Maraş. Genau dann, als die Pogrome stattfinden. Was mit ihm passiert, wissen wir nicht sicher, können es uns aber denken, angesichts der Verbrechen, die dort 1978 über Tage stattfanden. Was mich ebenfalls gecatcht hat, waren die politischen Aspekte. Bektaş hat diese gut eingefangen, und diese Haltung innerhalb einer Familie auch mMn realistisch rübergebracht; von Mithats Cousin Haydar, der von Deutschland aus um eine Veränderung in der Türkei kämpfte, über Mithat, der nicht verstand, wieso sein Cousin denkt, er könne von „hier“ aus etwas bewirken, es ihm aber niemals sagen würde, bis hin zu Hüsnü dem Lehrer, der seine Schulzeit damit verbrachte von Anhängern der „Graue Wölfe“ verprügelt zu werden und Cem, der der am Ende „der Kapitalist“ wurde (wie ihn Madimak nannte) - wobei ich zugeben muss, dass Cem es mir sehr angetan hat 🥲 Irgendwie hat er mich an meinen Vater erinnert. Generell dieser Zusammenhalt, der in dieser Familie herrschte, war so schön zu beobachten, ich habe irgendwie das Gefühl, dass viele dieser Bücher, die so Familiengeschichten behandeln, meistens aus Dramen bestehen, wo es hier und da Konflikte gibt. Aber diese Familie war anders, was vielleicht auch damit zutun hatte, dass sie es sich aufgrund ihrer Verletzbarkeit nicht leisten konnten, nicht zusammenzuhalten. Ich hatte erst die Befürchtung, dass die Art und Weise, wie das Alevitentum dargestellt wird, nicht mit meiner Auffassung des Alevitentums übereinstimmen würde (was irgendwo trotzdem valid wäre, wenn man bedenkt, dass das Alevitentum einer Assimilierung ausgesetzt war/ist, sowie die Autorin es im Nachwort anmerkt), aber Mithats Antwort auf Alevs Frage, was das Alevitentum sei, hat mir diese Befürchtung genommen (müsst ihr schon selber lesen 👁👅👁). Viele diskriminierende Vorfälle in dem Buch kann selbst ich als Alevitin, die in Deutschland lebt, bestätigen, weil ich sie auch so erlebt/gehört habe - so eine Ironie, wenn man bedenkt, dass viele unserer Familien nach Deutschland gekommen sind, um eben diesem Rassismus und dieser Diskriminierung zu entfliehen, nur damit ihre Kinder hier die selben Sprüche zu hören kriegen. Am Ende wird die ganze Geschichte von Cem abgerundet, der die letzten Fragezeichen bezüglich der Familiengeschichte aufklärt und damit einige meiner Vermutungen bestätigt hat (z.B. was die Oma Hatun angeht - weil meine Familie auch diesen Background hat).
Damit wäre ich dann bei einem Punkt, mit dem ich struggle: Alevis werden vor allem deshalb so angefeindet, weil Dinge, die Aleviten tun, irgendwie immer schwerer lasten, obwohl andere Leute all diese Dinge genauso tun. zB Alkohol trinken - das tut Cem sehr oft. Mal ganz abgesehen von meiner persönlichen Haltung zu Alkohol (ungesund - lasst es 🥹) finde ich, dass das so Aspekte sind, die so :/ sind. Weil einerseits denke ich mir „Ja fuck it, gib uns einen alevitischen Charakter, der all diese Dinge tut, für die Aleviten angefeindet werden - gib sie uns aus Trotz“, aber andererseits habe ich die Befürchtung, dass damit Vorurteile bestärkt werden, ganz nach dem Motto „War ja klar, dass der Alkohol trinkt, so sind Aleviten halt“ - aber im Endeffekt ist das irgendwie auch scheiß egal, weil wer Vorurteile hat, der wird sie auch ohne Alkoholtrinkenden Cem haben. Das waren nur so meine zwei Cents dazu.
Mein größter Kritikpunkt und auch der Punkt, der mich am meisten enttäuscht: Hätte ich das Buch als Außenstehende gelesen, würde ich denken, dass es nur türkische Aleviten gibt. Über kurdische Alevis wurde so gut wie kein Wort verloren. Im Nachwort erwähnt Bektaş, dass die Geschichte der Alevis auch eng mit der Verfolgung der Kurd*innen zusammenhängt, sie dem aber keinen Rahmen bieten konnte - völlig okay, da der Fokus des Buches ein anderer ist. Aber im Laufe des Buches gab es immer wieder Möglichkeiten, den Lesenden ganz subtil darüber zu informieren, dass das Alevitentum nicht nur bei Türk*innen vertreten ist, sondern kurdische Alevis genauso existieren. Das hätte man z.B. machen können, als die Namen Yilmaz Güney oder Hasret Gültekin fielen - gerade bei Hasret, finde ich das weglassen seiner kurdischen Identität so schwerwiegend, weil er seine kurdischen Lieder in der Türkei nur als Instrumental veröffentlichen durfte, da die Kurdische Sprache verboten war. Ich hätte mir gewünscht, dass das Buch zumindest klargemacht hätte, dass es auch kurdische Alevis gibt (die gerade deswegen Mehrfachdiskriminiert sind) weil als Außenstehende wäre ich allein durch das Buch nicht darauf gekommen. Das erinnert mich daran, wie alevitische Türk*innen seit ich denken kann versuchen, mir meine kurdische und alevitische Identität abzusprechen, indem behauptet wird, dass es keine kurdischen Aleviten gäbe und ich entweder nur türkisch + alevitisch sein muss oder kurdisch + muslimisch (alevitisch PLUS kurdisch hat in deren Weltbild nicht existiert).
Zudem gibt es den Großvater im Buch, der mir zu sehr Atatürk Fanboy ist - als Kurdin stehe ich ihm offensichtlich kritisch gegenüber. Das werde ich aber nicht groß kritisieren, weil es (leider) wirklich Aleviten gibt, die M.K. abfeiern - im Buch wird aber richtigerweise (und auch wichtig!) vom Großvater angemerkt, dass das Dersim Massaker, bei dem mehrere zehntausend Alevis in Dersim massakriert wurden unter seiner Herrschaft stattfand (die Einordnung, dass es kurdische Aleviten waren, hat mir gefehlt).
Trotz der Kritikpunkt ist „Wie meine Familie das Sprechen lernte“ eine Empfehlung wert, da es ein eindrucksvoller Debütroman ist, der sich mit Identität, Kultur, Politik und einer schmerzhaften Familiengeschichte auseinandersetzt, die für viele Menschen viel mehr Realität als Fiktion ist.
puh, was für ein buch, wie nah kann ein fremder text an der eigenen lebensgeschichte sein? ich fühle mich wahnsinnig gesehen, habe mich in so vielem wiedererkannt, so viel neues gelernt, so viel erkannt, wo ich genauer nachfragen muss. dieses buch war auch eine reise durch meine eigene identität, ich bin leyla bektaş sehr dankbar, diesen roman über familien zwischen kulturen, zerrissenheit und verbundenheit, die türkische und insbesondere alevitische geschichte so sensibel und poetisch geschrieben zu haben. das hat sich nach schmerzhafter nostalgie angefühlt, nach gesehen werden, nach neugierde auf die eigene geschichte.
zunächst erstmal vielen dank an den nagel&kimche verlag für das rezensionsexemplar!
3,5 ⭐️ - ein unfassbar wichtiges buch,denn auch wenn ich selber keine alevitin bin,bin ich mir der unterdrückung dieser religion schon seit meiner kindheit bewusst und genau so bewusst bin ich mir der tatsache,dass es viel zu wenig repräsentation von alevitInnen gibt. dafür ein großes lob an die autorin! an unfassbar vielen stellen,hat mich die geschichte von alev und ihrer familie an die meiner eigenen familie erinnert,die schmerzhafte nostalgie in paarung mit der systematischen unterdrückung wird perfekt umgesetzt. jedoch gibt es einige punkte die mich gestört haben. 1. die autorin erwähnt zwar in ihrem nachwort,dass sie hier,obwohl diese relevant ist im bezug auf alevitInnen,die geschichte der kurdInnen nicht berücksichtigen konnte,was im grund absolut in ordnung ist. jedoch sollten menschen wie deniz gezmiş nicht ohne diese tatsche einhergehen,da der umstand des kurdisch seins einfach wichtig ist für den kontext der ereignisse und um die schwere der tatsache zu verstehen. zudem wird davon gesprochen,dass alle alevitInnnen von grund auf links sein. leider hab ich immer noch das gefühl,dass die türkische auffassung vom „links sein“ nicht wirklich links ist. sonst würde es keinen rassismus türkischer alevitInnen gegen kurdische geben und andersherum. 2. da ich selber sunnitin bin möchte ich mit dem zweiten punkt vorsichtig sein,aber ich find die übertriebene zurschaustellung der vorurteile und klischees die man gegenüber alevitInnen immer wieder mitbekommt in diesem buch beinahe zu überspitzt dargestellt. 3. die extreme verehrung von MKA in diesem buch war mir ein dorn im augen. er wurde nur ein einziges mal kritisiert in dem buch und das in einem nebensatz.
alles in allem hatte ich die geschichte in einem rutsch durch,weil sie eben so nah und so wichtig ist. für die oben genannten kritikpunkte gab es die 1,5 ⭐️ abzug.
Ein Roman, der mich sehr beeindruckt und gefesselt hat. In kompakten Kapitel, die zwischen Personen, Orten und Jahrzehnten hin- und herspringen, wird in präziser, im besten Sinne souveräner, aber auch poetischer Sprache die Geschichte mehrerer Generationen einer alevitischen Familie zwischen Deutschland und der Türkei erzählt. Auch wenn man in türkischer Geschichte und in Bezug auf das Alevitentum recht unbewandert ist, ist es keine trockene Lektüre, sondern sie vermag einen wahren Sog auszulösen. Ganz nebenbei gibt es in Szenen, die in Köln spielen, ein paar kurze, sehr gelungene Darstellungen dieser Stadt. Aber auch andere Städte werden in kurzen Bemerkungen eindrucksvoll beschrieben, etwa Ankara und seine "geheime Geographie".
In "Wie meine Familie das Sprechen lernte" begleiten wir Alev, eine junge Deutsch-Türkin mit alevitischem Hintergrund, auf ihrer Suche nach der Geschichte ihrer Familie. Ihr Onkel Cem, eine zentrale Figur in ihrem Leben und ihre Verbindung zur türkischen Seite der Familie, liegt im Koma. Dieses Ereignis wird zum Ausgangspunkt für Alevs tiefere Auseinandersetzung mit den Wurzeln ihrer Familie und den politischen Entwicklungen, die ihr Leben und das ihrer Vorfahren geprägt haben. 📖✨
Die Erzählung wechselt zwischen der Gegenwart und den Erlebnissen ihrer Familie in der Türkei, insbesondere den politischen Repressionen gegen Alevit:innen und linke Bewegungen. Dabei rücken zentrale Figuren wie Alevs Vater Mithat, ihre Onkel Hüsnü und Cem sowie ihre Großmutter Hatun in den Fokus. Leyla Bektaş verarbeitet dabei reale historische Ereignisse, die bis heute Wunden in der alevitischen Community hinterlassen haben, insbesondere die Pogrome gegen Alevit:innen in den 1970er Jahren. 💭⭐
Leyla Bektaş schreibt präzise, atmosphärisch dicht und mit einer gewissen Zurückhaltung. Ihre Sprache ist poetisch, aber nie überladen, und sie schafft es, ein komplexes Familienschicksal mit politischer Geschichte zu verweben. Besonders stark fand ich die Passagen, in denen historische Ereignisse geschildert werden – sie sind eindringlich, bedrückend und lassen einen nicht los - auch wenn ich am Anfang etwas erschlagen von Allem war. Die vielen Zeitsprünge und Perspektivwechsel waren anfangs schwer zu greifen, und ich brauchte etwa 100 Seiten, um mich wirklich in die Geschichte einzufinden. Der Stammbaum am Ende des Buches war dabei eine große Hilfe. 📖🔍
Die Handlung entfaltet sich langsam, fast zögerlich, und spiegelt damit auch die Sprachlosigkeit wider, die viele alevitische Familien über Generationen hinweg begleitet hat. Alev als Protagonistin bleibt dabei eher passiv – sie fungiert mehr als Beobachterin und Zuhörerin, was einerseits die Balance zwischen Gegenwart und Vergangenheit erleichtert hat, andererseits aber auch dazu führt, dass sie als Figur wenig eigene Impulse setzt. 📚💔
Besonders interessant fand ich die Nebenfiguren, allen voran Cem, dessen Charisma und Vielschichtigkeit die Erzählung tragen. Auch die politischen Spannungen innerhalb der Familie – von Haydar, der aus Deutschland heraus für eine Veränderung kämpft, über Mithat, der daran zweifelt, bis hin zu Hüsnü, der unter rechtsextremer Gewalt litt – wurden ziemlich deutlich dargestellt. 📖🌍
Ich bin weder Türkin noch Alevitin, aber die Relevanz dieses Buches ist offensichtlich. Alevitische Perspektiven sind in der deutschen Literatur kaum repräsentiert, obwohl sie so viel zu erzählen haben. Umso wichtiger ist dieser Roman, weil er ein Bewusstsein für die Verfolgung und Marginalisierung von Aleviten schafft. Besonders die politischen Aspekte haben mich berührt. Es zeigt sich einmal mehr, wie Geschichte bis in die Gegenwart nachwirkt – und wie traumatische Erlebnisse innerhalb von Familien weitergegeben werden. Die Szene um Saatçi, den „Uhrenmacher“, der nach Maraş zurückkehrt hat mich besonders getroffen. Die Grausamkeit dieser Ereignisse, die Ungewissheit über sein Schicksal – das sind die Momente, die einem nach dem Lesen im Kopf bleiben. 🥺
Ein großer Kritikpunkt, den ich auch bei Esra gelesen habe, war die fehlende Thematisierung kurdischer Alevit:innen. Auch wenn Leyla Bektaş im Nachwort darauf hinweist, dass sie sich darauf nicht fokussieren konnte, hätte ich mir zumindest subtile Hinweise darauf gewünscht. Die enge Verbindung zwischen der Verfolgung von Alevit:innen und der Diskriminierung von Kurd:innen in der Türkei ist essenziell, um das gesamte Bild zu erfassen. Auch die starke Verehrung von Atatürk in Teilen des Buches hat mich irritiert und einen faden Beigeschmack hinterlassen. 🗣️
Fazit: Der Roman ist nicht perfekt, aber er ist relevant – und allein dafür verdient er Aufmerksamkeit. Ich kann dieses Buch allen ans Herz legen, da sich die meisten bestimmt noch nicht ausreichend mit dieser Geschichte beschäftigt haben. ⭐⭐⭐✨
das buch ist schön geschrieben. ich habe mir mehrere stellen markiert, in denen es der autorin gelingt mit wenigen worten ganz viel auszusagen und ein besonderes gefühl mitzugeben. ich habe auch sehr viel inhaltliches und historisches mitgenommen. ich hatte allerdings etwas schwierigkeiten mit dem roten faden. ich hab das große ganze am ende nicht so recht erfassen können.
Das Buch hat mir sehr gut gefallen. Es ist eine berührende, komplexe Geschichte die sich mit Familie, Zugehörigkeit, Diskriminierung und Gewalt auseinandersetzt. Es war meine erste Auseinandersetzung mit dem Alevitentum, ich bin froh es gelesen zu haben.
Dieses Buch hat mir Einiges abverlangt und ich habe mich sehr disziplinieren müssen, dass ich es zu Ende lese. War es schlecht? Nein, auf gar keinen Fall! Sprachlich fand ich es eigentlich schön, auch der Plot wäre sehr interessant gewesen... jetzt kommt das große Aber:
Als eine Person, die sehr wenige Berührungspunkte mit Türk*innen hat und auch sonst kaum Einblick in Land, Kultur und Geschichte habe, kam ich mir streckenweise auf komplett verlorenem Posten vor. Eigentlich hätte es viele Gründe gegeben mindestens alle zwei Seiten mein Handy zur Hand zu nehmen und etwas ergoogeln zu müssen... dann wäre ich wohl mindesten noch eine weitere Woche mit dem Buch beschäftigt gewesen. Ich habe keine Probleme einer Geschichte zu folgen mit vielen für mich fremden Namen, das schaffe ich... aber wenn dann noch Namensanhängsel (wahrscheinlich Familienstand?) auf türkisch vorkommen, dazu Städte- und Dorfnamen, türkische Gerichte und generell Ausdrücke, dann bin ich leicht überfordert. Nirgendwo eine Fußnote oder ein Glossar um mich etwas gescheiter zu machen. Abgesehen von der Familiengeschichte, die durch hin- und herspringen in der Zeit erzählt wird, gibt es viele Anspielungen auf politische Ereignisse in der Türkei, die mir nicht geläufig waren und viele Politiker Namen, die mir absolut nichts sagten. Nach jedem Kapitel hatte ich gefühlt 10 Fragen mehr im Kopf als zuvor. Das Schicksal der Aleviten hätte mich brennend interessiert, aber auch da vertieft sich die Geschichte leider nicht wirklich, es werden Eckpunkte angerissen, mehr leider auch nicht.
Rate ich also von der Lektüre ab? Nein, ich empfehle sie allen, die sich mit der Türkischen Kultur und Geschichte etwas auskennen, oder direkt Wurzeln in diesem Land haben - ich denke, diese Leser*innen werden viel mit diesem Buch anfangen können.
**** Worum geht es? **** Die Geschichte spielt auf zwei Zeitebenen: in den 1970er Jahren zur Zeit der Einwanderung und in der Gegenwart, im Jahr 2017. Im Mittelpunkt steht die politische Verfolgung, die einen Teil der Familie nach Deutschland brachte, wo sie das Gefühl der Freiheit erlebten. Der andere Teil der Familie blieb in der Heimat und war Diskriminierungen ausgesetzt. Die heutige Generation lebt in Deutschland und befindet sich in einem Zwiespalt, da sie sich weder ganz mit der deutschen Gesellschaft noch mit ihrer Herkunft identifizieren kann.
**** Mein Eindruck **** Das Buch gab tiefe Einblicke in die Kultur und Entwicklung von eingewanderten Deutsch-Türken und förderte das Verständnis für ihre Erfahrungen. Der Einstieg fiel aufgrund der vielen Charaktere und Namen anfangs schwer, aber es lohnte sich, dranzubleiben. Ein versteckter Stammbaum am Ende half, die Verbindungen besser zu verstehen. Der Wechsel der Erzählerperspektiven fügte der Erzählung eine interessante Dynamik hinzu. Während die Geschichte meist aus der Perspektive wechselnder Charaktere erzählt wurde, gab es auch Schlüsselszenen aus der Ich-Perspektive. Das Ende war stimmig und bot beiden Generationen ein Happy End. Der Erzählstil wirkte stellenweise sprunghaft, aber das beeinträchtigte nicht die Tiefe der Geschichte. Der Schreibstil war flüssig, und die Entwicklung der Familie über mehrere Generationen hinweg war fesselnd. Besonders gelungen war die "Own-Voice"-Erzählweise, die den Charakteren Authentizität verlieh und die Geschichte lebendig machte.
**** Empfehlung? **** Ein fesselndes Buch für alle, die sich für Einwanderungsgeschichte, kulturelle Identität und Generationenkonflikte interessieren.
Ein Buch, das ich als Diversity Trainerin empfehlen kann. Ich nenne das „passives Lernen“. Es geht darum in der Freizeit passiv durch das Lesen von Romanen andere Perspektiven/Geschichten kennenzulernen.
Das Buch taucht ein in die Welt alevitischer „Deutsch-Türken“ und deren Mehrfach Zerrissenheit aufgrund von Diskriminierung, Verfolgung, Leben in Diaspora. Mutig werden Missstände und Versäumnisse der türkischen Regierung(en) dargelegt.
Ein Buch, das man oft weglegen muss, um Ereignisse zu recherchieren, die in der Öffentlichkeit leider zu wenig Aufmerksamkeit bekommen.